Manuel Baum wollte nicht hinsehen. 80 Minuten waren zwischen dem FC Augsburg und dem 1. FC Heidenheim gespielt. Und jetzt war sie gekommen. Diese eine Szene, die diesem Spiel die gewünschte Richtung geben sollte. Alexis Claude-Maurice stand am Elfmeterpunkt, hatte die späte Führung auf dem Fuß. Baums demonstratives Wegschauen wollte dieser später nicht als fehlendes Vertrauen in seinen Schützen verstanden wissen. Man könne auch daran glauben, wenn man nicht hinguckt, erklärte Augsburgs Trainer. Und betonte: „Das ist einfach ein Ritual.“
Baum drehte sich also mit dem Rücken zum Ort des Geschehens, schaute Richtung Ersatzbank und Zuschauerränge. Ebenso mied Sportdirektor Benjamin Weber den Blick zu Claude-Maurice. Weber schaute zu Innenverteidiger Noakhai Banks. In dessen Gesicht, auf die Reaktion wartend. Claude-Maurice bekam von alledem nichts mit. Lief an, versenkte den Ball unten links im Eck, ließ sich feiern. Es sollte der einzige Treffer und Hingucker dieses Nachmittags bleiben. Recht viel mehr wird nicht in Erinnerung bleiben von dieser Begegnung, die ziemlich genau den derzeitigen Zustand der Augsburger und der Heidenheimer beschrieb. Teils hätte man es Baum und Weber gleich tun können: Viel war zum Wegschauen.
FC Augsburg und 1. FC Heidenheim zeigen, wozu sie (nicht) fähig sind
Beide Mannschaften zeigten, wozu sie fähig sind. Vor allem aber zeigten sie, wozu sie nicht fähig sind. Einmal mehr kam der FCA mit seiner Favoritenrolle nur schwerlich in Einklang. Während Augsburg gegen spielerisch stärkere Teams mit kompaktem Verteidigen, Balleroberungen und geradlinigen Gegenangriffen zum Erfolg kommt, mangelt es ihm gegen die Heidenheims, St. Paulis und Berlins an Ideen in eigenem Ballbesitz. So brachten die Gäste den FCA trotz dessen Heimvorteils in arge Bedrängnis.
Womit zwangsläufig die Schwäche der Heidenheimer aufs Tableau kam. Deren Nemesis ist in dieser Saison der Torabschluss. Beweise offensiver Harmlosigkeit lieferten sie in Augsburg zahlreich. Wiederholt kamen Conteh und Co. in aussichtsreichen Positionen an den Ball, wiederholt verfehlten sie das Ziel. Heidenheims Trainer Frank Schmidt fasste kurz wie richtig zusammen. „Ich kann mich nur wiederholen: Unser größtes Problem ist es, Tore zu schießen.“
Nun zählen auch die Augsburger nicht zu den Tormaschinen der Liga, doch haben sie einen Weg gefunden, wie sie beständig punkten. Auf die Defensive ist seit Baums Rückkehr meist Verlass. Gegen den FCA Tore zu erzielen, ist nicht mehr so einfach wie in der ersten Saisonhälfte. Dafür nehmen Spieler, Trainer und Verantwortliche in Kauf, dass die Spielweise mitunter wenig ansehnlich wirkt. Gegen den FC Bayern München verdienten sich die Augsburger Bestnoten, in den Spielen danach gegen St. Pauli, Mainz und jetzt Heidenheim konnten sie Erwartungen nicht erfüllen. Zwar holten sie sechs Punkte, doch die Leistungen enttäuschten.
FCA-Sportdirektor Benjamin Weber spricht von „glücklichem Sieg“
Darüber allerdings wollte Baum am Sonntagabend nicht wirklich sprechen. Zwischen den Zeilen ließ er anklingen, dass ihm Etliches nicht gefallen hatte. Er bat aber um Verständnis, den Auftritt seiner Spieler öffentlich nicht beurteilen zu wollen – wenngleich eine Pressekonferenz nach einem Spiel genau dafür da zu sein scheint. Baums Begründung: „Ich möchte mir das in Ruhe anschauen und auch erst mit den Spielern darüber sprechen. Mir ist wichtig, nicht nur die eigene Perspektive zu nehmen, sondern zu hören, wie es sich auf dem Platz angefühlt hat.“
Etwas ausführlicher wurde Weber, als er die Partie in den Katakomben des Stadions einordnete. Ihm sei bedeutend lieber, man zeige keine ganz so ansprechende Leistung und gewinnt – als umgekehrt. „Es war ein glücklicher Sieg für uns, trotzdem tut er extrem gut“, betonte der 42-Jährige. Weber wollte nicht verheimlichen, welch große Bedeutung die Spiele derzeit hätten. In einigen Szenen könnten die Spieler nicht verbergen, welcher Druck auf ihren Schultern lastet. Weber vielsagend: „Als Underdog fühlen wir uns schon sehr wohl.“
Sechs von möglichen neun Punkten hat der Bundesligist nun in den jüngsten Partien gegen direkte Konkurrenten geholt, jetzt warten noch der VfL Wolfsburg (Samstag, 15.30 Uhr, Sky) und eine Woche später der 1. FC Köln. Große Schritte Richtung Ligaverbleib sind derzeit möglich. Sechs Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz gegen den Abstieg zeugen davon, dass dem FCA der Zwischenspurt gelungen ist. „Wenn man die letzten acht, neun Spiele nimmt, dann haben wir uns die Punkte auf jeden Fall verdient“, so Weber. Dann fügte er noch hinzu: „Wir hoffen natürlich auch, dass die Leistung besser wird – damit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Resultate nicht so knapp sind.“ In Wolfsburg bietet sich dem FCA außerdem die Chance, mal wieder was fürs Auge zu zeigen.
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