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Fußball

16.06.2016

Die integrative EM: Ohne Multi-Kulti geht es nicht

Im DFB-Team haben zehn Spieler einen Migrationshintergrund.
Bild: Marius Becker (dpa)

Kopfball Shkodran Mustafi zum 1:0, Flanke Mesut Özil zum 2:0 - ohne die Kinder von Einwanderern kein deutscher Auftaktsieg gegen die Ukraine.

Frankreich feiert seine neuen Helden, von denen sieben der elf Spieler der Schlussformation beim 2:0 über Albanien Wurzeln außerhalb der Grande Nation haben. Ohne Multi-Kulti wäre diese Fußball-EM nicht vorstellbar. Einer Berechnung im Auftrag eines englischen Wettanbieters zufolge wäre knapp ein Drittel der 552 Akteure bei dem Turnier auch für eine andere Nationalmannschaft spielberechtigt gewesen. Die interessantesten Geschichten und Zahlen rund um das Thema Integration bei dieser Europameisterschaft:

INTEGRATIONS-EUROPAMEISTER: Den inoffiziellen Titel sichert sich wie schon bei der WM vor zwei Jahren die Schweiz. Waren in Brasilien noch 15 Spieler mit internationalen Wurzeln im 23er-Aufgebot, so sind ist es bei der EM 14. Auffallend dabei vor allem die Auswahl in der Offensive aus beispielsweise Xherdan Shaqiri (im heutigen Kosovo geboren), Blerim Dzemaili mit albanischer Herkunft, dem im heutigen Mazedonien geborenen Admir Mehmedi und Haris Seferovic, dessen Familie aus Bosnien-Herzegowina kommt. Alles sogenannte Secondos.

"Warum es so viele Secondos sind? Weil sie gut sind", schrieb die "Neue Zürcher Zeitung" diese Saison in einer Analyse der Nati. "Eine gesellschaftliche Minderheit, die in einem wichtigen Bereich die Mehrheit stellt - das hat schon fast etwas Revolutionäres." Und mit Revolutionen entstehen Kontroversen, vor allem nach einem Interview von Stephan Lichtsteiner vor gut einem Jahr um sogenannte Identifikationsfiguren. "Mir geht es nicht um "richtige Schweizer" und die "anderen Schweizer", sondern darum, dass sich das Volk weiterhin mit dem Nationalteam identifizieren kann", sagte der Juve-Profi.

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Vor dem Duell mit Albanien stand das Thema wieder im Mittelpunkt - die zahlreichen Schweizer mit albanischer Abstammung wie Valon Behrami oder Shaqiri zeigten sich beim 1:0 jedoch unbeeindruckt. Und auch das historische erste Bruder-Duell bei einer EM zwischen Granit und Albaniens Taulant Xhaka verlief ohne besondere Vorkommnisse. Es gibt aus eidgenössischer Sicht aber auch das gegenteilige Beispiel: Ivan Rakitic ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen, entschied sich aber für die kroatische Nationalmannschaft.

WELTMEISTER: Eigentlich schienen Debatten über die Herkunft der deutschen Nationalspieler spätestens mit dem WM-Titel der Vergangenheit anzugehören. Kurz vor EM-Start sorgte jedoch AfD-Vize Alexander Gauland mit seinen "Nachbarn"-Aussagen über Jérôme Boateng für große Empörung. Er habe "viel Unterstützung erfahren und viele gute Reaktionen bekommen", sagte der Bayern-Innenverteidiger der "Süddeutschen Zeitung". "Es ist schade und traurig, dass es immer noch Leute gibt, die versuchen, etwas anderes hereinzutragen." Im Aufgebot von Bundestrainer Joachim Löw haben zehn Spieler einen Migrationshintergrund.

DEUTSCHE WURZELN: Mehrere Teams haben Akteure, die theoretisch für Deutschland spielberechtigt gewesen wären. Neben Martin Harnik (Österreich), Kamil Glik (Polen), Mergim Mavraj (Albanien) und Türken wie Hakan Calhanoglu und Yunus Mulli, die sich beide gegen die DFB-Elf entschieden, ist Roman Neustädter das prominenteste Beispiel. Der Schalker war erst Mitte Mai von Kremlchef Wladimir Putin per Präsidialerlass zum russischen Staatsbürger ernannt worden. Er wurde in der heutigen Ukraine geboren.

Doch auch hier gibt es Gegner einer integrativen Nationalmannschaft. Zuletzt hatte der frühere Nationalspieler Andrej Arschawin gefordert, Russland solle lieber eigene Talente unterstützen statt Profis einzubürgern. "Es wird immer Menschen geben, die gegen Einbürgerung sind", sagt Neustädter, der bereits bei seinem Pflichtspieldebüt die Nationalhymne mitsang. "Ich habe keine Probleme und fühle mich gut. Weil ich russische Wurzeln habe, fühle ich mich nicht fremd."

UND SONST? In zahlreichen Teams haben Spieler mit ausländischen Wurzeln eine essenzielle Rolle. Gleich neun Waliser sind im Land des EM-Vorrundengegners England geboren. Zlatan Ibrahimovic ist Sohn einer kroatischen Mutter und eines bosnischen Vaters - und heute bester Fußballer der schwedischen Geschichte. Einzig Rumänien hat keinen Teilnehmer, der auch für ein anderes Team spielen könnte. Dafür sind auch Kap Verde (unter anderem Portugals Nani und Renato Sanches), Indonesien (Radja Nainggolan/Belgien) oder Kenia (Dirk Nowitzkis schwedischer Schwager Martin Olsson) bei der EM zumindest ein wenig vertreten. (dpa)

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