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Interview

20.03.2021

Dieter Hoeneß über seine VfB-Zeit: "Der spinnt komplett, dachten viele"

Dieter Hoeneß 2018, Meisterschaft FC Bayern
Foto: Witters

Dieter Hoeneß hat in Stuttgart das moderne Marketing initiiert und den Verein zur Meisterschaft geführt. Seine beste Zeit als Spieler hatte er zuvor beim FC Bayern – den er nun vor einer schweren Aufgabe sieht.

Herr Hoeneß, vor dem Duell gegen Bayern ist der VfB als Aufsteiger frei von Abstiegsängsten und hat sogar noch Chancen auf einen Europa-League-Platz. Sind Sie überrascht von Ihrem Ex-Klub?

Hoeneß: Ich habe schon damit gerechnet, dass die Mannschaft mit dem Abstieg nichts zu tun haben wird. Die sportlich Verantwortlichen haben gute Leute geholt. Aber dass das junge Team jetzt auch noch im Kampf um die Europa-League-Plätze mitmischen kann, war nicht zu erwarten.

Eigentlich ist alles bestens beim VfB – wäre da nicht der Machtkampf an der Führungsspitze…

Hoeneß: Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was Thomas Hitzlsperger dazu bewogen hat, so einen Kleinkrieg zu beginnen. Aber ich bin da zu weit weg, um das richtig beurteilen zu können. Bei allen Querelen schafft es aber die sportliche Führung, für Stabilität zu sorgen. Der VfB hat mit Pellegrino Matarazzo einen super Trainer und mit Sven Mislintat auch einen hervorragenden Sportdirektor, der beim VfB bewiesen hat, dass er ein richtig gutes Auge für Spieler hat.

Die junge Mannschaft hat sich offensichtlich von der Unruhe an der Vereinsspitze nicht anstecken lassen …

Hoeneß: … was mich auch nicht überrascht. So etwas beeinflusst die Spieler nicht. Die kümmern sich um andere Themen: Spiele ich am Wochenende und wenn ja, mit wem? Wer ist mein Trainer? Unruhe im Verein wirkt sich erst dann negativ auf die sportlichen Leistungen aus, wenn sie lange andauert. Aber beim VfB hat sich ja inzwischen alles wieder ein bisschen beruhigt.

Aus einer anderen Zeit: Der VfB auf Platz vier, Bayern wird Zwölfter

Erkennen Sie Parallelen zur Saison 1977/78, als Sie selbst Teil eines aufstrebenden VfB-Teams waren?

Hoeneß: Ja schon. Es war eine fantastische Zeit. Wir spielten einen begeisternden Fußball, hatten viele junge Spieler in unseren Reihen – die Förster-Brüder und Hansi Müller, um nur ein paar Namen zu nennen. Ich selbst war mit 24 nicht mehr ganz so jung. Die Mischung war einfach gut – so wie heute beim VfB. Am Ende wurden wir Vierter und Bayern Zwölfter.

Ihr Bundesliga-Debüt gaben Sie gegen die Bayern, mit Ihrem Bruder in den gegnerischen Reihen. Ein ganz besonderes Spiel für Sie?

Hoeneß: Wir haben ja nicht direkt gegeneinander gespielt, weil wir ja beide Stürmer waren. Es war für mich ein besonderes Spiel, weil es mein erstes in der Bundesliga war. In meiner Erinnerung habe ich aber bedeutendere Spiele abgespeichert. Ich bin später mit Bayern immerhin fünf Mal deutscher Meister geworden.

Die Brüder Uli (links) und Dieter Hoeneß waren prägende Gestalten der Bundesliga. Uli holte seinen Spieler einst als Spieler zum FC Bayern.

Bei Ihrem Wechsel 1979 nach München hatte Ihr Bruder bei Bayern seine Manager-Karriere bereits gestartet. Das muss doch seltsam gewesen sein, mit dem Bruder Vertragsverhandlungen zu führen ...

Hoeneß: Ich habe mit dem damaligen Bayern-Präsidenten Wilhelm Neudecker verhandelt. Bei den ersten Gesprächen war Uli noch nicht offiziell Bayern-Manager. Aber auch später habe ich immer mit dem Präsidenten die Verträge ausgehandelt. Das sollte nicht nach Vetternwirtschaft ausschauen. Bei meinem Wechsel zum FC Bayern hatte Uli aber schon eine wichtige Funktion. Er soll schauen, dass sein Bruder zu Bayern und nicht zu einem Liga-Konkurrenten geht, lautete Neudeckers Auftrag. Ich hatte damals viele interessante Angebote und Bayern besaß nicht die Strahlkraft heutiger Tage. Später hat mir Neudecker mal erzählt, dass er den Uli nicht zum Manager gemacht hätte, wenn es ihm nicht gelungen wäre, mich zum FC Bayern zu holen.

