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Eishockey

01.04.2020

Thomas Greilinger: Vom Eishockey-Profi zum Lehrer

Vater, Animateur und Lehrer: Eishockey-Profi Thomas Greilinger ist derzeit mit seinen Zwillingen Jonathan und Ben wie hier beim Hockey spielen im Hobbyraum bestens beschäftigt.
Bild: privat

Plus Nach elf Spielzeiten beim ERC Ingolstadt wechselte Thomas Greilinger im vergangenen Jahr zu seinem Heimatverein Deggendorfer SC zurück. Im großen NR-Interview spricht der 38-Jährige über seine Familie, Sorgen und Hoffnungen

Auch ein Jahr nach seinem Abschied beim ERC Ingolstadt geraten die dortigen Anhänger immer noch ins Schwärmen, wenn über ihn gesprochen wird: Thomas Greilinger! Insgesamt elf Spielzeiten absolvierte der 38-jährige Ausnahme-Stürmer bei den Panthern, ehe es ihn zur Saison 2019/2020 zurück zu seinem Heimatverein Deggendorfer SC (Oberliga Süd) als Spieler und Nachwuchs-Cheftrainer zog. Wir haben uns mit dem zweifachen Familienvater unterhalten.

Herr Greilinger, die momentan wohl wichtigste Frage gleich zu Beginn: Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Greilinger: Danke der Nachfrage! Uns geht es glücklicherweise sehr gut. Alle – Frau, Kinder und Hund – sind wohlauf.

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Wie sieht denn aktuell Ihr „normaler“ Tagesablauf aus?

Greilinger: Nun, auch bei uns gibt es natürlich viele Einschränkungen und Veränderungen. Jeder, der Kinder hat, muss ja momentan quasi den Lehrer-Beruf übernehmen. Auch wenn das jetzt nicht unbedingt mein Traum-Beruf ist, versuche ich das Ganze so gut wie möglich zu machen – auch wenn ich ehrlicherweise anfangs schon etwas Probleme hatte, in diese ungewohnte Aufgabe reinzukommen. Ansonsten sind meine beiden Jungs ja doch sehr aktiv. Nachdem derzeit aber kein Eishockey oder Fußball stattfindet, müssen sie anderweitig beschäftigt werden. Glücklicherweise sind es Zwillinge, die aufgrund ihres gleichen Alters auch viel zusammen spielen, damit sich der Papa zwischendurch auch mal ausruhen kann (lacht). Ansonsten gehe ich zweimal am Tag mit dem Hund raus oder erledige Einkäufe.

Sie haben Ihre Zwillinge Ben und Jonathan bereits angesprochen: Wie schwer war es, den beiden sechsjährigen Jungs zu vermitteln, dass sie augenblicklich nicht in die Schule können, sich auch nicht mit ihren Freunden treffen und gemeinsam Eishockey oder Fußball spielen dürfen und auch ihre Großeltern nicht sehen?

Greilinger: Ich glaube, die beiden haben es sehr gut verstanden, dass sie momentan aufgrund dieses Coronavirus nicht wie gewohnt ihren Hobbys nachgehen dürfen. Wenn wir beispielsweise mit dem Hund rausgehen, halten sie auch den vorgeschriebenen Mindestabstand zu anderen Leuten immer ein. Von daher kommen wir recht gut klar.

Jeder Mensch geht mit dieser Coronakrise anders um. Die einen beschäftigen sich sehr damit und machen sich Sorgen, während die anderen versuchen, das Ganze möglichst an sich abprallen zu lassen. Zu welcher Kategorie würden Sie sich zählen?

Greilinger: Ich bin schon jemand, der regelmäßig über diese außergewöhnliche Situation nachdenkt. Das Schwierige daran ist, dass man überhaupt nicht weiß, wie und wann der gewohnte Alltag – sei es im normalen Leben oder Sport – zurückkehren wird. Auf Letzteres bezogen: Die Vereine versuchen gerade alles, um die Gehälter weiterhin zu zahlen beziehungsweise nicht pleite zu gehen. Da macht man sich natürlich seine Gedanken. Ein Verein wie der Deggendorfer SC, der bekanntlich in der Oberliga spielt, hat bei Weitem nicht so viel Geld wie beispielsweise ein DEL-Klub. Hier gibt es viele kleine Sponsoren, die eine bestimmte Summe bezahlen. Sollten davon einige aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage für die neue Saison wegbrechen, kann das ein Verein wie der DSC nicht so einfach kompensieren.

