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Tourismus

28.05.2014

Nationalmannschaft in Südtiorol: Heimspiel für die Helden

Südtirol und der Ort St. Martin begrüßen die deutsche Nationalmannschaft – auch, weil das ein prima Werbefaktor für die Provinz ist.
Bild: Markus Gilliar/dpa

Südtirol - eine Gegend, die immer um ihre Identität kämpfen musste. Gute Werbung ist für die Region alles. Da kommt der Besuch der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gerade recht.

Hinten im Tal, kurz bevor sich der Jaufenpass über den Bergkamm nach Sterzing windet, steht ein unscheinbares Haus. Der Sandhof bei St. Leonhard im Passeiertal ist das Geburtshaus des Tiroler Freiheitskämpfers Andreas Hofer. Heute beherbergt es ein feines, kleines Museum. Die Ausstellung heißt „Helden & Hofer“ und lässt die Kämpfe des Gastwirts im Jahr 1809 gegen die Truppen Napoleons lebendig werden. In einer kleinen Begleitschau sind die Gebetsmühle des Dalai Lama zu sehen und ein Ski, den der Österreicher Hermann Maier bei seinem legendären Sturz bei Olympia 1998 in Nagano gefahren ist. Die Stücke sollen die Besucher anregen zur Reflexion über die eigenen Vorbilder, es ist ein Versuch, sich der modernen Heldenverehrung zu nähern.

Rumme um das Trainingslager der Nationalmannschaft in Südtirol

Wie die in der Realität aussieht, kann nur ein paar Kilometer die Passer hinab, im Dorf St. Martin, wunderbar beobachtet werden. Dort hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr Trainingslager im Vorfeld der Weltmeisterschaft in Brasilien aufgeschlagen, und damit ist es vorbei mit der Beschaulichkeit in der Südtiroler Idylle. „Ich verfolge die Bundesliga ja auch ein bisschen im Fernsehen“, sagt Rosmarie Pamer, die Bürgermeisterin des 3200-Einwohner-Örtchens, „aber dass die deutsche Nationalelf so eine große Stellung besitzt und welchen Rummel sie verursacht, das hätte ich mir nie vorstellen können.“

150 Journalisten sind für das Trainingslager akkreditiert, dazu kommen Radio- und TV-Techniker. Zig Fernsehstationen haben ihre Übertragungswagen aufgebaut, allein das Arbeitszelt für die Reporter hat 182 Plätze mit freiem Internetzugang. Im Zelt nebenan finden die täglichen Pressekonferenzen statt, sie werden live ins deutsche Fernsehen übertragen. Als hier neulich saß, verfolgten das nicht nur 14 Kamerateams, sondern auch viele Gäste in Tracht und Trikots. Menschen, die den Besuch bei Wettbewerben der Sponsoren gewonnen hatten oder die auf Einladung des Südtiroler Tourismusverbandes Einlass erhielten. Das in diesem Forum ungewöhnliche Ende irritierte dann sogar den Medienprofi Löw ein wenig: Es gab Applaus.

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Bürgermeisterin Rosmarie Pamer: "Es ist doch alles ziemlich abgeschottet."

„Schade, dass die Leute aus dem Dorf nicht viel mitbekommen“, sagt Pamer, „es ist doch alles ziemlich abgeschottet.“ Die Zugänge zum Mannschaftshotel im Grünen sind abgeriegelt, ebenso die Wege ins Medienzentrum und zum Trainingsgelände, der Rasenplatz ist verhüllt mit einem grünen Sichtschutz. Der Fahrradweg daneben, der am Fluss Passer hinab führt nach Meran, wurde umgeleitet. So pilgern die Menschen hinauf zum Holzerhof von Bergbauer Stefan Pichler.

Von dort gibt es einen freien Blick auf den Fußballplatz, zu Trainingszeiten stehen vor seinem Haus nun Wanderer mit Feldstechern. „Das ist verrückt, so einen Rummel hätte ich niemals erwartet. Beim Testspiel gegen die U 20 hatten wir bestimmt 200 Menschen vor dem Haus“, so Pichler. Einige Gäste aus Deutschland haben ihren Urlaub sogar auf diese Zeit gelegt, „die gehen den ganzen Tag nicht vom Balkon weg“, sagt der Landwirt lachend.

Wer Glück hat, kann Stürmer Thomas Müller an seinem freien Nachmittag beim Golfen beobachten, aber statt Glück wäre für Rosmarie Pamer Gewissheit schön. Die Bürgermeisterin unterrichtet an der Mittelschule in St. Martin Mathe und Biologie, jetzt muss sie ihren Schülern ständig Fragen rund um Schweini, Poldi und Lahm beantworten. Gibt’s Autogramme? Darf beim Training zugesehen werden? Ihre Antwort ist: „Ich weiß es noch nicht.“ Aber sie hat Hoffnung. „Der DFB hat zugesagt, dass es einen Termin geben wird für die Kinder des Ortes.“

Zum Dritten Mal ist die DFB-Elf zur WM-Vorbereitung in Südtirol

Einer, der weiß, dass die Nationalelf Ruhe möchte und keinen Rummel, ist Manfred Call. Der Bozener kennt sich aus im Sport, er war jahrzehntelang Geschäftsführer des Verbands der Südtiroler Sportvereine und Berater bei vielen Sport-Events. Handball, Tennis, Ski-Weltcup, Eishockey, auch bei Olympia in Turin oder bei der Fußball-WM in Deutschland hat er gearbeitet. Zum dritten Mal nach 1990 und 2010 hat er die DFB-Elf zu einer WM-Vorbereitung nach Südtirol geholt. Call sagt: „In dem Moment, als der Zuschlag für uns fiel, war klar, dass wir keine öffentliche Veranstaltung machen können.“ Südtirol habe die Infrastruktur dafür nicht, „das größte Stadion in Bozen fasst gerade mal 3500 Zuschauer“. Zwei Jahre hat er an dem Projekt gearbeitet, jetzt kümmern sich 50 Freiwillige und die örtliche Feuerwehr um den Ablauf.

