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FC Bayern
29.11.2021

Der Titan schweigt. Wie Oliver Kahn noch seine Rolle sucht

Oliver Kahn ist seit Sommer Vorstandsvorsitzender des FC Bayern. Beim Ärger mit den eigenen Fans wegen des Katar-Sponsorings geht der einstige Nationaltorwart auf Tauchstation.
Foto: Witters

Oliver Kahn ist neuer Vorstandschef des FC Bayern. Nach der eskalierten Jahreshauptversammlung erlebt er seine erste Belastungsprobe – und macht keine gute Figur.

Diese Rede hätte etwas Besonderes werden sollen. Als Oliver Kahn auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern zum Mikrofon schritt, sollte das nicht weniger werden als die Regierungserklärung des neuen Vorstandsvorsitzenden der FC Bayern AG. Oder, etwas pathetischer, die Vision des Titans: Wo soll der Rekordmeister hin, wie will er das erreichen und für was soll er stehen?

Klar: Der FC Bayern muss die Nummer eins sein. Dabei könne er für sich selbst entscheiden, so Kahn: "Bei uns bestimmt keine Investorengruppe oder ein Multimillionär. Wir werden auch weiter unseren eigenen Bayern-Weg gehen."

Herbert Hainer, Präsident des FC Bayern München.
Foto: Ulrich Gamel/kolbert-press/dpa

Emotional war Oliver Kahn deutlich näher an den Fans als Hainer

Gut möglich, dass am Tag nach der Versammlung vor allem über die Rede Kahns gesprochen worden wäre. Dass der ehemalige Nationalspieler und Bayern-Kapitän die Mitglieder emotional deutlich stärker erreicht als etwa Bayern-Präsident Herbert Hainer, war klargeworden. Der ehemalige Adidas-Chef, für den es ebenfalls die erste Jahreshauptversammlung war, hatte an einigen Stellen seiner Rede zwar eine Pause für Applaus eingeplant – dieser war aber nicht gekommen, sodass Hainer den Fans zurief: "Sie können sich durchaus auch mal selbst beklatschen."

Weil es früh am Abend war, taten ihm die Mitglieder diesen Gefallen – später war das bekanntlich anders. Wegen der Geschäftsbeziehung zum Emirat Katar, das zwar kein Investor, sehr wohl aber ein wichtiger Sponsor ist, war die Lage gekippt – auch gegen Kahn. Der hatte inmitten des Trubels gesagt, dass eine Gesprächsrunde diesbezüglich "eine sehr gute Idee" sei – und erntete Lacher. Einladungen zu Gesprächsrunden, in denen es um Katar geht, hatte der FC Bayern in der Vergangenheit stets unbeantwortet gelassen.

Nach der JHV geschah etwas Ungewöhnliches beim FC Bayern: Schweigen

In den Tagen passierte etwas, das es so noch nicht oft beim FC Bayern gegeben hat: Die Bayern-Bosse schwiegen. Sowohl Herbert Hainer als auch Oliver Kahn wollten sich öffentlich nicht zu den Fan-Tumulten äußern. Nach dem Spiel am Samstagabend gegen Bielefeld liefen beide wortlos an den Journalisten vorbei. Stattdessen wurde Cheftrainer Julian Nagelsmann, der die Versammlung im Zuschauerbereich verfolgt hatte, wieder einmal zum Außenminister: Nein, die Diskussion habe die Mannschaft nicht beeinträchtigt. Ja, er könne sowohl Argumente der Fans als auch die des Vereins nachvollziehen und verstehen. Nein, es mache ihm nichts aus, ständig zu dem Thema gefragt zu werden. Ist halt so als Bayern-Trainer. Ja, für ihn war es auch die bisher schlimmste Veranstaltung, seit er beim FC Bayern ist. Es war auch erst die zweite und die erste war ein Besuch auf der Wirtshaus-Wiesn.

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Die schlimmste Veranstaltung, seit er beim FC Bayern ist – diese Aussage stammt von Uli Hoeneß. Der Vorgänger Hainers hatte das im Abgehen an jenem für den FC Bayern desaströsen Abend gesagt. Schwer vorstellbar, dass Hoeneß in führender Stellung beim FC Bayern derart lange geschwiegen hätte, wie Kahn es nun tut. Während Präsident Herbert Hainer im Kicker konstatierte, dass er aus den Vorkommnissen des Abends Lehren ziehen wolle, gab es von Kahn nur einen Tweet zu lesen. Die Vorkommnisse beschäftigen ihn "immer noch sehr" und hätten gezeigt, wie wichtig der Austausch zwischen Verein und Mitgliedern sei. Danach schwieg der Titan wieder.

Bislang ist Kahn mehr CEO als Titan - ist das gut so?

Nicht wenige Bayern-Fans dürften in diesen Tagen das Gedanken-Experiment anstellen, wie die Hainer- und Kahn-Vorgänger Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge sich in derselben Situation verhalten hätten. In der Sache höchstwahrscheinlich kaum anders. Schließlich waren sie es, die den Deal mit Katar eingefädelt hatten. Karl-Heinz Rummenigge etwa hatte erst kürzlich gesagt, dass der FCB "gutes Geld aus diesem Vertrag bekommen" habe. Die Rede ist von 20 Millionen Euro im Jahr. Sehr wahrscheinlich allerdings, dass die alte Garde deutlich präsenter gewesen wären: polternder, lautstarker.

So, wie es Kahn als Spieler auch gewesen wäre. Als Torwart stand der heute 52-Jährige wie kaum ein anderer Profi für den Erfolgswillen des FC Bayern. Nach der Karriere wich die Verbissenheit bei Kahn. Er ging in die Wirtschaft, machte an der privaten Universität Schloss Seeburg in Österreich den Master of Business Administration. Kahn im Jahr 2021 – das erinnert mehr an einen CEO einer Aktiengesellschaft (der er ja auch ist) als an den spielenden, dauerwütenden Torwart-Titan (der er ja eben nicht mehr ist).

Das mag stimmig sein. Und trotzdem: Ein schweigender Vorstandschef inmitten einer Bayern-Krise ist irgendwie so gar nicht das, was man unter dem Bayern-Weg versteht.

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