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EM 2016
16.06.2016

Prügelnde Hooligans sorgen für das hässliche Gesicht der Fußball-EM

Es sind Bilder, die am Wochenende die Öffentlichkeit schockierten, aufgenommen im Stadion von Marseille bei der Partie England – Russland: Gewaltbereite Fans gehen auf andere los.
Foto: Valery Hache, afp

Die Fußball-EM ist noch keine Woche alt. Und es gibt andere Themen als die Frage, wer die größten Chancen auf den Titel hat - seit Hooligans am Wochenende aufeinander einprügelten.

Es ist gerade erst Mittag, doch schon jetzt hängt ein herber Geruch von Bier in der Luft. Die Bistros auf den Grands Boulevards von Paris, der belebten Verkehrsachse nördlich der Seine und südlich von Montmartre, sind gut besucht. Hier, wo man sich sonst gerne ein Viertel Rotwein zum Mittagessen gönnt, bestellen Männer in Fußballtrikots eine Runde Bier nach der anderen – und das, obwohl die Halbe stolze acht Euro kostet. „Wir sind schließlich nur einmal hier“, rufen die Schweizer, die sich um einen Tisch drängen. „Da wollen wir auch ordentlich feiern.“ Und das tun sie neben den Fans aus Albanien, die ebenfalls in den Bars der Hauptstadt vorglühen, Stunden vor der Partie am Abend gegen Frankreich im Pariser Prinzenstadion.

Die Fußball-EM gilt schon jetzt als Fest der Hooligans

Wären alle Fans, die zur Europameisterschaft nach Frankreich gereist sind, in so fröhlich-friedlicher Stimmung, gäbe es in diesen Tagen andere Themen. Darüber, welche Mannschaft bisher das beste Spiel abgeliefert hat. Wer die größten Chancen auf den Titel haben dürfte. Doch das Turnier ist noch keine Woche alt. Und gilt schon jetzt als Fest der Hooligans.

Es sind schockierende Bilder, da seit dem Wochenende durchs Internet geistern. Russische Schläger, die Jagd durch die Innenstadt von Marseille machen, die auf englische Fans eindreschen, mit Fäusten, mit Stühlen, Tischen oder dem, was sonst noch herumliegt. Die Rede ist von 150 russischen und Hooligans und 35 Verletzten. Und es gibt ähnliche verstörende Aufnahmen aus Lille, die deutsche Randalierer zeigen. Es sind Bilder zum Fremdschämen. Bilder der Schande.

Die extreme Gewalt hat sich in den Fußball zurückgeschlichen. Jene Gewalt, die seit den Neunziger Jahren verschwunden war und die auch die meisten Experten in diesem Ausmaß nicht vorhersahen. Die Organisatoren hatten andere Gefahren im Blick. „Ganz ehrlich, die Risiken in Verbindung mit Hooligans sind eindeutig zweitrangig gegenüber dem Terror-Risiko“, sagte Jacques Lambert, der Präsident des Organisations-Komitees, noch im Dezember. Jetzt müssen sich die Franzosen den Vorwurf gefallen lassen, das Problem unterschätzt zu haben. Und auch die Polizei, die mit insgesamt 90.000 Einsatzkräften während des Turniers arbeitet steht massiv in der Kritik. Schon das erste Wochenende offenbarte, wie groß die Lücken sind. Polizei im Stadion, wie sie in Marseille nötig gewesen wäre? Fan-Trennung? Fehlanzeige. Schon die dritte Liga in Deutschland habe bessere Standards, spottet die Zeit.

Nach Ausschreitungen: Die UEFA hat England und Russland verwarnt

Frankreich kann und will sich die Bilder der brutalen Kämpfe vom Wochenende nicht mehr leisten. Man will die Hooligans fassen. Ein erster Erfolg: Ein Bus mit 43 russischen Fußballfans wurden am Dienstag in der Nähe von Cannes festgesetzt. Elf Personen sollen mittlerweile wieder auf freiem Fuß sein. Die Folge: Russland hat nach der Festnahme kurzerhand den französischen Botschafter einbestellt.

Auch die UEFA hat reagiert und England und Russland nach den Ausschreitungen verwarnt. Die Russen spielen nur noch auf Bewährung mit. Sollten ihre Fans erneut durch Gewaltakte auffallen, wird das Land, das 2018 die Weltmeisterschaft austrägt, vom Turnier ausgeschlossen. Außerdem hat die UEFA eine Geldstrafe über 150.000 Euro gegen die russische Fußballföderation RFS verhängt.

Das gestrige Spiel der Russen gegen die Slowakei galt daher als Test – für die russischen Anhänger, aber auch für die Polizei, die als überfordert und unvorbereitet kritisiert wurde. Bis zu 4.000 Polizisten und Gendarme waren im Einsatz, um das Spiel in Lille abzusichern. Zusätzlich wurde die Alkoholausgabe an „sensiblen Orten“ eingeschränkt, der Verkauf von Bier zum Mitnehmen verboten, Bars in der Innenstadt mussten um Mitternacht schließen. Doch wieder einmal erfüllt sich die Hoffnung auf ein friedliches Fußball-Fest nicht. Zwar zündeten die Fans im Stadion eine Rauchbombe, was nicht als Grund für einen Turnierausschluss gilt. Doch bereits vor dem Spiel kam es in der Stadt zu Zusammenstößen, als vermummte Russen vor Bars mit Glasflaschen, Stühlen und Tischen werfen. Zehn Personen wurden in festgenommen. Später ging die Polizei mit Tränengas und Schlagstöcken gegen rund 200 randalierende englische Fans vor, in der Innenstadt spielen sich Jagdszenen ab.

