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Interview

21.02.2020

Simon Rolfes: "Der Transfermarkt ist nicht überhitzt"

Sieht sich und Bayer Leverkusen in der Champions League: Sportdirektor Simon Rolfes verfolgt mit dem Fußball-Bundesligisten ein klares Ziel.
Bild: Roland Weihrauch, dpa (Archiv)

Ein Gespräch mit Leverkusens Sportdirektor Simon Rolfes über gigantische Ablösesummen, Technik in der Fußball-Bundesliga und künftige Modelle der Champions League.

Herr Rolfes, was ging Ihnen durch den Kopf, als Bayer-Fans in Berlin für einen Pyro-Eklat sorgten (mehr dazu)?

Rolfes: Ich fand sehr schade, dass ein kleiner Teil unserer Fans dafür sorgt, dass das Spiel ganz anders wahrgenommen wurde. Bis dahin herrschte eine angenehme Atmosphäre im Stadion. Pyro ist gefährlich – für die Verursacher, aber auch für Unschuldige, die drumherum stehen – und hat zudem unser Spiel negativ beeinflusst.

Nicht einmal Kapitän Lars Bender konnte auf die Verursacher einwirken. Wie machtlos sind Vereine ganz allgemein in dieser Problematik?

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Rolfes: Auch ich habe versucht, das kommunikativ zu lösen. Bin aber gescheitert. Auswärtsspiele werden in der Liga allgemein für solche Aktionen genutzt. Mitarbeiter unseres Vereins sind mit den Fangruppen im Austausch, prinzipiell muss man aber eingestehen: Als Verein kann man nur bedingt einwirken.

In Hamburg durften Anhänger kontrolliert „kalte Pyrotechnik“ abbrennen. Für Sie ein Ansatz, der verfolgt werden soll, oder angesichts der Vorfälle in Berlin undenkbar?

Rolfes: Grundsätzlich glaube ich, dass es sich wie bei kleinen Kindern verhält: Wenn du etwas verbietest, wird es noch reizvoller.

Pyrotechnik ist ein Streitthema zwischen aktiven Fanszenen auf der einen und Verbänden sowie Vereinen auf der anderen Seite. Weitere Streitpunkte bestehen wegen zerstückelter Spieltage, Anstoßzeiten und ausufernd vielen Wettbewerben. Orientiert sich der Profifußball nur noch am TV-Zuschauer?

Rolfes: Natürlich sind Fernsehzuschauer relevant, Millionen Fans schauen zu. Bin ich nicht selbst im Stadion, schaue ich mir gerne zu einer guten Uhrzeit ein Spiel an. Davon kann sich keiner freimachen. Es wird immer ein Spagat bleiben, einen Stadionbesuch fanfreundlich zu gestalten, zugleich aber die TV-Partner zufriedenzustellen. Auch der Fernsehzuschauer will volle Ränge und gute Stimmung im Stadion haben. Letztlich wird dadurch die Bundesliga attraktiver. Die Balance muss passen.

Rolfes: Fußball ist durch Technik gerechter geworden

Die Uefa will mit ihrer Champions League auf Tour gehen und der Fifa-Klub-WM Konkurrenz machen. Außerdem soll die Champions League nochmals aufgestockt werden. Und internationale Topklubs planen eine weitere Liga einzuführen. Droht dem Fußball eine Übersättigung?

Rolfes: Diese Diskussionen existieren schon lange, dennoch wird heutzutage deutlich öfters gespielt als früher. Das weltweite Interesse an europäischem Fußball wächst stetig. Der Erfolg der Champions League zeigt, dass man den richtigen Weg eingeschlagen hat. Ich befürworte das jetzige Format mit 32 Teilnehmern und einer Qualifikation über die nationalen Ligen. Bei zusätzlichen Formaten und Erweiterungen bin ich skeptisch.

TV-Zuschauer blicken langsam nicht mehr durch, welcher Wettbewerb und welche Spiele in welchem Sender oder Streamingdienst laufen. Besteht die Gefahr, dass das Interesse dadurch abnimmt?

Rolfes: Das glaube ich nicht, weil die Zugänge zu Portalen und Sendern – und damit auch zum Fußball – immer einfacher werden. App herunterladen, einloggen – und drei Minuten später kann man ein Spiel sehen.

Sie sind Gesellschafter der GoalControl GmbH, folglich sind Sie Technik im Fußball sehr aufgeschlossen. Wie viel Technik verträgt der Fußball? Wann wird die an sich einfache Sportart zu kompliziert?

Rolfes: Technik hat ihre Berechtigung, wenn sie die Klarheit des Spiels unterstützt. Ich bin mir sicher, dass auch der Schiedsrichter in Zukunft durch Weiterentwicklung der Technik schneller richtig entscheiden kann. Wir wollen einen möglichst fairen Spielausgang. Grundsätzlich ist der Fußball durch Technik nicht komplizierter, sondern gerechter geworden.

In jüngerer Vergangenheit ist Ihr Klub im Achtelfinale der Champions League gescheitert, zuletzt sogar in der Gruppenphase. Wo sehen Sie Gründe für das verhältnismäßig frühe Scheitern?

