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ERC Ingolstadt

23.06.2020

Mike Collins: Warten auf das Klingeln

Weiß zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, wo er künftig spielen wird: Stürmer Mike Collins, der in den vergangenen drei Jahren für den ERC Ingolstadt auf Torjagd ging.
Bild: Johannes Traub

Plus Der vertragslose Angreifer Mike Collins spricht im großen NR-Interview über pure Ungewissheit, falsche Gerüchte, Kabinenmusik, den „harten“ Cheftrainer Doug Shedden und verrät, warum er derzeit kein Spieleragent sein möchte

Vermutlich würde Mike Collins jetzt viel lieber einen Anruf von Larry Mitchell entgegennehmen. Doch seit seinem Abschlussgespräch Anfang März hat der 30-jährige US-Amerikaner nichts mehr vom Sportdirektor des ERC Ingolstadt gehört, da diesem ohnehin bis zum 30. Juni schlichtweg die Hände gebunden sind. Es gab schon bessere Zeiten, um vertragsloser Eishockey-Profi zu sein. Und deswegen klingelt jetzt eben nicht Mitchell, sondern die Neuburger Rundschau an. Collins wirkt unsicher – und beantwortet die Fragen dennoch wie eh und je: Etwas „vernuschelt“ und gespickt mit allen Varianten des englischen Ausdrucks für „mein Freund“.

Herr Collins, Grüße nach Boston! Wie geht es Ihnen?

Collins: Servus! (auf Deutsch; Anm. d. Red.) Mir geht es so weit ganz gut. Die Beschränkungen hier werden allmählich gelockert. Restaurants haben jetzt wieder draußen geöffnet. Wir hatten letztens mit den Sullivans, den Edwards und den Simpsons ein kleines Barbecue in unserem Garten. Am Wochenende waren wir bei den Großeltern meiner Frau an einem See in New Hampshire. Viele Menschen arbeiten wieder.

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Wann Sie wieder arbeiten, steht allerdings noch in den Sternen. Hätten Sie sich vor ein paar Monaten vorstellen können, dass das Corona-Virus nicht nur das frühzeitige Aus einer Eishockey-Saison, sondern auch das Ende des alltäglichen Lebens, wie wir es kennen, bedeutet?

Collins: Absolut nicht. Es ist schrecklich, weil es einfach jeden betrifft. Familien-Mitglieder könnten krank werden oder ihren Job verlieren. Aber um etwas Positives daraus zu ziehen: Man lernt dadurch, die kleinen Dinge zu schätzen, die genau vor uns liegen: Ins Fitnessstudio zu gehen oder in Bars. Den ganzen Tag essen zu können, auf was auch immer man Lust hat.

Erinnern Sie sich an Ihre letzten Tage in Ingolstadt?

Collins: Ja. Wir haben uns auf Augsburg vorbereitet. Es gab eine Team-Besprechung, in der gesagt wurde, dass das Spiel stattfinden würde – ob mit oder ohne Fans, aber wahrscheinlich ohne. Am Abend vor dem Play-off-Start erzählte man uns dann, dass die Saison abgebrochen wird. Von da an wurden die Dinge ein wenig verrückt. Wir hatten Panik. Keiner wusste, was abgeht, als es hieß, dass die USA ihre Grenzen dichtmachen würden. Wir Nordamerikaner haben versucht, mit dem nächstbesten Flugzeug heimzukommen.

Verfolgen Sie über Ihre deutschen Teamkameraden, wie die aktuelle Lage hier in Bayern ist?

Collins: Ja! Ich bin mit ein paar Jungs in Kontakt. Mit „Wagi“ (Fabio Wagner, Anm. d. Red.) oder „Detschi“ (Hans Detsch). „Detschi“ ist ganz groß auf Instagram! Ich antworte immer auf seine Stories, um sicherzugehen, dass er sich an das Social Distancing hält und Maske trägt (lacht).

Mit welchem Gefühl haben Sie Ingolstadt verlassen? Der Klub kommunizierte damals, Ihre Zukunft beim ERC sei ungewiss...

Collins: Sie sagten zu mir, dass sie sich nicht sicher seien, ob ich zurückkommen könne, mehr nicht. Es war pure Ungewissheit. Ich habe seitdem mit niemandem vom Verein außer mit meinen ehemaligen Teamkameraden gesprochen.

Für vertragslose Nordamerikaner muss es gerade eine schwierige Situation sein. Brett Olson und Doug Shedden sprachen offen über die Option, vielleicht nicht nach Europa zurückzukehren. Nehmen Sie uns mit in Ihre Gedankenwelt...

Collins: Ehrlicherweise denken meine Frau und ich nur von Tag zu Tag. Es gibt gerade sicher wichtigere Dinge. Die ganze Welt ist betroffen, nicht wahr? Nicht nur Eishockey-Spieler. Man muss das große Ganze sehen und positiv bleiben. Wir werden sehen, was im Juli passiert, wenn die Transfersperre in der DEL aufgehoben wird. Mehr kann ich gerade nicht tun.

Das Gerücht, Sie würden nach Köln wechseln, hielt sich hartnäckig. Gab es Interesse von den Haien?

Collins: Davon habe ich nur einmal in der Zeitung gelesen. Ich schwöre bei Gott: Ich weiß genauso viel wie Sie! Ich habe keine Ahnung, woher dieses Gerücht kommt. Wie gesagt: Es war eine verrückte Zeit. Bevor es so überstürzt nach Hause ging, habe ich nichts unterschrieben.

