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Randbemerkung

07.07.2016

EM 2016: So tickt der Franzose

Die Franzosen singen ihre Nationalhymne gerne lauthals mit.
Bild: Horacio Villalobos (dpa)

Deutschland trifft im EM-Halbfinale auf Frankreich. Doch wie ticken die Fans unseres Gegners eigentlich? So sieht unser Redakteur vor Ort unsere Nachbarn.

Wer etwas über die Nationalmannschaft wissen will, beschäftige sich mit Geschichte und Kultur des Landes. Heute aus nahe liegenden Gründen: Frankreich.

Frankreich ist das größte Land der EU. Der Franzose würde sogar sagen: der Welt. Man hält hier noch etwas auf sich. Seit der französischen Revolution gegen Ende des 18. Jahrhunderts und den anschließenden Feldzügen Napoleons sieht sich das Land als Grande Nation. Ganz Europa richtete sich nach Frankreich aus: sowohl politisch als auch kulturell. Das sorgt selbstverständlich für Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein, das bis heute nachwirkt.

Gleichermaßen haben die damaligen Demokratiebestrebungen auch noch Konsequenzen, die bis in das Hier und Jetzt greifen. Der Franzose hat gerne Mitspracherecht. Passt ihm etwas nicht, tut er das offen kund. Nutzt das wiederum nichts, streikt er. Dabei ist es vollkommen egal, ob er zum Broterwerb einen Zug fährt oder aber gegen einen Ball kickt. So traten die Nationalspieler bei der WM 2010 in einen Trainingsstreik, nachdem Nicolas Anelka suspendiert worden war. Der hatte in der Partie zuvor in der Halbzeitpause Trainer Raymond Domenech geraten, er solle sich rektal penetrieren lassen.

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91 Bilder
Deutschland ist im Halbfinale
Bild: Karl Aumiller

Wie groß ist die Liebe der Franzosen zu ihrer Nationalmannschaft?

Die Beziehung der Anhänger zum Nationalteam ist eine überaus wechselvolle. Heiße Liebe wechselt sich mit abgrundtiefer Abneigung ab. Verehrt wird das Team, wenn ihr großartige Spieler wie Michel Platini oder Zinedine Zidane vorstehen. Dann wirkt das Gebilde wie ein Abziehbild der einheimischen Strukturen: zentralistisch. Ohne Paris funktioniert in Frankreich nichts. Hier sitzt die Regierung. Hier wird der Ton angegeben. Wer beispielsweise vom äußersten Westen des Landes in den entlegenen französischen Osten mit der Bahn fahren will, den führt die schnellste Verbindung erst ins nördliche Paris. Den Franzosen stört das nicht.

Sorgen bereiten dem Land eher immer noch ungelöste Schwierigkeiten mit den Einwanderern aus der Kolonialzeit. Am Ende des 19. Jahrhunderts war Frankreich nach dem britischen Empire die größte Kolonialmacht der Welt. Einen Großteil davon hat die Grande Nation verloren. Die Probleme sind geblieben. Auch wegen einer Politik, die nicht auf Minderheiten ausgelegt ist. So wohnen Franzosen mit Migrationshintergrund weiter oft in den Vorstädten, die von den kulturellen Zentren des Landes abgehängt sind.

Integration in Frankreich: Nationalmannschaft präsentiert sich geschlossener als das Land

Die Nationalmannschaft vermittelte 1998 den Eindruck, die Integration schreite voran. Unter dem Motto "black-blanc-beur" (schwarz, weiß, maghrebinisch) wurde eine Mannschaft Weltmeister, deren Spieler unterschiedlichster ethnischer Herkunft angehörten. Wenige Jahre später brannte es in den Banlieues.

Auch in der jetzigen Mannschaft stehen sowohl schwarze wie auch weiße Spieler. Das Team präsentiert sich geschlossener, als es das Land ist.

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