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ERC Ingolstadt

31.01.2019

Thomas Greilinger: Keine Zeit für Wehmut

So kennen und respektieren ihn die Fans: Panther-Stürmer Thomas Greilinger war schon immer ein Mann der Taten und klaren Worte.
Bild: Xaver Habermeier

Im großen NR-Interview spricht der scheidende Panther-Stürmer über seine aktuelle Gefühlslage, die Situation im deutschen Eishockey und warum er den richtigen Zeitpunkt für seinen Abschied wohl getroffen hat

Neun Hauptrunden-Spiele stehen für den ERC Ingolstadt in der Saison 2018/2019 noch auf dem Programm. Es sind zugleich auch die letzten neun DEL-Partien in der Karriere von Thomas Greilinger, in denen es um Punkte geht. Wir haben uns vor Heimspiel gegen die Krefelder Pinguine (Freitag, 19.30 Uhr) mit dem 37-jährigen Angreifer unterhalten.

Herr Greilinger, viele Ihrer Teamkollegen und ERCI-Verantwortlichen sprechen davon, dass die Playoffs für die Panther angesichts des engen Tabellen-Situation bereits begonnen hätten. Sehen Sie das auch so?

Greilinger: Die jetzt anstehenden Begegnungen sind mit Sicherheit extrem wichtig. Wenn man unter die „Top Sechs“ kommt, hat man die Playoffs erreicht und geht der Qualifikation aus dem Weg. Und genau das ist ja unser Ziel. Wenn man auf die Tabelle schaut, weiß man, dass zwischen Platz drei und acht alles möglich ist. Daher zählt für uns jeder Punkt. Man kann daher schon sagen, dass es Playoff-Charakter hat. Aber mit den Playoffs selbst würde ich es nicht vergleichen.

Für Sie persönlich sind es zugleich die letzten neun Hauptrunden-Begegnungen in der DEL! Haben Sie das schon realisiert beziehungsweise ist sogar schon etwas Wehmut dabei?

Greilinger: Nein, eigentlich nicht. Ich versuche schon, mich auf mein Spiel und meine Leistungen zu konzentrieren und habe daher auch nicht das Gefühl, dass das Ganze jetzt schon in zwei oder drei Wochen vorbei ist. Ich hoffe vielmehr, dass es schon noch etwas länger dauert.

Kommt Ihnen speziell bei Auswärtspartien dennoch hin und wieder der Gedanke, dass Sie möglicherweise ein letztes Mal beispielsweise in Köln, Berlin, Mannheim oder Nürnberg aufgelaufen sind?

Greilinger: Der eine oder andere Teamkollege spricht mich schon öfter mal darauf an, dass es ja mein letztes Spiel hier oder dort sei. Aber für mich ist dieses Thema, wie gesagt, noch ziemlich weit weg.

Sie haben Ihre erste DEL-Partie im Jahr 2000 bei den München Barons absolviert. Bis heute gibt es immer wieder öffentliche Debatte rund um das deutsche Eishockey! Zuletzt hat Nationalspieler Moritz Müller in einem Interview mit der „Eishockey NEWS“ unter anderem die fehlende TV-Präsenz in den öffentlich-rechtlichen Sendern sowie die Situation der (jungen) deutschen Akteure in der DEL beklagt und bekam dabei auch viel Zuspruch. Wie nehmen Sie diese derzeitige Diskussion wahr?

Greilinger: Na gut, im Endeffekt haben sie ja recht! Während den Olympischen Spielen hat jeder Sender über Eishockey berichtet. Kaum war dieses Ereignis jedoch vorbei, findet es in der Öffentlichkeit kaum noch statt. Daran sieht man mal wieder, dass Eishockey in Deutschland, wo sich zu 90 Prozent alles um Fußball dreht, einfach eine Randsportart ist – übrigens genauso wie Handball oder Basketball! Heutzutage muss man ja schon froh sein, wenn man mal im Radio überhaupt die Ergebnisse hört. Warum vonseiten der öffentlichen Medien kaum Interesse vorhanden ist, diese Frage kann ich nicht beantworten.

Mit dem Gewinn der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang war ja ein echter Hype rund ums deutsche Eishockey ausgebrochen. Spüren Sie davon rund ein Jahr später noch etwas?

Greilinger: Nun, wie viele Nachwuchsspieler jetzt durch diesen Hype zu den Vereinen gekommen sind oder die Klubs dadurch mehr Sponsoren bekommen haben, kann ich nicht beurteilen. Aber was die öffentliche Wahrnehmung betrifft, habe ich schon den Eindruck, dass sich nichts verändert hat.

