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Interview
04.12.2021

Jürgen Kohler: "Hummels war ja noch nie der schnellste"

Jürgen Kohler vermisst das richtige Zweikampfverhalten in der Bundesliga.
Foto: Witters

Jürgen Kohler analysiert die Abwehrreihen der Dortmunder Borussia und den FC Bayern. Dabei überzeugt ihn kein Spieler vollkommen. Anders schaut das bei den Stürmern aus.

Erling Haaland scheint rechtzeitig für den deutschen Clasico wieder fit zu sein. Das macht vielen BVB-Fans Hoffnung auf einen Sieg ...

Jürgen Kohler: Und das ist nicht unbegründet. Für mich stehen die Chancen 50:50. Haaland ist der Unterschiedsspieler. Wenn der mit Tempo auf die Abwehrkette zuläuft, ist er extrem schwer zu verteidigen – ein genialer Bewegungsspieler. Dazu kommt noch sein überragender Abschluss. Bislang haben die Verteidiger die Haaland-DNA noch nicht entschlüsselt. Auf welchen Fuß geht er, was macht er für eine Auftaktbewegung? Bislang hat keiner darauf echte Antworten gefunden.

BVB gegen Bayern – das ist auch das Duell Haaland gegen Lewandowski. Wer ist aus Sicht des früheren Weltklasseverteidigers der bessere Stürmer von beiden?

Kohler: Das lässt sich so nicht beantworten. Es sind zwei unterschiedliche Stürmertypen. Für Lewandowski spricht seine größere Erfahrung. Und er ist in meinen Augen der komplettere Stürmer. Lewandowski macht mit dem rechten und linken Fuß Tore, trifft manchmal auch von außerhalb des Sechzehners und ist der bessere Kopfballspieler. Haaland beeindruckt vor allem durch seine ungeheure Dynamik und wie er seinen Körper einsetzt. Ihn muss man viel näher am Mann bekämpfen. Aber gerade da haben die Verteidiger von heute Probleme – nicht nur in Deutschland, sondern europaweit, ja man kann sogar sagen weltweit. Es gibt große Defizite im Zweikampfverhalten, im Mann-gegen-Mann.

Kohlers Kritik am Zweikampfverhalten in der Bundesliga

Scheint so, also würde Ihnen das als absoluten Experte auf diesem Gebiet wehtun ...

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Kohler: Nein, tut es nicht. Ich stelle das nur fest und sehe immer wieder dieselben Fehler – im Stellungsspiel, in der Antizipation, in der Laufrichtung. Man scheint vergessen zu haben, dass im Wort Abwehrspieler das Wort Abwehr steckt. Es geht heute beim Verteidigen hauptsächlich nur noch ums Verschieben. Darüber hinaus soll der Innenverteidiger auch noch der erste Aufbauspieler, ja fast schon ein Zehner sein. Die Kernkompetenz eines Abwehrspielers muss aber das Verteidigen sein. Darauf wird im Training ein zu geringes Augenmerk gelegt. Man will den universellen Spieler. Aber ich gehe doch auch nicht mit Herzproblemen zum Orthopäden, sondern zum Kardiologen.

Sie waren selbst als Trainer tätig, zuletzt im Jugendbereich und haben die A-Jugend von Viktoria Köln in die Bundesliga geführt.

Kohler: Das war eine schöne Zeit. Aber ich habe auch ein paar Dinge bei den Jungs vermisst – vor allem diese intrinsische Motivation. Die scheint den jungen Spielern heutzutage irgendwie abhandengekommen zu sein. Intrinsisch bedeutet aus eigenem Antrieb heraus. Und der fehlt. Die Jungs brauchen Fremdmotivation. Vielleicht wird ihnen zu viel abgenommen. Ich habe meinen Spielern angeboten, dass wir außerhalb des offiziellen Trainings zusätzlich Dinge wie das Kopfballspiel oder Zweikampfverhalten trainieren könnten. Die haben das ein-, zweimal auch gemacht – aber das war’s dann auch. Ein Topspieler macht das von sich aus. Leute wie ein Ronaldo, ein Lewandowski oder Haaland versuchen, alles aus sich herauszuholen.

Wer war der beste Stürmer, gegen den Sie gespielt haben?

