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EM 2016
21.06.2016

Mesut Özil macht es dem Fußballfan nicht leicht

Mesut Özil steht bei der EM 2016 in der Kritik.
Foto: Christian Charisius (dpa)

Mesut Özil steht bei dieser EM in Frankreich durch sein blasses Auftreten in der Kritik. Dabei leistet der Mittelfeldspieler viel - es ist nur nicht so leicht zu sehen.

Mesut Özil hat Glück. Er musste sich bei dieser Europameisterschaft noch nicht rechtfertigen, warum er die deutsche Nationalhymne nicht mitsingt. Das immerhin ist ihm bislang erspart geblieben. Wann immer es bei Turnieren im deutschen Spiel nicht rund läuft, werden die Diskussionen oftmals nicht am taktischen Fehlverhalten oder persönlichen Formschwankungen festgemacht, sondern an der Einstellung.

Die sieht der Stammtisch schon beim Abspielen der Hymne. Wird sie so innbrünstig geröhrt wie von den Italienern, dann stimmt sie. Bleiben die Lippen geschlossen, läuft irgendetwas schief. Und weil Özil dann anschließend mit so viel Elan über den Platz läuft, als müsste er mit seiner Freundin samstags bei Ikea Topfpflanzen einkaufen, ist sicher: Der Mann ist nicht voll bei der Sache.

Özil ist die Anstrengung auf dem Platz nicht anzumerken

Özil macht es dem Fußballfan schwer. Der sieht gerne Kabinettstückchen und in den Winkel gesetzte Volleyschüsse. Wenn das nicht gelingt, soll bitte das Trikot nach dem Abpfiff dreckig sein. Özil kann damit nicht aufwarten. Der 27-Jährige spielt reichlich unspektakulär für einen Regisseur. Obwohl er unlängst auch ab und an von Joachim Löw im defensiven Mittelfeld eingesetzt wurde, kann er der heldenhaften Grätsche wenig abgewinnen.

Sein Spiel ist schlicht von großer Selbstverständlichkeit geprägt. Ballannahme, Pass, freilaufen. Dass ihm kaum einmal die Kugel vom Fuß springt oder einer seiner Pässe misslingt, fällt nicht auf. Ein Problem Özils ist, dass ihm die Anstrengung auf dem Platz nicht anzumerken ist. Das hat er mit Toni Kroos gemein, dem ein ebenso unterkühltes Temperament wie Özil zu Eigen ist.

Mit Kroos haben die deutschen Fans auch lange Zeit gefremdelt. Verstanden nicht, wie Real Madrid auf die Idee kam, sich ausgerechnet den Traber aus dem Mittelfeld des FC Bayern zu holen. Mittlerweile dirigiert Kroos das Spiel des Champions-League-Siegers, ist dort unverzichtbar. Wie er mit kleinen Körpertäuschungen und großartigen Flügelwechseln das Spiel der Nationalmannschaft anleitet, findet nun auch zu Hause Bewunderung.

Neben Özil haben auch andere Fußballstars Probleme bei dieser defensiven EM

So weit ist Özil noch nicht. Auch, weil seine Auftritte im Nationaltrikot bei aller im zugestandener Klasse oft blass sind. Dass Thomas Müller, Mario Götze und Co. bei dieser EM bislang selten gefährlich vor dem gegnerischen Tor aufgetaucht sind, liegt auch an Özils mangelnder Inspiration. Kreativität aber lässt sich nur schwer erzwingen, zumal es die vielbeinigen Abwehrreihen nicht nur ihm besonders schwer machen. Mit Zlatan Ibrahimovic und Cristiano Ronaldo sind zwei absolute Ausnahmekönner bislang ohne bemerkenswerte Aktionen (außer einem verschossenen Elfmeter) geblieben.

Spaniens Andres Iniesta wirkt zwar um einiges vitaler, hat aber auch erst ein Tor vorbereitet und damit genauso viel wie Özil. Es ist unwahrscheinlich, dass sich derart viele hoch veranlagte Offensivspieler gleichzeitig im Leistungstief befinden. Das Mitwirken vieler "kleinerer" Fußballnationen hat das Spektakel nicht zwingend gesteigert. Sie alle beherrschen mittlerweile die Kunst des Verteidigens. Einer Kunst, die in Italien viele Anhänger hat, hierzulande aber im Schatten der großen Expressionisten steht. Noch ist es vielen Trainern nicht gelungen, ihren Mannschaften genügend Lösungswege aufzuzeigen, wie die Abwehrreihen auszuspielen sind. Das wird sich im weiteren Turnierverlauf ändern, spätestens ab dem Viertelfinale, wenn die arrivierten Mannschaften wieder unter sich sind und sich nicht mit Fünfer- und Sechserketten herumplagen müssen.

Heute ist Deutschland gegen Nordirland gefordert

Heute allerdings stehen die Deutschen nochmals vor einer derartigen Aufgabe. Sie benötigen wohl einen Sieg gegen Nordirland - möglicherweise einen hohen - um als Gruppensieger ins Achtelfinale einzuziehen. Dabei sind sie auch auf Özil angewiesen. In seinen bisherigen 75 Länderspielen hat er 35 Tore vorbereitet. Kein anderer deutscher Akteur kommt auf eine derartige Quote.

Werden seine 19 Tore dazugerechnet, ist Özil in drei von vier Spielen an einem Tor beteiligt. In der abgelaufenen Saison schrammte er nur knapp am Vorlagen-Rekord von Thierry Henry in England vorbei. Der legte seinen Mitspielern 2002/2003 insgesamt 20 Treffer auf. Bei Özil waren es 19. Özil hatte einen Stammplatz bei Jose Mourinho, er ist bei Joachim Löw und Arsene Wenger gesetzt. Sie alle lassen einen unterschiedlichen Fußball spielen - auf Özil aber wollte keiner von ihnen verzichten. Weil er Fähigkeiten hat, die selten auf dem Feld zu finden sind. Und manch einer sieht sie nicht einmal.

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