Ein weiteres Thema, das Moritz Müller und Co. explizit angesprochen haben, ist – wieder einmal – die Ausländer-Regelung sowie das „Eindeutschen“ in der DEL. Halten Sie es für richtig und wichtig, dass solche Punkte immer und immer wieder in der Öffentlichkeit thematisiert werden?

Greilinger : Mit Sicherheit wäre es für’s deutsche Eishockey sehr gut, wenn mehr Deutsche spielen würden. Das ist ja ganz klar. Wenn die Vereine aber überwiegend der Meinung sind beziehungsweise eine Regelung treffen, dass mehr ausländische Akteure spielen sollen, kann man es auch nicht ändern. Gerade für die jungen Deutschen ist mittlerweile sehr schwierig, in der DEL Fuß zu fassen. In der Regel stehen neben neun ausländischen und einer Handvoll „eingedeutschten“ Spielern noch mindestens drei gestandene deutsche Akteure im Kader. Dann kann man sich selbst ausrechnen, wieviele Plätze im Kader noch frei sind.

Seit dieser Saison greift ja die sogenannte „U23-Regelung“. Diese sieht vor, dass jedes Team bis zur Saison 2023/24 mindestens drei für die deutsche Nationalmannschaft spielberechtigte U23-Spieler im Kader hat. Dafür werden die Kaderplätze für lizenzierte Spieler stufenweise von 19 auf 16 reduziert. Will eine Mannschaft weiterhin 19 Spieler im Kader haben, müssen diese Plätze mit U23-Akteuren aufgefüllt werden – was in dieser Spielzeit auf einen Kader-Platz zutrifft. Wie stehen Sie dem gegenüber?

Greilinger: Ehrlich gesagt bin ich der Meinung, dass das gar nichts bewirkt! Klar bekommen die Jungen dadurch ihre Chance – aber gleichzeitig schränkt man dadurch die „mittelaltrigen“ deutschen Akteure ein. Jeder, der nicht 20 Tore pro Saison schießt, wird meiner Meinung nach früher oder später große Probleme bekommen, in der DEL einen gut bezahlten Job zu finden.

Mal ganz provokativ gefragt: Braucht man bei der jetzigen beschriebenen Konstellation überhaupt eine größere Anzahl an (jungen) deutschen Akteuren beziehungsweise ist das von allen Klubs überhaupt gewünscht?

Greilinger: Man muss sich ja nur alle Vereine mal anschauen. Dann sieht man ja, bei wem Interesse vorhanden ist, auf deutsche Spieler zu setzen. Dass es mit jungen einheimischen Akteuren funktioniert, hat man heuer wieder bei RedBull München gesehen. Als man acht oder neun Verletzte hatte, wurde mit jungen Deutschen gespielt und ist jetzt Tabellenzweiter. Das diese Jungs – wenn sie Vertrauen bekommen – spielen können, weiß man ja. Natürlich ist jedem auch bewusst, dass man in Deutschland nicht diese Anzahl an Talenten wie in Schweden, Finnland oder Russland hat. Von dem her sollte man irgendwann schon auch mal in die andere Richtung schauen und sich noch intensiver um die Ausbildung von jungen deutschen Akteuren kümmern.

Angenommen, man würde zur neuen Saison ruckartig auf sechs ausländische Akteure zurückgehen. Würde dadurch das sportliche Niveau in der Liga deutlich nach unten gehen?

Greilinger: Nein, das glaube ich nicht. Abgesehen von den Team-Vereinen holt ja eigentlich mittlerweile jeder Klub zwei oder drei Ausländer quasi zum „Testen“, die ohnehin für wenig Geld spielen und bei denen man hofft, dass sie einschlagen. Sollten diese wegfallen und würde man diese Positionen mit Deutschen besetzen, glaube ich nicht, dass dadurch das Niveau sinken würde. Im Gegenteil, ich bin sogar überzeugt, dass es auf längere Sicht besser werden würde.

Gerade bei „Randsportarten“ ist es bekanntlich umso wichtiger, dass die Fans Akteure haben, mit denen sie sich identifizieren können. In der Regel sind solche Identifikationsfiguren deutsche Akteure. Haben Sie den Eindruck, dass sich die Klubs dieser Wichtigkeit bewusst sind?

