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Donezk gegen Bayern

17.02.2015

Das Heimspiel der Heimatlosen

Die Russen sind im Lemberg nicht wohl gelitten. Auf der Straße werden Fußabstreifer mit dem Konterfei von Wladimir Putin verkauft - das wäre in Donezk unvorstellbar.
Bild: Andreas Gebert (dpa)

Als die Unruhen ausbrachen, flüchtete der Verein Schachtjor aus Donezk. Heute tritt das Team 1000 Kilometer entfernt gegen den FC Bayern an. Doch dem Krieg kann niemand entkommen.

Die „Arena Lviv“ liegt einem Ufo gleich auf einem Feld draußen vor der Stadt. Schnee ist auf die Abdeckung des Rasens gefallen, wo heute Abend Schachtjor Donezk gegen den FC Bayern antreten wird. Vor ein paar Wochen hat der Verein einen Fanshop eröffnet. Dort gibt es einen Kalender für 2015, und jeden Monat gelobt ein Spieler, mit Filzstift aufs Porträt gekritzelt: „Wir kehren zurück nach Donezk.“ Doch dieser Klub wird so bald nicht in seine Heimat zurückkehren. Denn dort herrscht Krieg. Und Schachtjor Donezk ist im Exil.

Jewgenij Schogoljew ist 47 Jahre alt. Vierzig davon ist der Donezker Kohlekumpel Fan von Schachtjor. Schachtjor, das heißt „Bergmann“. Bergmänner wie Schogoljew werden heute nicht in Lemberg dabei sein. „Die Umstände sind stärker als wir“, fasst er am Telefon die Lage mit Trauer in der Stimme zusammen. Dabei hatte er sogar eine Karte für das Spiel. „Aber die Lage ist gefährlicher geworden. Und an den Checkpoints lassen dich die Ukrainer nicht mehr passieren“, sagt er. „Sie fragen: Ziel der Reise. Und wenn du antwortest: Fußball, dann glauben sie dir nicht.“

Eines der teuersten Stadien in Europa wird nicht mehr genutzt

Schachtjor, das war der Stolz von Menschen wie Schogoljew. Dem Oligarchen Rinat Achmetow, der den Klub 1996 übernahm, gelang es, Brasilianer zu kaufen, einen Superklub zu formen, eines der teuersten Stadien Europas zu bauen und doch die Fans nicht zu verlieren. Unter anderem, weil die Preise bezahlbar blieben. Der Erfolg des Teams heilte für viele die Wunden, die die postsowjetischen Zeiten ihrem Bergarbeiterstolz zugefügt hatten.

Der deutsche Dokumentarfilmer Jakob Preuss hat das in seinem preisgekrönten Streifen „The other Chelsea“ eingefangen: Der Film erzählt vom Sieg der Donezker im Uefa-Pokal 2009. Für Leute wie Schogoljew war es einer der größten Momente, auch er lief damals jubelnd über die Straßen von Donezk.

Der Film wirkt heute wie ein Dokument aus einer weit entfernten Zeit. Am 2. Mai vergangenen Jahres schoss Schachtjor sein letztes Tor in der Donbass-Arena und holte seine fünfte Meisterschaft in Folge. Wenig später kam der Krieg nach Donezk. So wie Achmetow flohen Spieler, Mannschaftsärzte, Pressesprecher und Manager nach Kiew. Seitdem ist das Team heimatlos, zu jedem Heimspiel müssen sie von Kiew nach Lemberg reisen.

Schogoljew hat sich das im September angeschaut. Zum Champions-League-Spiel gegen Porto hat er sich auf den beschwerlichen Weg von Donezk nach Lemberg gemacht. Einmal quer durchs Land, 1236 Kilometer mit dem Auto. Und er hat den Unterschied erlebt: „Da singen sie pro Spiel zwanzigmal die Nationalhymne, als würde die ukrainische Nationalmannschaft spielen. Hier in Donezk lieben wir aber unsere Mannschaft. In Lemberg sangen die Ultras ,Putin ist ein Schwanzkopf‘, aber für uns hier in Donezk ist Russland kein Feind.“

Dass Schachtjor nach Donezk zurückkehrt, ist für die nächsten Jahre ausgeschlossen. Selbst wenn sich die Separatisten mit Kiew einigen – der Flughafen der Stadt ist völlig zerstört. Unter diesen Umständen ist an eine Genehmigung der Uefa zur Austragung von internationalen Spielen nicht zu denken.

