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FC Augsburg

18.06.2019

Marco Richter - Der EM-Star mit Bolzplatz-Mentalität

Marco Richter bejubelt seinen Treffer zum 2:0.
Bild: Cézaro De Luca / dpa

Plus FCA-Spieler Marco Richter führt die deutsche U21 mit zwei Toren zum Sieg gegen Dänemark. Dabei hatte er gar nicht damit gerechnet, zur EM zu fahren.

Als Marco Richter, 21, im März aus der elterlichen Wohnung in Mering (Lkr Aichach-Friedberg) auszog, verteidigte Mutter Daniela ein Trikot ohne Kompromisse. Richter trug es bei seinem Bundesliga-Debut für den FC Augsburg. Am 14. Oktober wurde er beim 2:2 bei der TSG 1899 Hoffenheim in der 87. Minute eingewechselt. Alles verlief relativ unscheinbar und auch medial nicht allzu groß beachtet.

Auch 36 Bundesligaspiele und fünf Tore später, war Richter einer der No-Names in der deutschen U21-Nationalmannschaft. Als er beim EM-Auftakt gegen Dänemark in der Startelf als Linksaußen auftauchte, waren selbst ARD-Kommentator Steffen Simon und Co-Kommentator Thomas Broich überrascht.

FCA-Spieler Marco Richter war der erste Star der U21-EM

90 Minuten, zwei Tore und eine Vorlage später war Richter nicht nur der "Man of the Match", sondern auch der erste Star der deutschen Mannschaft. Nicht die Bundesliga-Stammspieler und A-Nationalspieler Jonathan Tah (Leverkusen) oder Lukas Klostermann (Leipzig) hatten das DFB-Team zum 3:1-Auftaktsieg geführt, sondern der Stürmer des Tabellen-15.

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Richter genoss den Interview-Marathon sichtlich: "Dass ich jetzt kurz mal medial in der Mannschaft nach vorne gerückt bin, ist ein geiles Gefühl." Geil – dieses Adjektiv benützte Richter des öfteren, um seinen Gefühlszustand zu beschreiben.

Dass Richter von Beginn an als Linksaußen auflief, war für viele eine Überraschung, nicht für DFB-Trainer Stefan Kuntz. "Ich habe mir gedacht, der könnte vielleicht ein Tor schießen oder zwei", sagte Kuntz. Der eigentlich gesetzte Hoffenheimer Nadiem Amiri, der schon 2017 zur U21-Mannschaft gehörte, die Europameister wurde, war nach einer Verletzung noch nicht fit für 90 Minuten. Kuntz baute auf Richter, der rechtfertigte das Vertrauen.

U21-Trainer Stefan Kuntz freut sich auf den Start der U21-Europameisterschaft.
Bild: Cézaro De Luca (dpa)

U21-Trainer Stefan Kuntz lobt Richters Bolzplatz-Mentalität

Der ehemalige Stürmer Kuntz hatte vor dem Anpfiff Richter noch mal an dessen "Bolzplatz-Mentalität" erinnert. "Das heißt für mich, du spielst Fußball, wie es dir gefällt, weil du das Spiel liebst", erklärte der 56-Jährige. "Dieses Intuitive ist bei Marco extrem ausgeprägt."

Sein Talent wurde schon früh erkannt. Allerdings vom FC Bayern, der FCA reagierte damals zu spät. 2004 fiel er den Scouts bei einem vereinseigenen Talenttag unter 250 jungen Kickern sofort auf. Richter wechselte als Sechsjähriger vom kleinen Dorfverein SV Ried (Lkr. Aichach-Friedberg) zum Weltklub FC Bayern. Acht Jahre durchlief er die Jugendmannschaften, ehe er 2012 aussortiert wurde.

Diesmal schlief der FCA nicht. Als 14-Jähriger kam er in das Nachwuchsleistungszentrum an die Donauwörther Straße. Erstmals so richtig auf sich aufmerksam machte er am 30. Juli 2016. Es war der dritte Spieltag in der Regionalliga Bayern, als sich der damals 18-jährige Offensivspieler des FCA II sogar für einige Tage in die bundesweiten Schlagzeilen der Sportmedien katapultierte. Sieben Tore hatte er beim 12:0-Sieg gegen den SV Seligenporten erzielt.

Doch auch wenn er neun Monate später seinen ersten Profivertrag erhielt, so richtig ging es nicht vorwärts. Wohl auch, weil er sich zu lange auf sein Intuition und Bolzplatz-Mentalität allein verließ. "Erst als ich zu den Profis gekommen bin, bin ich allmählich ins Laufen gekommen", gab Richter am Montagabend freimütig zu.

Richter musste mal mit einem dreckigen Trikot spielen

Ein paar Anekdoten aus seiner Zeit zuvor hatte er selbst schon öfters erzählt. Einmal musst er in seinem ungewaschenen Trikot spielen, weil er es zuvor mal wieder in der Kabine hatte liegen lassen und nicht in die Trikottasche gepackt hatte. Das von ihm gehasste Fitnesstraining seines ehemaligen U23-Trainers, Christian Wörns, der jetzt übrigens die DFB-U18-Auswahl trainiert, verpasste er nicht nur einmal.