Greilinger: Nun, ich kann jetzt nur von meinen persönlichen Erfahrungen sprechen. Wenn man bei einer Autogrammstunde oder Weihnachtsfeier ist, dann möchte ein Großteil der Anhänger schon lieber mit einem deutschen Akteur sprechen, da die Verständigung schlichtweg einfacher ist. Ich denke schon, dass man diesbezüglich etwas aufpassen muss und sich daher nicht nur auf ausländische Akteure beschränken darf. Aber letztlich hängt es an der Philosophie eines jeden Vereins, wie er damit umgeht.

Wie schwierig ist es heutzutage für einen jungen Akteur, der bislang in der DNL aktiv war, den Sprung in die DEL zu schaffen? Sie selbst haben ja damals im Alter von 15 Jahren Ihr erstes Senioren-Spiel in der damaligen Hacker-Pschorr-Liga (zweite Liga) für Deggendorf bestritten...

Greilinger : In meinen Augen ist das eigentlich der perfekte Weg. Gerade bei den kleineren Vereinen kommt man in der Regel schon relativ früh mit dem Senioren-Eishockey in Berührung. Ich denke, dass es grundsätzlich sehr gut ist, wenn junge Akteure regelmäßig bei den Senioren mittrainieren, vielleicht auch den einen oder anderen Wechsel bekommen und dadurch Schritt für Schritt herangeführt werden. Ein junger Spieler, der es in der Oberliga oder DEL2 nicht schafft, Stammspieler zu werden, wird es letztlich auch in der DEL nicht packen. Ich habe im Laufe meiner Profi-Karriere schon oft gehört, dass dieser oder jener Jungspund der neue Marco Sturm werden soll. Im Endeffekt haben es diese Jungs aber nie geschafft, weil sie nicht die richtige Förderung oder Eiszeit bekommen haben.

Wenn Sie einmal auf Ihre gesamte DEL-Karriere seit dem Jahr 2000 blicken: In welcher Zeit hat Ihnen das Eishockey am meisten Spaß gemacht?

Greilinger: Das Eishockey hat sich in diesem Zeitraum schon extrem gewandelt. Als ich angefangen haben, wurde beispielsweise technisch deutlich versierter agiert und kaum einmal eine Scheibe tief geschossen. Da ich ja selbst auch ein technisch ganz ordentlicher Spieler war oder bin, hat mir das damals schon etwas mehr Spaß gemacht.

Sie haben diesen Wandel bereits angesprochen. Nichtsdestotrotz ist es Ihnen gelungen, sich immer wieder den neuen Gegebenheiten anzupassen und sich damit über einen langen Zeitraum in der Liga zu etablieren! Würden Sie das insgesamt als größte Leistung in Ihrer Karriere bezeichnen?

Greilinger: Es war mit Sicherheit nicht einfach! Ich bin schon auch ein paar Mal richtig angekantet (lacht). Natürlich macht es einen dann in einer gewissen Weise schon stolz, wenn man sich quasi immer „durchwurstelt“ und nach wie vor gebraucht wird. Aber letztlich bleibt einem ja auch gar nichts anderes übrig, als sich so gut wie möglich anzupassen. Diese ganzen Athletik-Geschichten gab es zu meiner Anfangszeit so gut wie gar nicht. Wenn man aber dabei bleiben möchte, muss man auf diesen Zug aufspringen und kann nicht einfach sein eigenes Ding durchziehen.

Gerade wenn es auf ein Karriereende zugeht, ist es für einen Profisportler mit das Wichtigste, Entscheidungen wie einen Rücktritt vom aktiven Sport selbst zu treffen. Sie haben sich entschieden, Ihren noch bis 2020 laufenden Vertrag beim ERC Ingolstadt schon nach dieser Saison zu beenden! Wie wichtig war es für Sie, diesen Zeitpunkt zu finden und diese Entscheidung, nach Deggendorf (DEL2) zu wechseln, eben selbst zu treffen?

Greilinger: Das war für mich schon sehr wichtig. Ich habe ja immer gesagt, dass wenn ich der Meinung bin, es geht sportlich nicht mehr so, wie ich es mir vorstelle, würde ich mir etwas überlegen. Da ich mich nicht als Dritt- oder Viert-Reihen-Spieler sehe, gehe ich lieber eine Liga runter! Ich komme zwar heuer noch einigermaßen mit, hätte mir das Ganze aber ehrlicherweise schon besser bei mir vorgestellt. Daher bin ich schon der Meinung, dass ich den richtigen Zeitpunkt erwischt habe und mich somit auch ordentlich aus Ingolstadt verabschieden kann.

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