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FC Augsburg

14.04.2019

Warum Nazis im Block der FCA-Ultras keine Chance haben

„FCA-Fans gegen rechts“. Die Augsburger Fan-Szene steht für Anti-Rassismus und Anti-Extremismus.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Während einige Profivereine mit rechtsradikalen Gruppierungen zu kämpfen haben, lassen die Augsburger Ultras keinen Extremismus zu. Warum der FCA dazu schweigt.

Wer wissen will, wie die Fan-Szene des FC Augsburg politisch ausgerichtet ist, findet im Stadion des Bundesligisten Hinweise. So steht am Fan-Corner hinter der Nord-Tribüne in großen Buchstaben: "Vielfalt statt Einfalt." Als wolle man zeigen: Alle FCA-Fans stehen hinter diesem Motto. Und bei Heimspielen hängt rechts unten am Zaun der Uli-Biesinger-Tribüne eine Fahne mit der Aufschrift "FCA-Fans gegen Rechts". Deutlich sichtbar.

Das ist in einigen Stadien der Republik nicht mehr möglich. Nicht erst seit den Vorkommnissen beim Chemnitzer FC , als im Stadion einem Rechtsradikalen gedacht wurde, ist traurige Wirklichkeit im Deutschland 2019, dass rechtsradikale Gruppierungen sich in Fankurven wie ein Krebsgeschwür ausgebreitet haben.

Die Polizei betrachtet die Augsburger Fan-Szene als "politisch gemäßigt"

In Augsburg sei dies nicht der Fall, sagt Polizeioberrat Bernd Waitzmann. "Aus Sicht der Polizei ist die aktive Fan-Szene politisch gemäßigt. Sie besetzt eher linke Themenfelder und bereitet uns unter diesem Gesichtspunkt keine Probleme", betont der Heimspiel-Einsatzleiter. Waitzmann ist penibel bemüht, politisch neutral zu bleiben. "Unsere Aufgabe ist es nicht, die politischen Aussagen zu bewerten, sondern einzuschätzen, ob gegebenenfalls Straftatbestände erfüllt werden, oder ob sie extremistisch sind und dadurch polizeiliche Relevanz entfalten", sagt er. Seit 2011 ist er für den FCA verantwortlich. "In diesem Zeitraum gab es noch keinen Fall, bei dem wir hätten einschreiten müssen."

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Man würde gerne von den Ultras selbst erfahren, wie es ihnen seit Jahren gelingt, politisch extreme Meinungen aus der Nordkurve herauszuhalten. Offiziell will mit Medien niemand sprechen. Immer wieder fühlen sich Ultras falsch dargestellt. Auch befürchten einzelne Mitglieder Nachteile im Beruf, wenn ihre Namen in Zusammenhang mit der Szene auftauchen würden. Doch man erfährt, dass Extremismus noch nie in der Szene geduldet wurde.

Vor einigen Jahren wollte sich beim FCA eine rechte Ultra-Gruppe formieren

Als sich vor ein paar Jahren in Mering (Kreis Aichach-Friedberg) eine Ultra-Gruppe mit Nähe zur rechten Szene formieren wollte und Mitglieder versuchten, beim FCA Fuß zu fassen, wurden sie aus dem M-Block geworfen. Als es vor drei Jahren im Stadion zu einer Schlägerei mit Stuttgarter Alt-Hooligans der "Old Warriors"-Gruppierung kam, reagierten die FCA-Ultras auch deshalb so gereizt, weil die VfB-Anhänger dem rechten Spektrum zugeordnet werden.

Natürlich treffen sich im M-Block keine Chorknaben zum Samstagnachmittag-Kaffee. Sie kreieren nicht nur atemberaubende Choreos. Sondern brennen vermummt gefährlich heiße Bengalos ab, sind in Schlägereien verwickelt, setzen sich über Regeln, Gesetze und Konventionen hinweg, provozieren und suchen durchaus die Konfrontation mit der Polizei.

"Es ist nicht Aufgabe einer Jugendkultur, das zu tun, was der Polizei konform ist", sagt Robert Claus, einer der bekanntesten deutschen Fanexperte. Seit Jahren forscht er über Rechtsextremismus und Gewalt im Fußball. Er sagt: "Wenn ich an etablierte extrem rechte Fan- oder Hooligan-Szenen denke, fallen mir einige Standorte ein, Augsburg gehört wirklich nicht dazu." Natürlich gäbe es auch hier ein paar Alt-Hooligans, "aber die hätten kaum Einfluss", ist sich Claus sicher. "Die Augsburger Ultraszene steht politisch eher links."