Kohler (lacht): Sie wollen wahrscheinlich den Namen Marco van Basten hören. Aber da gab es auch einen Gary Lineker, einen Hugo Sánchez oder einen Emilio Butragueño, der über den Platz schlich und ja auch ‚El Buitre‘, der Geier genannt wurde. Die Spielweise von Marco van Basten war eine ganz andere. Der war ein genialer Bewegungsspieler – wie Haaland.

Jürgen Kohler und Marco van Basten prägten die Partien Deutschland gegen Holland. Zudem trafen sie sich häufig in der italienischen Serie A. Duelle, aus denen beide mit Schrammen nach Hause kamen.
Foto: Witters

Im EM-Halbfinale 1988 haben Sie das zu spüren bekommen, als eben van Basten im Laufduell mit Ihnen gedankenschneller war und den 2:1-Siegtreffer erzielte. Eine Demütigung, der schwärzeste Moment Ihrer Karriere?

Kohler: Keineswegs. Ich bin van Basten dankbar dafür. Ich habe aus diesem Spiel sehr viel gelernt. Ich hatte bis dato eine sehr gute EM gespielt. Es ging für mich immer nur bergauf. Ich wähnte mich schon fast auf dem Gipfel. Und dann machte van Basten das Ding gegen mich, ein Tor, das sonst niemand macht. Du stellst fest, da ist einer noch besser und noch schneller im Kopf als du. Das hat mich noch ehrgeiziger gemacht. Ich habe noch mehr trainiert.

So hat Kohler als dem Van-Basten-Tor gelernt

Es folgten viele prickelnde Duelle zwischen van Basten und Ihnen, in der italienischen Serie A und im WM-Achtelfinale 1990, aus dem Sie als klarer Sieger hervorgingen.

Kohler: Glauben Sie mir, auch ich als Verteidiger hatte nach einem Spiel gegen van Basten immer Schrammen und blaue Flecken. Van Basten hat ein unschuldiges Milchgesicht, aber der konnte schon auch austeilen. Aber wir sind uns immer mit viel Respekt und gegenseitiger Anerkennung begegnet – auf dem Platz und genauso abseits davon. Für mich war es der größte Erfolg, als van Basten einmal nach einem Spiel im Meazza-Stadion zu mir lief und das Trikot tauschen wollte. Wohlgemerkt: Nicht ich ging auf ihn zu, sondern er kam zu mir – nicht im Kabinengang, sondern für alle sichtbar noch auf dem Platz.

Was sagen Sie zu den aktuellen Abwehrreihen des BVB und des FC Bayern?

Kohler: Bei Hummels und Akanji gibt es Höhen und Tiefen. Beide spielen im Schnitt auf einem guten Level. Hummels war ja noch nie der schnellste und braucht einen schnellen Partner an der Seite. Akanji ist zwar schnell, macht aber immer wieder mal Fehler. Hummels und Akanji sind keine kongenialen Partner – aber das braucht es in der Innenverteidigung, um wirklich erfolgreich zu sein.

Jürgen Kohler sieht bei Mats Hummels Probleme mit der Geschwindigkeit.
Foto: Soeren Stache, dpa

Die Bayern-Abwehr macht ebenfalls nicht den sichersten Eindruck ...

Kohler: Upamecano ist noch jung, Süle und Hernandez ebenfalls ausbaufähig. Alle drei haben mich bislang nicht restlos überzeugen können. Ihr Spiel ist zu fehlerbehaftet. Um die ganz großen Titel zu gewinnen, reicht das nicht. Aber sie sind ja alle noch vergleichsweise jung.

Sie selbst haben alle großen Titel gewonnen – und haben dabei als Verteidiger auch Tore erzielt. Mal ehrlich: Was ist schöner, Tore zu verhindern oder selbst welche zu schießen?

Kohler: Es gibt diese Szene im Rückspiel des Champions League-Halbfinales gegen Manchester United im Jahr 1997. Ich liege schon hilflos am Boden und Eric Cantona muss den Ball nur noch einschieben. Ich stecke das Füßchen raus und wehre mit der Sohle den Ball ab. Wir kommen ins Finale und gewinnen den Champions League-Titel. Das war schon ein genialer Moment. Aber am Ende ist es doch so, dass mehr Endorphine ausgeschüttet werden, wenn man selbst das Tor trifft. Oder einfach gesagt: Tore schießen ist geiler.

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