Trotz der vorherrschenden Ausgangsbeschränkung und den „Verhaltensregeln“ in Bayern gibt es nach wie vor Menschen, die sich – siehe am vergangenen Wochenende – schlichtweg daran nicht halten. Was denken Sie, wenn Sie derartige Berichte lesen?

Greilinger: In meinen Augen ist das schon sehr traurig und unverständlich! Es sollte doch wirklich jeder in der Lage sein, sich ein paar Wochen mal zusammenzureißen. Es geht dabei ja nicht nur um einen selbst, sondern auch um seine Mitmenschen. Je mehr man sich an diese Regeln hält, umso eher kehrt doch auch der normale Alltag wieder zurück. Egal ob Bars, Restaurants oder andere Geschäfte – alle sind letztlich vom Verhalten der Menschen abhängig. Daher kann ich es nicht nachvollziehen, dass man trotz eines Verbots jetzt unbedingt Partys feiern muss.

Bild: privat

Lassen Sie uns auch über das Sportliche sprechen. Die Saison 2019/2020 in der Oberliga Süd wurde nach der sogenannten „Meisterrunde“ vorzeitig beendet. Zu diesem Zeitpunkt wäre der Deggendorfer SC als Vierter in die Play-offs gegangen. Wie fällt Ihr Fazit zu dieser letztlich unvollendeten Spielzeit aus?

Greilinger: (überlegt) Ein Gesamtfazit zu ziehen, ist definitiv schwierig. Unser Ziel vor Saisonbeginn war klar der Wiederaufstieg in die DEL2. Ob wir das in den Play-offs geschafft hätten, kann letztlich keiner sagen. Grundsätzlich sind wir hervorragend in die neue Spielzeit gestartet, ehe uns das Verletzungspech eingeholt hat. Viele Leistungsträger mussten in dieser Phase ersetzt werden, was uns sicherlich etwas den Rhythmus genommen hat. Wenn man alles zusammenzählt, dann ist dieser vierte Platz eigentlich recht gut. Nachdem zum Saisonende hin alle wieder fit waren, hätten wir in den Play-offs schon ein Wörtchen mitreden können. Aber leider ist es ja dann anders gekommen.

Nach zuvor elf Jahren in der DEL beim ERC Ingolstadt war es für Sie persönlich sicherlich auch eine große Umstellung, wieder in der Oberliga für den Deggendorfer SC aufzulaufen. Wie schwer ist Ihnen dieser „Eingewöhnungs-Prozess“ gefallen?

Greilinger: Das war zunächst schon eine ziemliche Umstellung, keine Frage! In der DEL ist alles deutlich professioneller. Auch die Intensität in den Trainingseinheiten und Spielen ist um einiges höher. Bis zu meiner Verletzung Mitte November habe ich mich eigentlich noch ziemlich leichtgetan. Ein Vorteil war dabei sicherlich, dass ich quasi das DEL-Niveau noch etwas in mir hatte. Nach der sechswöchigen Zwangspause, in der ich kaum etwas machen konnte, habe ich mich dann doch etwas schwerer getan. Nach einer gewissen Zeit passt man sich zudem dem Ganzen schon auch etwas an. Im Großen und Ganzen kann ich aber dennoch zufrieden sein. Unter dem Strich hatte ich mit Abstand den besten Punkteschnitt in der gesamten Liga – und genau das hatten die Leute ja im Vorfeld auch von mir erwartet! Der Druck auf meine Person war dementsprechend schon sehr groß. Jeder hatte gedacht, dass ich drei oder vier Tore pro Partie erzielen würde. Aber das geht nicht. Auch in der Oberliga gibt es Akteure und Teams, die richtig gutes Eishockey spielen können.

Würden Sie heute – mit der einjährigen Erfahrung, die Sie gesammelt haben – sagen, dass es die richtige Entscheidung war, Ihren Vertrag beim ERC Ingolstadt aufzulösen und zur Saison 2019/2020 zum Deggendorfer SC zurückzukehren?

Greilinger: Ich denke, dass so etwas immer schwer zu sagen ist. Ein richtiges Fazit kann man erst nach einigen Jahren ziehen. Klar, unsere Familie fühlt sich sehr wohl hier. Gerade auch für die Kinder ist es aufgrund der kurzen Wege zur Eishalle, Schule oder zum Fußball viel kürzer als zuletzt in Ingolstadt. Auch ansonsten kommt man eigentlich überall mit dem Rad oder zu Fuß hin. Aber aktuell überschattet eben diese Corona-Krise alles. Ob und wie es hier in Deggendorf mit dem Eishockey weitergeht, steht eben noch in den Sternen. Ich persönlich bin schon überzeugt, dass es weitergeht – die Frage ist nur, in welcher Art und Weise, da der Verein an allen Ecken und Enden sparen muss. Aber das wird wohl nahezu jeden kleineren Klub treffen.