Der FCA war lange Zeit bedeutungslos - das ist hier ein Vorteil

Doch warum findet rechtes Gedankengut im Augsburger Stadion keinen Nährboden? Dabei spielt eine Rolle, dass der FCA jahrzehntelang im fußballerischen Niemandsland agierte. Claus sagt: "Die sportliche Bedeutungslosigkeit in den 90er-Jahren ist ein Glücksfall für die Sozialisierung der Ultraszene in Augsburg. Sie hat der Szene Entfaltungsspielraum ermöglicht. An anderen Standorten haben sich in diesem Zeitraum rechte Strukturen etabliert." Den aktiven FCA-Fans hilft ebenso, dass es in Augsburg prinzipiell keine starke rechtsradikale Szene gibt. Polizei-Einsatzleiter Waitzmann erklärt: "Ich denke, in den Regionen, in denen es rechtsextreme Tendenzen in den Fan-Szenen gibt, gibt es auch außerhalb der Stadien einen stärkeren Nährboden für dieses Gedankengut. In Augsburg gibt es dafür keine Akzeptanz – sowohl im Stadion als auch außerhalb."

Wichtig für das tolerante Klima ist auch der Sicherheitsdienst. In Stadien, in denen Rechtsradikale präsent sind, sind oft Ordnungsdienste unterwandert. In Augsburg ist das nicht der Fall. Selbst die Ultras betonen dies. Darauf hat auch die Polizei ein Auge, wie Waitzmann versichert: "Wir überprüfen die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, ob sie durch besondere Gewalttaten oder extrem politische Einstellungen auffällig wurden und geben dann Empfehlungen ab. Da arbeiten wir eng mit dem Verein als Veranstalter und der Firma zusammen."

Eine tragende Säule im Kampf gegen Extremismus ist die Arbeit der Fan-Projekte. "Prävention und Aufklärung ist mit das wichtigste, um auf diesem Gebiet erfolgreiche Arbeit zu betreiben", sagt Matthias Hummel. Er leitet das vereinsunabhängige Fan-Projekt des Stadtjugendrings, das es seit November 2007 gibt. Durch die Augsburger Fan-Szene wird Hummels Institution akzeptiert und unterstützt.

Beim FCA sammelt die Legio Augusta jedes Jahr Geld für soziale Projekte

Das Fan-Projekt besuchte zum Beispiel mit jungen Fans aus der aktiven Szene die Konzentrationslager in Auschwitz und Dachau oder veranstaltete Wochenend-Workshops zum Thema Nationalsozialismus in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Seit zehn Jahren wird auch das Fußball-Turnier "Copa Augusta Antirasista" auf dem Nebenfeld des Rosenaustadions, der Wiege des FCA, ausgerichtet.

"Hintergedanke ist es, über dieses Sportevent gesellschaftspolitische Themen anzubieten. Dazu gehören Vorträge und Lesungen rund um Antirassismus und Antidiskriminierung", sagt Hummel. Seit einigen Jahren ist die Fan- und Ultraszene in die Organisation mit eingebunden. Die Legio Augusta, die Ultra-Gruppierung, sammelt dort zum Beispiel jedes Jahr Geld für soziale Projekte. In der Szene Fuggerstadt, der Vereinigung der aktiven Fanklubs, gibt es sogar eine "AG Soziales".

Der FCA will sich zu dem Thema nicht öffentlich äußern und lehnte eine Anfrage ab

Und was sagt der Verein selbst zu diesem Thema? Er unterstützt das Fanprojekt und die Fans, will sich aber nicht äußern. Auch die beiden Fan-Beauftragten und der Sicherheitschef dürfen sich nicht öffentlich äußern. Für Anfragen zur Fanszene und eigene Aktivitäten ist Michael Ströll, der Geschäftsführer Finanzen, zuständig. Eine Interviewanfrage lehnt er ab. Über Chemnitz wolle man nicht sprechen, "weil wir andere Standorte nicht bewerten". Weiter heißt es im Antwort-Mail: "Auch wollen wir nicht über unsere Ultras sprechen, sondern sprechen miteinander."

Bild: Ulrich Wagner

Der Dialog mit den Fans, gerade auch mit den Ultras, war auch Walther Seinsch wichtig. Der langjährige Klubboss, der den FCA aus der Bayern- in die Bundesliga führte, prägte von 2000 bis 2014 die politische DNA des Vereins wie kein anderer. Der 77-Jährige, der heute wieder in seiner westfälischen Heimat Telgte bei Münster wohnt und beim Drittligisten Preußen Münster im Aufsichtsrat tätig ist, engagierte sich persönlich gegen den Rechtsextremismus. So gründete er die Stiftung "Gegen Vergessen. Für Demokratie", die Forschungsarbeiten über den Nationalsozialismus unterstützt. Seit 2007 wird der "Marion-Samuel-Preis" der Stiftung in Augsburg verliehen.

Die Augsburger Arena, deren Bau er verwirklichte, beschrieb er in einem Interview mit dem Fußball-Magazin 11 Freunde als "Friedensarena, für Protestanten, Katholiken, Atheisten, Klein und Groß, Schwarz und Weiß, Mann und Weib." Angeblich soll Seinsch 2000 beim FCA auch deshalb eingestiegen sein, weil schon im Rosenaustadions ein "Fußball gegen Rassismus"-Transparent hing.

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14.04.2019

Begrüßenswert wären auch Banner/Fahnen oder Transparente gegen linksradikale und autonome Gruppen.

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