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FC Augsburg

23.04.2020

Corona: FCA-Legende Paul Verhaegh steht vor bitterem Karriereende

Das möglicherweise letzteBild von Paul Verhaegh als Profi-Fußballer. Der 36-Jährige verlässt enttäuscht den Platz nach einer 0:1-Niederlage in Arnheim.
Bild: www.imago-images.de

Plus Verhaegh wechselte nach Holland, um dort seine Laufbahn ausklingen zu lassen. Sein mögliches Karriereende hatte sich die FCA-Legende aber anders vorgestellt.

Als Paul Verhaegh am Dienstagabend um 19 Uhr die Fernsehansprache des niederländischen Premier Mark Rutte in Sachen Corona-Epidemie verfolgte, da wurde der ehemalige Fußball-Profi des FC Augsburg, der seit Sommer beim niederländischen Erstligisten FC Twente Enschede spielt, auf dem falschen Fuß erwischt. Das passierte dem Rechtsverteidiger in seiner Karriere bisher nicht so oft. Doch als Rutte in der Pressekonferenz verkündete, dass alle genehmigungspflichtigen Veranstaltungen bis zum 1. September verboten seien und dies auch für Fußballspiele ohne Publikum gelte, zuckte Verhaegh zusammen. Und der Premier wurde noch deutlicher: "Kein Profifußball bis zum 1. September."

"Mehr weiß ich leider auch nicht. Der Verein hat uns mitgeteilt, dass wir nächste Woche neue Informationen bekommen werden", erklärte Verhaegh am Telefon. "Da müssen sich der Verband und die Vereine auch erst absprechen, was nun passiert", sagt er ratlos.

Alles deutet auf Rücktritt von Paul Verhaegh hin

Bisher waren die ganzen Planungen darauf ausgelegt, dass die Eredivisie rund um den 1. Juni ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen würde. "Wenn wie geplant, ab 1. Juni gespielt worden wäre, hätte ich die Saison zu Ende gemacht. Aber wenn der Termin 1. September bleibt, wären das 150 oder 160 Tage bis zum nächsten Pflichtspiel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich unter diesen Umständen noch eine Saison dranhänge", sagt Verhaegh. Es deutet also alles daraufhin, dass der 36-Jährige nach 17 Jahren nach dem Abbruch der Saison seine Profikarriere beenden wird.

Am 7. März absolvierte er mit Twente sein bisher letztes Spiel. Enschede verlor bei Vitesse Arnheim 0:1. Paul Verhaegh wurde in der 86. Minute eingewechselt. Es war der 26. Spieltag. Danach wurde die Eredivisie abgebrochen, die Spieler nach Hause geschickt.

Paul Verhaegh verabschiedete sich 2017 vom FC Augsburg und wechselte nach Wolfsburg.
Bild: Ulrich Wagner

Vereine plädierten für Saison-Abbruch

"Ich trainiere jetzt schon über fünf Wochen alleine. Über eine App bekommen wir unser individuelles Programm", erzählt der Familienvater. Auch in den Niederlanden herrschen Ausgangsbeschränkungen, sind die Schulen noch geschlossen. Und so kümmert sich Verhaegh zwischen Krafttraining und Ausdauerläufen zusammen mit seiner Frau Nathalie auch um seine beiden Kinder Mia, 9, und Fenn, 6. Zum Glück hat sein Haus in ’s-Hertogenbosch, die Stadt ist rund eine Autostunde von Enschede entfernt, einen Garten.

Bisher hatte Verhaegh diszipliniert durchgehalten, immer mit dem Ziel 1. Juni. In der Eredivisie war die Front für eine Fortsetzung der Saison längst nicht so geschlossen wie in der Bundesliga. Spitzenklubs wie Ajax Amsterdam, PSV Eindhoven oder AZ Alkmaar hatten plädiert, die Saison vorzeitig zu beenden. Der niederländische Verband KNVB präferierte eine Fortsetzung, wollte ursprünglich die restlichen Spielrunden ohne Publikum austragen. Jetzt hat der niederländische Premier Fakten geschaffen.