Der Südtiroler, sagt Manfred Call, brauche eingekeilt zwischen Italien und Österreich eine eigene Identifikation zum Überleben, „und die bietet uns der Sport, er gibt uns die Möglichkeit, auf uns aufmerksam zu machen“. Seit die Politik erkannt habe, „dass Sport ein Teil unserer Kultur ist, wird er auch gefördert“. Rund 20 Millionen Euro erhält der Sport jährlich vom Land Südtirol.

Trainingslager ist Imagewerbung für St. Martin

Dass das Trainingslager das Land und den Tourismusverband Passeiertal rund 630 000 Euro kostet, war zwar im Gemeinderat von St. Martin ein durchaus kritisch bewertetes Thema, „aber jetzt hört man nichts mehr“, sagt die Bürgermeisterin. „Hier wird man noch in Jahren von diesem Ereignis sprechen.“ Manfred Call findet den Preis gerechtfertigt. „Der DFB ist eine Marke, die unglaublich ausstrahlt“, sagt er. Bis Jahresende dürfen die Südtiroler das Logo und das Mannschaftsfoto für ihre Zwecke verwenden. „Eine solche Imagewerbung, die durch das Trainingslager entsteht, wäre für uns nicht bezahlbar.“

Der Tourismus ist in Südtirol die erste Einnahmequelle und Deutschland mit einem Anteil von 70 bis 80 Prozent der wichtigste Markt. Vor vier Jahren ließ die Bozener Industrie- und Handelskammer den Effekt des Trainingslagers in Eppan untersuchen. Die Zahlen sind beeindruckend: Über den DFB-Aufenthalt erschienen 22 411 Zeitungsberichte, 142 Fernsehminuten und 39 Stunden Radioprogramm wurden gesendet, es gab 2,2 Millionen Internetkontakte. In ihrer Analyse geben die Macher zu, dass der Vergleich schwierig sei, aber: Selbst bei defensiver Betrachtungsweise errechneten sie einen Gegenwert von 11,2 Millionen Euro.

Da fallen die Kosten von 80 000 Euro für den Trainingsrasen kaum ins Gewicht, und der SC St. Martin, der in der italienischen Oberliga kickt, sagt Manfred Call, darf sich künftig über ein teppichähnliches Spielfeld freuen. Auch sonst haben sich die Südtiroler ins Zeug gelegt: Jeden Abend begrüßt von den Bergen eine Feuerschrift die Dämmerung: „Willkommen DFB.“ Am Ortseingang hängt ein großes Schild: „Mir freien ins auf enk!“

Empfang im Schloss Trauttmansdorff in Meran

Es gab auch einen Empfang in den wunderbaren Gärten des Sisi-Schlosses Trauttmansdorff in Meran. Zwischen Salbei, Olivenbäumen und Zitrusgewächsen spielte ein Bläserquartett und Landeshauptmann Arno Kompatscher begrüßte freudig den DFB. Manager Oliver Bierhoff spielte den Ball artig zurück. Weil sich die Spieler abschotten, ist das Team hinter dem Team in solchen Fällen gefragt. Wie bei einem Galadiner dreier Sterneköche auf der Terrasse des Quellenhofs im Passeiertal, wo Mannschaftspsychologe Hans-Dieter Hermann zwischen Ravioli mit Polenta und Rinderfilet mit Rotweinessig ein kurzes Referat für die etwa 200 geladenen Gäste hielt. „Erfolgreiche Menschen gehen mit der Niederlage so um, dass sie davon profitieren“, sagte Hermann, „und sie suchen nicht die Schuld woanders.“ Beginne stets bei dir, sollte das heißen. Vielleicht hat sich das Bundestrainer Joachim Löw zu Herzen genommen, als er gestern seine Reue über den ungezügelten Umgang mit dem eigenen Auto ausrichten ließ.

Zum Dessert gab es übrigens Erdbeer-Melissen-Törtchen und ein Feuerwerk. Glitzernder Regen ging hernieder, als Klaus Gurschler von der Volksmusikband „Psayrer“ seinen neuen Song vorstellte. Er hat ihn extra für die berühmten Fußballgäste geschrieben. Der Titel: „Helden & Sieger“.

Was Andreas Hofer wohl über die modernen Besatzer des Passeiertals in den kurzen Hosen und mit den bunten Bällen gedacht hätte? Seine letzten Worte jedenfalls sollten möglichst nicht als Urteil über jener Mission stehen, die Joachim Löw, Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose und all die anderen im Juni im fernen Brasilien angehen. Als Hofer 1810 in Mantua hingerichtet werden sollte, habe ihn, so wird es in Südtirol gerne überliefert, die erste Exekutierungssalve nur verletzt. Den Schützen rief er daraufhin zu: „Ach, wie schießt ihr schlecht!“

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