Nun also Lemberg. Warum gerade jene Stadt, die Donezk entgegengesetzter nicht sein könnte? Hier eine Stadt der Kultur und Bildung, die Wiege des ukrainischen Nationalismus, in der die Umgangssprache Ukrainisch ist, in der ein großes Denkmal für den Nationalisten Stepan Bandera steht. Dort das russischsprachige Kohlerevier, dessen Bewohner sich bis heute voller Nostalgie an sowjetische Zeiten erinnern und für die Bandera ein Faschist ist.

Es gibt objektive Gründe dafür. Der wichtigste: Die Uefa hat für internationale Spiele nur die Arena Lwiw und das Kiewer Stadion zugelassen. Lemberg ist so weit wie nur möglich vom Kriegsgebiet entfernt.

Aber selbst in diesem ruhigen Lemberg, das über tausend Kilometer entfernt von Raketen und den zerfetzten Körpern entfernt liegt, ist der Krieg unübersehbar. Da sind die Soldaten und freiwilligen Kämpfer auf Fronturlaub. In Militärstiefeln flanieren sie über das Kopfsteinpflaster der Innenstadt. Da sind die Stellwände in der Garnisonskirche, an denen dutzende Bilder junger Männer hängen, die ihr Leben gelassen haben und deren Särge hier aufgebahrt wurden. Und da sind die zehntausenden Einberufungsbescheide der jüngsten Mobilisierungswelle, vor der viele junge Männer ins nahe Polen fliehen.

Von alldem bekommen die Donezk-Spieler wenig mit. Sie werden abgeschirmt, Interviews gewährt der Verein ungern, Gespräche über Politik sind ohnehin ausgeschlossen. „Der Fußball sollte sich von der Politik fernhalten“, wiederholte der Klub sein Mantra auch im November nach dem Lokalderby gegen den Lemberger Klub „Karpaty“. Der dümpelt im unteren Mittelfeld, zu seinen Spielen kommen nur ein paar tausend Fans. Deshalb blickt seine Führung voller Eifersucht auf den reichen Einwanderer aus dem Osten.

Zum Lokalderby packte „Karpaty“ den Konkurrenten an einer empfindlichen Stelle: Im Spielertunnel forderten die Lemberger ihre Gegner auf, wie sie in T-Shirts mit der Aufschrift „Ruhm der ukrainischen Armee“ aufs Feld zu laufen. Die weigerten sich. Natürlich sahen sie in den Augen der Fans aus wie Verräter: „Die haben all jenen ins Gesicht gespuckt, die gerade im Donbass das Vaterland verteidigen“, schimpften die Fans im Internet. Auch der Pressesprecher von Schachtjor schimpfte: „Auf dem Trikot, mit dem wir auflaufen würden, müsste stehen ,Friede dem Donbass, Friede der Ukraine‘.“

Damit folgt der Klub der Strategie Achmetows: Er tut so, als sei nichts passiert. Im Vorwort der aktuellen Vereinszeitschrift lächelt Klubchef Achmetow – und verliert kein Wort darüber, wie es nun weitergehen soll. Es mag daran liegen, dass der Schwerindustrie-Tycoon das selbst nicht weiß. Der 48-Jährige hat wie kein anderer durch den Krieg verloren: Im Januar 2013 wurde sein Vermögen noch auf 22,3 Milliarden Dollar geschätzt, im September 2014 nur noch auf 12,7 Milliarden.

Das Stadion wird voll sein, Fans aber hat der Klub hier nur wenige

Seit Monaten scheint er wie gelähmt, gibt keine Interviews mehr. Und noch schlimmer: Er, der sich früher kein Heimspiel entgehen ließ, war seit dem Umzug nach Lemberg bei keinem einzigen Spiel seiner geliebten Mannschaft. Auch heute wird er wohl wieder fehlen.

Schachtjor wird heute die Arena Lwiw füllen, da gibt es keinen Zweifel. Die meisten Zuschauer werden ukrainische Flaggen schwenken, weil sie in der Partie ein Länderspiel sehen. Taras Sass ist einer der wenigen echten Fans von Schachtjor in der Stadt. Der 26-Jährige versucht, einen Lemberger Fanklub aufzubauen. Aber auf mehr als zehn Mitglieder ist er bislang nicht gekommen. Die Liga-Spiele sind zwar immer gut besucht, erklärt Sass bei einem Kaffee im Zentrum Lembergs: „Aber die Mehrheit der Zuschauer ist immer gegen Schachtjor.“

Und Jewgenij Schogoljew? Der Bergmann wird in Donezk im russischen Sportfernsehen das Spiel anschauen. Immerhin. Denn seit die Separatisten die ukrainischen Sender abgeschaltet haben, konnte er nicht einmal mehr die Spiele seines Teams in der ukrainischen Liga sehen. Und am nächsten Morgen wird er auf dem Weg zur Arbeit wieder einmal an der verwaisten Donbass-Arena vorbeifahren.

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