Wie es weiter geht, wer Meister wird, wer absteigt, oder ob die Liga aufgestockt werden wird, soll am Freitag beraten werden. Fraglich ist auch, ob der Bezahlsender Fox International Channels, ein Sender aus dem Medienunternehmen des US-Amerikaners Rupert Murdoch, die letzte Rate von gut 20 Millionen Euro an Fernsehgeldern auszahlt.

Der Vertrag wurde vor der Saison 2012/2013 unterzeichnet und garantiert den niederländischen Vereinen eine Milliarde Euro für zwölf Jahre, was rund 85 Millionen Euro pro Saison bedeutet. In den Niederlanden werden aber nur 50 Prozent der Gelder nach sportlichen Maßstäben verteilt, die anderen 50 Prozent nach einem Punktesystem, welches aus Daten der Marktforschung und ökonomischen Fakten besteht. Ajax erhält so als Spitzenverdiener rund zehn Millionen Euro pro Saison.

Enschede hat einem Dutzend Spielern gekündigt

Die Zukunft nach der Corona-Krise, wann immer das auch sein wird, ist also mehr als ungewiss. Unklar ist auch, wie die Zeit bis zum Start der neuen Saison überbrückt werden soll. Laut der Tageszeitung De Volkskrant soll die Spielzeit 2020/21 erst am 1. Oktober beginnen. Viele Klubs stehen vor finanziellen Problemen, weshalb mit den Profis über einen Gehaltsverzicht gesprochen werden soll.

Einige Klubs, wie auch der Verein von Paul Verhaegh, haben schon reagiert. Twente Enschede hat über einem Dutzend Spieler und dem Trainer vorsichtshalber fristgerecht zum 31. Juni gekündigt. Auch Verhaegh, der erst im Sommer einen Ein-Jahres-Vertrag unterschrieben hatte, ist wohl ab dem 1. Juli vereinslos. Deshalb macht sich der zweifache Familienvater Gedanken um seine Zukunft. "Es ist schon komisch, denn normalerweise beschäftigt sich der Verein jetzt mit den Planungen für die kommende Saison. Das ruht", sagt er.

Jos Luhukay holte Paul Verhaegh zum FC Augsburg

Noch schafft es der 36-Jährige nicht, sein Karriereende offiziell zu verkünden. Mit einem Vierminuten-Einsatz irgendwo im Niemandsland der Saison – so einfach und trostlos will der ehemalige Nationalspieler, der mit den Niederlanden 2014 WM-Dritter wurde, eigentlich nicht abtreten. Verhaegh: "Ich muss das alles erst einmal sacken lassen und auf offizielle Informationen warten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich aufhöre, wird natürlich größer."

2003 wechselte Paul Johannes Gerardus Verhaegh von der Jugendabteilung des PSV Eindhoven zum damaligen Zweitligisten AGOVV Apeldoorn. Sein erstes Punktspiel in der Eredivisie bestritt er dann im August 2004 für den FC Den Bosch. So richtig in Gang kam seine Karriere aber erst, als er 2010 von Vitesse Arnheim zum damaligen Zweitligisten FC Augsburg wechselte. Trainer Jos Luhukay hatte ihn neben Marcel de Jong, Nando Rafael, Gibril Sankoh und Kees Kwakman aus den Niederlanden geholt.

Ein Bild vergangener Zeiten. Paul Verhaegh feiert zusammen mit Marcel Ndjeng einen Treffer gegen Oberhausen im März 2011.
Bild: Stefan Puchner

Letzter entpuppte sich als Flop, doch alle anderen erwiesen sich als Verstärkungen und am Ende seiner ersten Saison feierte Verhaegh mit dem FCA den historischen Bundesliga-Aufstieg auf dem Rathausplatz. Es war der erste Höhepunkt einer langen Liebesbeziehung. "Ich bin nicht umsonst sieben Jahre in Augsburg geblieben. Es war privat und sportliche meine schönste Zeit." Verhaegh entwickelte sich beim FCA zu einer Stütze, wurde Kapitän und Gesicht einer Mannschaft, die über Jahre durch besondere Charaktere wie Sascha Mölders, Halil Altintop, Marwin Hitz, Simon Jentzsch und vor allem Verhaegh geprägt war. Die rechte Abwehrseite schien ohne den FCA-Kapitän lange Jahre nicht vorstellbar.