BKA will Hooligans mit Videoaufnahmen und Augenzeugen ermitteln

Die Engländer spielen zwar heute in Lens, viele Fans haben ihr Hotel aber im 30 Kilometer entfernten und deutlich größeren Lille. Dort grölten sie gestern Abend Schmähgesänge gegen die Russen, Flaschen und Becher flogen. Das Spiel der Engländer wurde schon von Beginn der EM als eines von fünf Risikospielen eingestuft. Erwartet werden bis zu 50.000 britische Fans. Als Problem gilt, dass das Stadion in Lens nur rund 35.000 Plätze bietet. Daher sollen neben 1.200 Polizisten noch einmal so viele private Sicherheitsleute im Einsatz sein.

Und dann ist da noch ein zweites Risikospiel, das die Organisatoren heute umtreibt: die Partie der deutschen Nationalelf gegen die polnische am Abend in Paris. „Wir gehen fest davon aus, dass sie gewaltbereite Störer anziehen wird“, sagt Jan Schabacker, Sprecher der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS), die die deutsche Hooligan-Szene beobachtet. „Spiele gegen Polen sind traditionell brisant.“ Die Behörden haben ihre Sicherheitsvorkehrungen verschärft, heißt es.

Es scheint, als habe man von den Krawallen vom Wochenende gelernt, in die nicht nur die englischen Fans verwickelt waren und die Russen, die offenbar ihr Ansehen als Schläger steigern wollen. Und dann sind da Deutsche, wohl aus der rechtsextremen Szene, die in Lille wüteten – und das ausgerechnet vor dem Spiel, zu dem der Deutsche Fußballbund (DFB) den früheren Gendarmen Daniel Nivel auf die Tribüne eingeladen hatte. Der Mann, den deutsche Hooligans vor 18 Jahren am Rande eines WM-Spiels ins Koma prügelten, leidet bis heute an den Folgen seiner schweren Verletzungen. „Sein Schicksal sollte uns angesichts der aktuellen Ereignisse Mahnung sein“, sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel. Doch an vielen Krawallmachern scheint jede Mahnung abzuprallen.

Das Bundeskriminalamt (BKA) will Hooligans mittels Videoaufnahmen von Augenzeugen ermitteln. Dazu hat die Behörde ein Hinweisportal im Internet eingerichtet, über das Videoaufnahmen auch anonym hochgeladen werden können. Offenbar trieben sich als gewaltbereit bekannte Fans nicht nur in der Stadt herum, sondern auch im Stadion. Medienberichten zufolge hatten sie teilweise offizielle Tickets des „Fanclubs Nationalmannschaft“. Wie das möglich war, ist noch unklar. Denn wer ein Ticket für die EM ergattern wollte, muss seine Daten angeben. Der DFB überprüfte bei der Ticketvergabe zwar, ob gegen den Käufer in Deutschland ein Stadionverbot verhängt wurde. Doch sollte dies europaweit gelten, müssten die betroffenen Personen zudem als „Gewalttäter Sport“ gelistet sein.

Seit den Pariser Terroranschlägen herrscht Ausnahmezustand

Um Störenfriede vor allem ohne Eintrittskarten gar nicht erst einreisen zu lassen, verschärft die Bundespolizei nun Grenzkontrollen. Überprüft werden auch Flughäfen und Züge. „Wir tauschen intensiv Daten aus und schauen: Wer kommt, wer könnte kommen“, sagt ein Sprecher der nordrhein-westfälischen Bundespolizeidirektion Sankt Augustin. Doch um eine Person an der Ausreise nach Frankreich zu hindern, seien „gerichtsfeste Faktoren“ notwendig, wie eine besondere Ausrüstung oder auffälliges Verhalten.

Als bedeutsam gilt auch der gebündelte Informationsaustausch mit szenekundigen Beamten aus 23 teilnehmenden Staaten, von denen 180 im Land sind. Doch dieser funktioniere nicht gut, kritisiert der frühere DFB-Sicherheitschef Helmut Spahn, der Frankreich mangelhaften Umgang mit Problem-Fans vorwirft. „Die internationale Zusammenarbeit, die in den letzten 15 bis 20 Jahren gewachsen ist und die eigentlich bei jedem großen Turnier in der Vergangenheit stattgefunden hat, gab es in Frankreich nicht.“ Die Organisatoren hätten Angebote zur Unterstützung abgelehnt.

ZIS-Sprecher Schabacker sagt, in Lille hätten die deutschen Beamten etwa 300 gewaltbereite Störer ausgemacht: „Wir hatten diese frühzeitig auf dem Schirm und haben das den französischen Kollegen mitgeteilt.“ Der britische Hooligan-Forscher Geoff Person war in Marseille, als russische auf britische Fans eindroschen. Die französische Polizei sei überfordert gewesen und habe sofort mit Tränengas und Wasserkanonen reagiert. „Ihr fehlt die Routine im Umgang mit diesem Phänomen, das hier weniger stark ausgeprägt ist als in England oder Osteuropa“, sagt der Soziologe Nicolas Hourcade. Im eigenen Land werde mit Stadionverboten auf Gewalt reagiert. Doch Repression könne das Problem nicht lösen.

Zur Verteidigung der Beamten verweist Hourcade auf die Dauerbelastung nach den Pariser Terroranschlägen im vergangenen Jahr. Seitdem herrscht Ausnahmezustand mit stark verschärften Sicherheitsvorkehrungen. Dabei sind die Beamten nicht nur zu extremer Wachsamkeit aufgerufen, sondern auch selbst Zielscheibe. Das zeigt der Doppelmord an einem Polizistenpaar am Montag durch einen Islamisten.

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