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FC Augsburg

27.12.2017

Das Derby zwischen Augsburg und 1860 und sein Nachspiel

FC Augsburg gegen 1860 München: Die Polizei war mit einem Großaufgebot vertreten.
Bild: Peter Fastl (Archiv)

Beim Derby zwischen dem FCA II und 1860 München kam es zu Ausschreitungen. Die Polizei bearbeitet 61 Strafanzeigen. Das ist eine Seite der Ultraszene. Es gibt aber auch andere.

Zweieinhalb Monate sind seit dem Aufeinandertreffen des FC Augsburg II und des TSV 1860 München vergangen und das Regionalligaspiel beschäftigt die Polizei weiter. Bisher war die genaue Anzahl der Strafanzeigen nicht bekannt. Jetzt teilte die Augsburger Polizei auf Anfrage unserer Redaktion mit, dass 61 Strafanzeigen, eine davon gegen einen Löwen-Fan, bearbeitet werden. Einsatzleiter Bernd Waitzmann erklärte kurz vor Weihnachten: „Hier handelt es sich um Körperverletzung, Sachbeschädigung, Landfriedensbruch, Beleidigung und Straftaten nach dem Versammlungsgesetz.“

Im Vorfeld der Partie Mitte Oktober war die Stimmung zwischen Teilen der Ultraszene beider Vereine angespannt. Die sind seit Jahrzehnten verfeindet und nützten das Aufeinandertreffen ihrer Klubs nach dem Zwangsabstieg der Löwen in die Regionalliga schon im Vorfeld für Provokationen. Dazu gehörte es auch, dass die Löwen-Fans als Sammelort vor dem Spiel den Augsburger Königsplatz ausgewählt hatten. Rund 300 FCA-Anhänger hauptsächlich aus der Ultraszene hatten den Platz selbst besetzt, um dies zu verhindern. Die Polizei musste die beiden Fanlager trennen. Die Münchner wurden am Bahnhof festgehalten. So blieb es auf dem Königsplatz verhältnismäßig ruhig, doch es kam in den Nebenstraßen immer wieder zu Scharmützeln mit der Polizei. Am Abend lieferten sich einige Augsburger Anhänger am Moritzplatz noch ein Handgemenge mit Polizeibeamten.

Einsatzleiter Waitzmann hatte an diesem Tag eine derart aggressive Stimmung so nicht erwartet: „Über 60 Strafanzeigen an einem Spieltag, daneben noch mehrere polizeiliche Gewahrsamnahmen aus präventivem Charakter stellen einen negativen Höhepunkt in der aktuellen Saison als auch der letzten Jahre dar.“

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Sulzberger hat schon öfter FCA-Fans vertreten

Fan-Anwältin Martina Sulzberger betrachtet die Anzahl der Delikte im Kontext. „60 Ermittlungsverfahren sind in Relation zu setzen zu dem Gesamtfanaufkommen und der besonderen Spielbegegnung an diesem Tag. Hinzu kommt, dass der Landfriedensbruch als Auffangtatbestand weit gefasst ist.“ Ein Auffangtatbestand bezeichnet allgemeinere Gesetzesvorschriften, die angewendet werden, wenn andere, speziellere nicht greifen.

Für die Juristin ist nicht die Anzahl wichtig, sondern, „in wie vielen dieser Ermittlungsverfahren es dann auch zu einer Verurteilung kommt oder das Verfahren eingestellt wird. Im Vergleich zu anderen Delikten geschieht dies bei diesem Straftatbestand und im Fußballzusammenhang sehr häufig“.

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Polizeiaufgebot trennt Fans beim Spiel FCA II gegen 1860
Bild: Peter Fastl

Dass Sulzberger eine andere Blickweise als Waitzmann hat, ist nicht verwunderlich. Sie ist eine von zwei Fan-Anwälten, die die Rot-Grün-Weiß-Hilfe, eine unabhängige Solidaritätsgemeinschaft zur Unterstützung von FCA Fans, die im Zusammenhang mit FCA-Spielen Probleme mit der Justiz bekommen haben, auf ihrer Homepage als Anlaufstelle empfiehlt. Sulzberger hat schon öfters FCA-Anhänger vor Gericht vertreten. Ihr ist aufgefallen, dass „den Fußballfans zunächst oft mit Vorurteilen und Verallgemeinerungen begegnet wird. Es gibt viele Nuancen, die zu beachten sind. Hier würde ich mir öfters eine differenziertere, individuelle Betrachtungsweise wünschen“.

Beim FCA berät eine Kommission über Stadionverbote

Auch dass es von der Anzeige bis zu einer Verurteilung oder der Einstellung des Verfahrens oft monatelang dauert, ist für Sulzberger „problematisch, da viele Bundesligavereine oder der DFB schon ein Stadionverbot aussprechen, sobald die Polizei ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat.“ Sie bemängelt: „Das Verbot trifft so auch Unschuldige, die bis zur Einstellung des Verfahrens aus dem Stadion ausgesperrt sind. Der FCA nutzt diese Mittel meines Erachtens allerdings sehr selektiv mit einem vorbildlichen Entscheidungsverfahren.“ Beim FCA gibt es eine Kommission, in der auch Vertreter der Fanszene sitzen, die jeden infrage kommenden Fall einzeln bewertet.