Sie selbst begannen drei Jahre nach dem Ende Ihrer Profi-Karriere als Fußball-Manager beim VfB Stuttgart. Was haben Sie vom FC Bayern und ihrem Bruder gelernt und umgesetzt?

Hoeneß: Ich habe aus allen möglichen Quellen Ideen gezogen. Ganz besonders hat mir mein vorheriger Job beim Computer-Hersteller Commodore im Bereich Sportmarketing geholfen. Die Themen Marketing und Sponsoring und wie man das in einen umfassenden Kommunikations-Mix einbettet, fand ich unheimlich spannend. Es gab bis dato eigentlich nur den Mäzen, der dem Klub ein bisschen Geld gab. Bei Commodore habe ich gelernt, wie man mit Sportsponsoring den Markennamen bekannter machen kann.

Dieter Hoeneß führte zusammen mit Christoph Daum den VfB Stuttgart zur Meisterschaft.

Sie führten beim VfB unter anderem Begriffe wie Event und Merchandising ein, was für viele im Verein sicher befremdlich war.

Hoeneß: Das kann man so sagen. Wir waren ja der erste Bundesliga-Verein mit einem Maskottchen – das Krokodil mit dem Namen Fritzle. Ich weiß noch, wie unser Merchandising-Chef 20 000 dieser Plüsch-Krokodile geordert hat. Der spinnt komplett, dachten viele im Verein. Aber in wenigen Wochen waren die Krokodile ausverkauft. Ich habe damals versucht, den Verein auf mehrere Beine zu stellen und ihn dadurch stabiler zu machen. Insgesamt war es eine fantastische Zeit. Wir wurden 1992 Deutscher Meister, was dem VfB ja in seiner Geschichte nicht so oft gelungen ist.

Hoeneß sieht den FC Bayern personell gut aufgestellt

1995 wurden Sie aber beim VfB als Manager entlassen – unter anderem mit der Begründung, dass das angelsächsische Marketing-Vokabular nicht zur schwäbischen Bodenständigkeit passen würde ...

Hoeneß (lacht): Wahrscheinlich habe ich den einen oder anderen überfordert.

Ihr Bruder hat sich schon als Präsident zurückgezogen. Karl-Heinz Rummenigge gibt seinen Posten als Vorstandsvorsitzender Ende des Jahres ab. Die Bayern-Führungsmannschaft befindet sich im Umbruch. Sehen Sie den Verein mit Sportdirektor Hasan Salihamidzic und Oliver Kahn als Rummenigge-Nachfolger gut aufgestellt?

Hoeneß: Hasan Salihamidzic zeigt ein unglaubliches Engagement und hat schon einige gute Entscheidungen getroffen, zum Beispiel die Transfers von Davies und Pavard. Auch Sané entpuppt sich mehr und mehr als guter Transfer. Aber richtig interessant wird es, wenn bei Bayern ein echter Umbruch ansteht. Dann wird man sehen, ob es gelingt, einen Neuer, Müller oder Lewandowski adäquat zu ersetzen. Was Oliver Kahn betrifft, hält sich der verständlicherweise noch im Hintergrund. Ich bin aber zuversichtlich, dass er der Richtige ist. Wie Hasan Salihamidzic ist auch Oliver Kahn enorm ehrgeizig und trägt das Bayern-Gen in sich.

Eventuell müssen sich die beiden schon bald mit der Suche nach einem neuen Trainer befassen ...

Hoeneß: Eine spannende Frage, wer Nachfolger von Jogi Löw wird. Ich will mich an den Spekulationen aber nicht beteiligen. Klopp und Flick wären sicher Top-Lösungen, aber sie haben laufende Verträge. Wie hat es Karl-Heinz Rummenigge treffend formuliert: Es ist sehr schwierig für einen Trainer des FC Bayern München woanders einen Job anzunehmen. Ich sehe das auch so. Wer verabschiedet sich denn schon freiwillig als Trainer von der besten Mannschaft der Welt.

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