Rolfes: Wir hatten einen schwächeren Auftakt gegen Moskau und sind mit Juventus Turin und Atlético Madrid in diesem Jahr an Top-Teams gescheitert, die zuletzt regelmäßig im Finale der Königsklasse gestanden haben.

Prinzipiell hat man aber das Gefühl, dass stets die gleichen fünf, sechs Teams den Titel unter sich ausmachen.

Rolfes: Natürlich lässt sich beobachten, dass häufig die gleichen Mannschaften in den Halbfinals stehen, die über ganz andere finanzielle Mittel verfügen. Trotzdem gibt es Ausnahmen: Im vergangenen Jahr standen überraschend Tottenham und Amsterdam im Halbfinale. Auf solche Gelegenheiten muss ein Klub wie wir hinarbeiten.

Rolfes: Ausschluss von Manchester City ein starkes Signal

Wie können Sie sich gegen die finanzstarken Klubs aus England wehren? Wenn Liverpool für Kai Havertz 100 Millionen Euro bietet, können Sie doch nur schwer Nein sagen?

Rolfes: Auf der Welt gibt es nur sechs, sieben Klubs, die nicht verkaufen müssen. Wir müssen Spieler früh finden, entwickeln, besser machen und langfristig denken. Dann können wir Werte schaffen in Form einer sehr guten Mannschaft.

Im Financial Fair Play ist unter anderem geregelt, dass Klubs Schulden nicht durch Kredite oder privates Geld ausgleichen dürfen. Wegen Verstößen dagegen hat die Uefa gegen Manchester City eine zweijährige Champions-League-Sperre ausgesprochen. Wie bewerten Sie das?

Rolfes: In Deutschland hat das Lizenzierungsverfahren für Solidität in den Finanzen der Klubs gesorgt. Dass die Uefa die gleiche Linie verfolgt und klar agiert, ist sehr wichtig und ein starkes Signal.

Wo sehen Sie Bayer Leverkusen mittelfristig? Wofür steht Ihr Klub national und international?

Rolfes: Unser Ziel bleiben die Top Vier in der Bundesliga und die Top 16 in Europa.

Hat sich der Transfermarkt in der globalisierten Welt verändert?

Rolfes: Er ist nicht überhitzter als früher, nur haben sich die finanziellen Dimensionen verschoben. Das Volumen der Transfers ist um ein Vielfaches höher, weil mehr Geld in dem Markt vorhanden ist.

Sie haben Leno und Brandt abgegeben. Mit Havertz und Tah deuten sich die nächsten Abgänge junger Nationalspieler an. Ärgert es Sie, dass Sie diese Spieler nicht halten können?

Rolfes: Wir versuchen, unsere besten Spieler zu halten. Wechsel und das Entwickeln von Spielern gehören aber zum Fußball. Wenn ein Spieler eine Weltkarriere macht und in Leverkusen angefangen hat, sind wir stolz darauf, unseren Teil dazu beigetragen zu haben.

Mit Jedvaj ist derzeit ein Bayer-Profi an den FC Augsburg ausgeliehen. Wie beurteilen Sie seine Entwicklung?

Rolfes: Bei uns war die Chance auf Einsätze geringer. Wichtig ist, dass er viel Spielzeit bekommt und sich vor der EM zeigen kann. Das ist in Augsburg der Fall.

"Konkurrenzkampf treibt alle Klubs an"

In dieser Saison ist der Kampf um die Meisterschaft spannend wie nie. Ist das von Dauer oder nur eine Momentaufnahme?

Rolfes: Der FC Bayern wird immer als Favorit in eine Saison gehen. Die derzeitige Situation bereichert die Liga, der Konkurrenzkampf treibt alle Klubs an. Davon profitieren viele. Wenn wir in der Bundesliga eine starke Spitze etablieren, werden deutsche Klubs auch international erfolgreicher sein.

Ihnen fehlen nur sechs Punkte auf den FC Bayern. Greifen Sie noch in den Titelkampf ein?

Rolfes: Für mich geht das einen Schritt zu weit. Unser Fokus liegt jetzt darauf, in der Tabelle unter die ersten Vier zu springen und unsere Aufgaben in der Europa League sowie im DFB-Pokal zu lösen.

Das Hinspiel in Augsburg war eine deutliche Angelegenheit, gegen keine andere Mannschaft ist Leverkusen so erfolgreich. Wie hoch gewinnen Sie am Sonntag?

Rolfes: Wir gehen mit viel Respekt in dieses Spiel. Nichtsdestotrotz wollen wir natürlich gewinnen.

Zur Person: Simon Rolfes ist seit Dezember 2018 als Sportdirektor des Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen tätig. Als aktiver Profi spielte er für Alemannia Aachen und zehn Jahre lang für Leverkusen. Er bestritt 26 Länderspiele für Deutschland und wurde 2008 Vizeeuropameister. Der 38-Jährige ist in Ibbenbüren (Nordrhein-Westfalen) geboren, seit 2009 verheiratet und Vater von drei Töchtern.

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