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Amateurfußball

18.10.2020

Nehmen Rassismus und Diskriminierung in Corona-Zeiten ab?

Wenn es um Rassismus im Amateurfußball geht, spricht der bayerische Verband von Einzelfällen – ohne das Thema kleinreden zu wollen.
Bild: Bernhard Weizenegger (Symbolbild)

Plus Im Amateurfußball scheinen Rassismus und Diskriminierung in der jüngeren Vergangenheit abzunehmen. Nur eine Momentaufnahme oder ein Dauerzustand?

Wenn Ismail Demir davon berichtet, dass die „Luft raus“ ist, ist das in diesem speziellen Fall positiv zu bewerten. Demir fungiert im Spielkreis Augsburg als Konfliktmanager. Kontaktieren ihn Vereine oder Verbandsfunktionäre, liegt etwas im Argen. Seit fünf Jahren tritt Demir als Schlichter auf, macht sich vor Ort ein Bild, führt Gespräche und wirkt Aggressionen am Fußballplatz entgegen. Über mangelnde Arbeit konnte er sich bislang nicht beklagen.

Hässliche Beleidigungen bleiben in Corona-Zeiten weitgehend aus

Meist fängt der Streit mit einem Foul oder einer Schiedsrichterentscheidung an und überträgt sich auf den Spielfeldrand. Demir berichtet von seinen Erfahrungen, von Beleidigungen und Beschimpfungen, schlimmstenfalls von Tätlichkeiten mit üblen Verletzungen.

Wie ein Amateurfußballspiel eskalieren kann, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2018, als die Kreisligapartie zwischen dem TSV Zusmarshausen und Suryoye Augsburg mit vier Platzverweisen, Beleidigungen, Handgreiflichkeiten, einem Spielabbruch und sogar einem Polizeieinsatz endete.

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Derartige Vorfälle sind jedoch in den vergangenen Monaten bedeutend weniger geworden. Fast schon wehmütig erzählt Demir, wie ruhig es zuletzt auf den Spielfeldern geworden ist. Erst sorgte das Coronavirus für die Unterbrechung der Saison, jetzt scheint die Pandemie die Emotionen zu verbannen. Zuschauer sind mal erlaubt, mal verboten; Spiele fallen aus oder finden unter Hygieneregeln statt. Allgemein scheint das Interesse am Amateurfußball abgenommen zu haben. „Die Euphorie ist weg, die Spieler haben nicht mehr den Biss. Ich finde es todlangweilig“, erzählt Demir.

Positiver Nebeneffekt: Hässliche Begleiterscheinungen bleiben in Corona-Zeiten weitgehend aus. Denn, so Demir: „Das Schlimmste während der Spiele sind Beleidigungen und Anfeindungen von außen.“

Rassistische Vorfälle: Wie hoch die Dunkelziffer ist, lässt sich schwer sagen

Gerade in einer Stadt wie Augsburg, in der der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund hoch ist, driften Äußerungen in Diskriminierung und Rassismus ab. Demir will dies aber nicht als deutsch-türkisches Problem verstanden wissen, alle Nationalitäten seien vertreten. „Es ist ganz unterschiedlich. Mal kann der nicht mit dem, mal der nicht mit dem“, sagt Demir. Eines betont er aber: In Summe seien rassistische Bemerkungen auf dem Fußballplatz seltener geworden.

In der Spielzeit 2018/19 hat der Bayerische Fußballverband (BFV) in rund 244.000 Spielen 210 Fälle von Diskriminierung erfasst – Zahlen ausschließlich für rassistische Vorfälle gibt es nicht. Statistisch gesehen spreche man von Einzelfällen, teilte der BFV Ende Februar, wenige Tage vor dem Lockdown, auf Anfrage mit. Mit dem Zusatz: „Jeder Fall von Rassismus ist einer zu viel, der BFV steht für null Toleranz gegenüber jeder Art von Diskriminierung.“

Wie hoch die Dunkelziffer ist, lässt sich schwer sagen. Werden Vorfälle nicht in Spielberichtsbögen vermerkt, können der Verband und dessen Sportgerichte nicht aktiv werden. Der BFV engagiert sich. Im Rahmen seiner Anti-Rassismus-Kampagne können sich Vereine klar positionieren, können mit einem Banner des BFV auflaufen, Kapitäne oder Stadionsprecher können eine entsprechende Botschaft verlesen. Der Verband befasst sich in Schulungen mit dem Thema und arbeitet mit Fachstellen und Bündnissen gegen Rechtsextremismus zusammen. „Deren Wissen soll an Verbandsmitarbeiter und Vereine weitergegeben werden“, so der BFV.

Manchmal findet Rassismus unterschwellig statt

Ein einheitliches Bild zu zeichnen fällt schwer. Im Spielkreis Donau kam es vor einem Jahr zu einem Zwischenfall. Ein Spieler der SSV Höchstädt behauptete, er sei in der Partie in Möttingen rassistisch beleidigt worden. Für seine Reaktion – er zeigte den Zuschauern den Mittelfinger – bekam er die Rote Karte. Seine Mannschaftskameraden kamen nach der Halbzeitpause nicht mehr aus der Kabine, das Spiel wurde abgebrochen. Der Schiedsrichter indes vermerkte in seinem Spielbericht keinen derartigen Vorfall, auch das Heimteam verneinte das.

Auf der anderen Seite berichten Spieler und Funktionäre des B-Klassisten FC Internationale Memmingen, einer Mannschaft, die sich vorwiegend aus Flüchtlingen zusammensetzt, davon, dass ihnen auf dem Platz ohne Vorurteile begegnet wird. Eine Einschätzung, die Esse François Akpaloo, in Togo geboren und Angreifer des Bezirksligisten SC Bubesheim, teilt. Auf dem Fußballplatz sei er „schon lange nicht mehr“ rassistisch beleidigt worden, berichtet er. „Was macht der Schwarze da?“, solche Worte seien früher gefallen, jetzt nicht mehr, fügt Akpaloo hinzu.

Dennoch wird er mit seiner Herkunft konfrontiert. Manchmal findet Rassismus unterschwellig statt, manchmal offen. Ist er in seinem Wohnort Augsburg unterwegs, werde er gelegentlich „komisch“ angeschaut. Er solle dort hingehen, wo er herkomme, bekäme er zu hören. Und jüngst beschimpfte ihn eine Frau und warf sogar eine Bierflasche in seine Richtung. Im betrunkenen Zustand hatte sie jegliche Hemmungen verloren.

Hören Sie sich dazu auch unsere Podcastfolge zum Thema Rassismus an:

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