Sie sind beim Deggendorfer SC ja nicht nur Spieler und Kapitän der Oberliga-Mannschaft, sondern auch Cheftrainer des gesamten Nachwuchs-Bereichs. Wie haben Sie sich denn in dieser neuen Aufgabe eingearbeitet?

Greilinger: Nachdem ich ja zuvor in Ingolstadt schon die U7-Jugend trainiert hatte und das Gleiche auch hier in Deggendorf mache, war zumindest das nichts Neues. Aber den kompletten Nachwuchs zu leiten, so etwas hatte ich bislang noch nie zuvor gemacht. Es müssten neue Konzepte und Trainingspläne erstellt oder auch jede Menge Büro-Arbeiten erledigt werden. Darüber hinaus wird man von anderen Trainern oder Betreuern oft wegen irgendwelchen Problemen oder Dingen angerufen, die man dann versucht zu lösen. Aber grundsätzlich denke ich schon, dass wir auf einem sehr guten Weg waren. Eine Nachwuchsarbeit kann man ohnehin erst nach acht oder zehn Jahren bewerten.

Können Sie einige Beispiele nennen, was sich in diesem Jahr konkret im Nachwuchs getan hat?

Greilinger: Als wir angefangen haben, hatten wir gerade im unteren Bereich einen enormen Zulauf an Kindern. In der kommenden Saison müssen wir sogar zwei U9-Teams melden. Auch der Erfolg der jüngeren Jahrgänge in der abgelaufenen Spielzeit war beeindruckend. Bis zur U15 sind wir momentan richtig gut unterwegs. Danach kommen halt die „großen“ Vereine ins Spiel, die versuchen, die Jungs abzuwerben. Aber damit hat im Grunde jeder Verein zu kämpfen. Klar ist, dass wir noch jede Menge Arbeit vor uns haben, um das momentane Loch von der Jugend in Richtung Herrenmannschaft zu stopfen.

Blicken wir zum Abschluss noch etwas in die Zukunft. Was denken Sie, welche finanzielle Auswirkungen diese Corona-Krise konkret auf den Deggendorfer SC haben wird?

Greilinger: Ich bin natürlich in Gesprächen mit den Verantwortlichen und weiß, dass sie derzeit alles versuchen, um den Verein über Wasser zu halten. Ein kleiner Klub wie Deggendorf ist definitiv von den Zuschauer-Einnahmen abhängig. Und wenn man ein solches Team, wie wir es hatten, ins Rennen schickt, dann sind mit Sicherheit auch eine oder zwei Play-off-Runden eingeplant. Eine Summe von beispielsweise 100.000 Euro ist da schon sehr viel Geld für einen solchen Verein.

Inwieweit ist davon auch die Nachwuchsarbeit betroffen?

Greilinger: Wir hatten zum Saisonende drei große Abschluss-Turniere eingeplant, bei denen sicherlich auch eine schöne Summe zusammengekommen wäre. Alleine durch diese beiden beschriebenen Einnahmen-Ausfälle entsteht mit Sicherheit ein großes Loch. Die große Frage wird daher sein, was letztlich mit der Wirtschaft passiert und ob – im Fall von Deggendorf – die vielen kleinen Sponsoren weiter in der Lage sind, ihr Engagement aufrecht zu erhalten. Eine Antwort darauf gibt es momentan noch nicht.

Dementsprechend dürfte die Corona-Krise wohl die komplette Sport- beziehungsweise Eishockey-Welt ziemlich verändern...

Greilinger: Davon gehe ich fest aus! Ich habe ja schon Experten gehört, die der Meinung sind, dass beispielsweise die nächste Fußball-Bundesliga-Saison ohne Zuschauer starten wird. Die ganz großen Vereine können das sicherlich noch einigermaßen kompensieren. Aber für die kleineren Klubs beziehungsweise jene, die in der zweiten oder dritten Liga spielen, würde das riesengroße Probleme bedeuten. Auch für das Eishockey wäre das absolut fatal. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass in der DEL, DEL2 oder Oberliga ohne Zuschauer überhaupt gespielt wird, da diese Vereine extrem auf die Zuschauer-Einnahmen angewiesen sind.

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