Und dann gibt es da noch die Sache mit dem Frühstück. Das ließ er so lange ausfallen, um "zehn Minuten länger schlafen" zu können, bis es der ehemalige FCA-Trainer Manuel Baum als Pflichtveranstaltung bei den Profis einführte.

Baum war sein Förderer, als Cheftrainer im Nachwuchsleistungszentrum und als Cheftrainer bei den Profis. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass sich Richters Knoten in der Bundesliga erst richtig löste, als Baum entlassen war. In den ersten beiden Spielen unter Martin Schmidt erzielte Richter in Frankfurt (3:1) und gegen Stuttgart (6:0) jeweils  zwei Treffer.

Marco Richter (l) zieht ab und trifft zum 1:0 für die deutsche U21.
Bild: CŽzaro De Luca (dpa)

Gerade noch rechtzeitig, denn anscheinend schien man beim FCA auch langsam die Geduld zu verlieren. Jetzt ist man in Augsburg froh, dass Richter bis 2023 gebunden ist. Denn wenn er weiter bei der EM so trifft, werden Angebote anderer Vereine nicht ausbleiben.

Richters persönlicher Kurswechsel betrifft auch seine Frühstücksgewohnheiten

Marco Richter erntet jetzt die Erfolge seines persönlichen Kurswechsels. Und das nicht nur bei der Wahrnehmung der Bedeutung des Frühstückes. "Ich arbeite jetzt seit ungefähr einem halben Jahr mit einem Ernährungsberater zusammen. Frühstück, habe ich jetzt gelernt, ist extrem wichtig", erzählte er bei einem Interview mit unserer Zeitung kurz vor der EM mit einem Zwinkern. Er legte auch Sonderschichten im Kraftraum ein.

Was Trainer Kuntz gefällt. "In Augsburg hat er überragend gespielt, er hat an seiner körperlichen Fitness gearbeitet. Das war nicht leicht, das weiß ich", lobte der 56-jährige ehemalige Nationalspieler. "Er hat gezeigt, dass er in die erste Elf reingehört."

Beim 1:0 in der 28. Minute, das wie ein Dosenöffner in der zähen Partie wirkte, stand er nach einem Rückpass von Maximilan Eggestein im 16er "intuitiv" richtig. Sein noch leicht abgefälschter Schuss war nicht  zu halten. Das 2:0 erledigte er fast im Alleingang. Mit einem Sprint von eigenen Strafraum setzte er den Dänen Mads Pedersen unter Druck, erlief dessen verunglückten Rückpass und schob dann überlegt zum 2:0 (52.) ein. 13 Minuten später legte er Luca Waldschmidt noch das 3:0 auf. Es lief wie früher auf dem Bolzplatz.

FCA-Profi Marco Richter erfüllte geduldig die Autogrammwünsche der jungen Fußballer in Dasing.

Bei Amateurspielen im Augsburger Umland ist Richter oft zu sehen

Die Freunde von damals hat er nicht vergessen. Viele seiner Kumpels spielen in kleinen Vereinen im Augsburger Umland. Dort ist er oft zu sehen. Natürlich genießt er jetzt nicht nur die finanziellen Vorteiles des Profidaseins, doch ansonsten ist er bodenständig geblieben. Am Vatertag verteilte er zum Beispiel bei einem F- und E-Jugendturnier des TSV Dasing die Pokale, weil Freunde ihn gefragt hatten. "Es war toll, wenn sich die Jungs da richtig freuen, wenn Sie mich sehen", erzählte er vor kurzem. Das wird ihm jetzt noch öfter passieren.

Nach 70 Minuten machte Richter dann für Amiri Platz. Wer am Donnerstag (21 Uhr, ARD) gegen Serbien in der Startelf steht, ist seit Montag mehr als offen.

Dabei hatte Richter das Kapitel EM eigentlich schon weit vor dem Start abgehakt. "Im März war er noch davon ausgegangen, bei der EM gar nicht dabei zu sein", erzählte Kuntz. "Das haben ich mit ihm dann in einem persönlichen Gespräch ausgeräumt."

Jetzt ist der Spätentwickler, das Spiel gegen Dänemark war erst sein sechstes für Deutschland, der Shootingstar. Nach dem Schlusspfiff begann der Interviewmarathon.

Nicht bevor er aber Vater Chris und Mutter Daniela umarmt hatte. Seine Familie, zu der auch noch seine Schwestern Vivian und Sophia gehören, steht über allem.  "Die Eltern sind extrem stolz, wir haben alle nur gegrinst", sagte er über das schnelle Treffen mit Familie und Freunden nach dem EM-Auftakt in Udine. Wer das EM-Debut-Trikot bekommt, wird aber erst nach der EM verhandelt. Und das kann noch dauern.

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21.06.2019

Bei Richter heißt es in den Medien Bolzplatzmentalität, bei Waldschmidt wird von Eleganz gesprochen. Sieht ganz so aus, als stehe da eine Grundhaltung gegenüber den beiden Vereinen dahinter.

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