Haben Sie sich ein zeitliches Limit gesetzt, bis wann Sie Klarheit über Ihre Zukunft wollen?

Collins: Die Antwort ist wohl: Ich warte so lange, bis die Verantwortlichen einen Weg gefunden haben. Natürlich will man so bald wie möglich Sicherheit haben. Aber das wäre in der aktuellen Lage nicht fair. Ich bin mir sicher, dass es noch viele Dinge zu regeln gibt, damit die nächste Saison über die Bühne gehen kann. Ich verstehe, dass so etwas Zeit in Anspruch nimmt. Vielleicht findet die Saison auch überhaupt nicht statt.

Und dann?

Collins: Daran will man gar nicht denken. Aber ich weiß nicht. Wenn es so ist, dann zählt das große Ganze, ein weltweites Problem, das behoben werden muss, bevor wir wieder spielen können.

Sie können also überhaupt nicht sagen, wie wahrscheinlich es ist, dass man Sie ab Herbst wieder in Ingolstadt sieht?

Collins: Nein, wirklich nicht. Ich weiß da so viel wie Sie. Hoffentlich kommt bald ein positiver Anruf samt Jobangebot. Und dann schauen wir weiter.

Wie sind Sie diesbezüglich gerade in Kontakt mit Ihrem Agenten?

Collins: Ich möchte gerade kein Agent sein (lacht). Die Jungs sind wahrscheinlich schon richtig genervt, weil all ihre Spieler sie anrufen. Ich habe bisher genau zweimal mit meinem Agenten gesprochen: Als ich Deutschland verlassen habe und vor ein paar Wochen. Da ging es um den Transferstopp der DEL. Wir werden sicherlich wieder Anfang Juli sprechen.

Lassen Sie uns kurz über Ihren Coach Doug Shedden sprechen. Er bezeichnete Sie als seinen „Kleber in der Kabine“. Was meint er damit?

Collins: Oh Gott (lacht)! Ich habe keine Ahnung. Ich versuche einfach, ein kleiner Trottel zu sein und jeden Tag positive Energie zu verbreiten. Das kann viel bewirken. Unter der Woche bin ich für gewöhnlich Kabinen-DJ. Aber „Disko-Detschland“ (Detsch, Anm. d. Red.) versucht da, wann immer es geht, heranzukommen und seine Partymusik zu spielen. Mamma Lauda!

Die Stimmung in der Kabine schien im Vergleich zu den Vorjahren besonders gut gewesen zu sein...

Collins: Wir hatten für ein paar Jahre denselben Mannschaftskern. Das hilft schon mal. Es gab keine Trennung zwischen Ausländern und Deutschen. Jeder ist super miteinander ausgekommen. Das hat auch viel mit „Freezer“ (Dustin Friesen, Anm. d. Red.) und auch mit „Wagi“ (Fabio Wagner) zu tun. Die beiden haben mit ihrer Führungskraft alles zusammengehalten. Wir hatten eine tolle Truppe. So will man jeden Tag zur Arbeit gehen.

Shedden sagte auch, dass ihm Ihr Spiel bei Fünf-gegen-Fünf in der abgelaufenen Saison nicht gefallen hat. Zu Recht?

Collins: Absolut! Man will so oft wie möglich treffen. Das ist uns bei Fünf-gegen-Fünf nicht wirklich gelungen. Aber manchmal ist Eishockey eben komisch. Ich will nicht ablenken. Ich hatte, was diesen Aspekt betrifft, eine schreckliche Saison. Und sie wäre noch viel schlechter gewesen, hätten wir nicht unser super Überzahlspiel gehabt. Da haben wir ein wenig gut gemacht und die Statistik etwas ausbalanciert. Es war irgendwie ein komisches Jahr. Das Gute daran ist, dass es einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt und mir ein wenig extra Motivation gibt, nächstes Jahr zurückzukommen und besser zu sein.

Auch Shedden hat bisher keinen Arbeitgeber. Spielt sein Verbleib beim ERC Ingolstadt eine Rolle für Ihre Entscheidung?

Collins: Natürlich würde ich sehr gerne für ihn spielen. Er hat einen unglaublichen Job in Ingolstadt gemacht und das Saisonziel jedes Jahr erreicht. Die Jungs mögen ihn. Der höchste Wert für ihn ist Ehrlichkeit. Das macht ihn natürlich zu einem strengen Trainer. Jeder kennt seine Rolle, auch wenn sie ihm manchmal vielleicht nicht gefällt. Aber er ist ehrlich und erfolgreich. Er weiß, was er tut. Wenn er irgendwo trainiert, würde ich auf jeden Fall in Erwägung ziehen, dort auch zu spielen.

Sie waren bisher drei Jahre lang in Ingolstadt. In Ihrer Profikarriere haben Sie nirgendwo länger gespielt. Wussten Sie das?

Collins: Ja. Als Spieler will man, dass ein Team dich behalten will, weil man seine Sache gut macht. Ich habe drei Jahre lang das getan, was von mir verlangt wurde. Es ist schön, sesshaft zu bleiben.

Das finden wohl auch die Fans, die Sie in der vergangenen Woche ins Panther-Team der Dekade gewählt haben. Sie stehen in der vierten Reihe. Eigentlich nicht so Ihr Kampfgebiet oder?

Collins: (lacht) Ich spiele überall, wo sie mich brauchen. Und wenn sie wollen, dass ich „Detschis“ Rolle übernehme, dann gehe ich auch raus und verprügle die Leute. Aber ernsthaft: Natürlich ist es eine enorme Wertschätzung für mich. Ich liebe unsere Fans.

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