"Löwen" in Augsburg: Rauchwolken im Gäste -Fanblock.
Bild: Klaus Rainer Krieger (Archiv)

Noch steht nicht fest, wie viele Anzeigen auch zu einem Prozess oder zu einer Verurteilung führen. Für Sulzberger waren die Ausschreitungen aufgrund der speziellen Rivalität beider Fanlager eine Ausnahme: „Die Augsburger Szene ist weit weniger aggressiv und gewaltbereit als die anderer Bundesligavereine. Das könnte von den involvierten Institutionen mit mehr Vertrauen honoriert werden.“

Die Treue zum Verein steht über allem

Die Augsburger Ultraszene ist, wie viele andere auch, vielschichtig. Über allem steht die bedingungslose Treue zum Verein und der Ultragruppierung. Die äußert sich aber nicht nur in kreativen Choreos und lautstarkem Support auf der Tribüne. In Augsburg wurde vor kurzem von den aktiven FCA-Fans auch eine „AG Soziales Augsburg“ gegründet, die sozial Schwachen helfen will. Auch dort sind Ultras beteiligt. So wurde kurz vor Weihnachten für die Private Obdachlosenhilfe Friedberg gekocht und 50 Lunchtüten gefüllt.

Aber es gibt auch die andere Seite dieser Jugend- bzw. Subkultur. Die, die Konfrontation sucht. Mit den Institutionen wie dem DFB, der DFL. Oder der Polizei. So wollen viele Ultras ihre Art der Fankultur und des Fußballerlebens verteidigen, zu der ihrer Meinung nach eben auch die verbotene Pyrotechnik und die Auseinandersetzung mit verfeindeten Gruppen gehört. Wie eben beim Spiel gegen die Löwen.

Dass Augsburger Anhänger dort aggressiv auftraten, bestreitet die RGW-Hilfe nicht. In einer anonymen Stellungnahme schrieb sie kurz nach dem Derby, dass sie keine Rechtfertigung aller Aktivitäten der Ultra-Szene betreiben wolle.

Neben einer aus ihrer Sicht einseitigen Berichterstattung prangerte die RGW-Hilfe auch einen Vorfall auf dem Stadionvorplatz an. Da stoppte die Polizei an einer Engstelle den Zug der Ultras, um ein Aufeinandertreffen mit Löwen-Fans zu vermeiden. Dabei wurden auch „normale“ FCA-Fans angehalten. Es kam zu einem Gedränge. Als einige Ultras über einen Zaun klettern wollten, setzte ein Polizist Pfefferspray ein. Für die RGW-Hilfe ein „willkürlicher“ und überzogener Einsatz, der auch mit der Einsatzleitung nicht abgesprochen gewesen sei. Dem widerspricht Waitzmann. „Die Beamten an dieser aggressiven Großgruppe hatten durch die Einsatzleitung den klaren Auftrag, diese Menge zu stoppen, um weitere Konfrontationen zu vermeiden. Der Ultrazug wurde an dieser Stelle bewusst aufgestoppt. Ich habe auch anschließend die Anordnung gegeben, den Weg frei zu machen, als klar war, dass die Löwen-Fans den Vorplatz verlassen hatten.“

Einsatz von Pfefferspray sorgt für Diskussionen

Warum gerade an der Engstelle aufgehalten wurde, erklärt Waitzmann so: „Ursache war das aggressive Verhalten einiger Ultras auf die verbalen Provokationen der Löwen-Fans auf der Fußgängerbrücke. Als sich einige aus dem großen Block gelöst hatten und überaus aggressiv auf die 60er-Fans zugelaufen waren, war für uns klar: Die beiden Gruppen müssen auf dem Vorplatz getrennt bleiben und derartige weitere Aktionen sind zu unterbinden.“ Eine Kette zu bilden, um die Fans zum Eingang gehen zu lassen, sei angesichts der Aggressivität zu unsicher und mit dieser Einsatzkräftezahl nicht durchführbar gewesen.

Dass dieses Gedränge angsteinflößend war, bedauerte Waitzmann. Er sagte aber auch: „In der Gruppe war ein szenekundiger Beamter, der vermittelnd helfen wollte, um genau das zu vermeiden. Der Kollege wurde aber von den Ultras barsch abgekanzelt. Dass die Gruppe kurz gestaut wurde, war nicht zu vermeiden. Allerdings wurde die Sperre sofort aufgehoben, als die Löwen-Fans den Vorplatz verlassen hatten.“ Den Einsatz des Pfeffersprays verteidigt Waitzmann, „weil die Sperre durchbrochen werden sollte. Dies musste verhindert werden“.

Zum Vorwurf, dass der Beamte, der das Pfefferspray versprühte, schon zuvor aggressiv gegen einige FCA-Ultras vorgegangen war, konnte Waitzmann nichts sagen. „Ich habe die Situation nicht gesehen und kann daher keine objektive Stellung beziehen. Betonen will ich, dass Aggressivität keinen Platz bei der Polizeiarbeit zu suchen hat. Dies gilt genauso für das Verhalten von Fußballfans.“

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