Van Gaal machte ihn zum Nationalspieler

Er feierte mit dem FCA die Nichtabstiege genauso wie die rauschende Europa-League-Abende gegen Alkmaar, Belgrad, Bilbao und Liverpool. Und in Augsburg wurde er Nationalspieler. Bondscoach Louis van Gaal nahm ihn überraschend mit zur WM 2014 nach Brasilien. Als solider Back-Up, als einen Ersatzspieler, auf den Verlass war. Niederlande wurde Dritter, Verhaegh spielte im Achtelfinale gegen Mexiko 56 Minuten. Von der Zweitklassigkeit zum WM-Teilnehmer. "Wir hatten beim FCA eine super Truppe mit super Jungs. Augsburg bleibt meine Nummer eins", sagt Verhaegh in diesem so unwirklich wirkenden Frühling 2020.

Und trotzdem verließ er den FCA im August 2017 und wechselte zum VfL Wolfsburg. Es war eine Win-Situation für alle Parteien. Verhaegh hatte zwar noch ein Jahr Vertrag, doch in Wolfsburg bot sich eine einmalige Chance. Innerhalb weniger Tage wurde der Deal durchgezogen. "Ich war 33 und hatte die Möglichkeit, in Wolfsburg noch einen Zwei-Jahres-Vertrag zu unterschreiben", erzählt er. "Es war noch einmal etwas Neues, für mich war in dem Moment klar, dass ich noch einen neuen Reiz wollte. Das Sportliche, aber auch der finanzielle Teil waren sehr interessant."

Augsburgs Paul Verhaegh jubelt nach einem verwandelten Elfmeter.
13 Bilder
Servus, Paule! Sieben Jahren FCA in Bildern
Bild: Stefan Puchner (dpa)

Verhaegh verdiente deutlich mehr als beim FCA. Der kassierte noch rund 1,5 Millionen Euro Ablöse und der VfL hatte in einer sportlich unruhigen Zeit, man hatte erst in der Relegation die Klasse gehalten, einen verlässlichen Routinier an Bord geholt. Im ersten Jahr zählte Verhaegh unter den Trainern Andries Jonker, Martin Schmidt und Bruno Labbadia zum Stammpersonal und absolvierte 31 Ligaspiele. Sportlich war es aber wieder eine Rettung in letzter Sekunde. In der erfolgreichen Relegation gegen Holstein Kiel fehlte Verhaegh allerdings verletzungsbedingt.

Labbadia suspendierte Verhaegh

Doch im zweiten Jahr erkaltete das Verhältnis zu Trainer Bruno Labbadia, der vor wenigen Tagen Hertha BSC übernahm. Verhaegh spielte kaum noch. "Ich habe mich immer wieder angeboten, aber der Trainer hat immer wieder andere Entscheidungen getroffen", sagt Verhaegh heute. Vor dem 30. Spieltag eskalierte die Situation. Verhaegh wurde suspendiert: "Ich habe damals nicht darüber geredet und tue es heute nicht. Nur soviel: Ich habe mich mit dem Trainer ausgesprochen und wir haben die Sache aus der Welt geschafft."

Verhaegh kehrte nach zehn Jahren in seine Heimat zurück. Twente schien ein spannendes Projekt, doch Verhaegh hatte mit Verletzungen zu kämpfen und jetzt mit einem schier unbesiegbaren Gegner. Es deutet alles daraufhin, dass Paul Verhaeghs Karriere am 7. März endete. Gestoppt vom Coronavirus, verkündet von Ministerpräsident Rutte.

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