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WM 2014
25.06.2014

Jürgen Klinsmann: Der wo Deutschland in die Knie zwingen soll

US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann hofft beim letzen Gruppenspiel der WM 2014 auf einen Sieg gegen Deutschland.
Foto: Marius Becker, dpa

Jürgen Klinsmann ist noch immer der Gleiche wie früher: smart, voller Energie, ein Motivator. Mit der modernisierten US-Nationalmannschaft will er gegen Deutschland gewinnen.

Es gibt auf der Welt nur zwei Menschen, die es als Spieler und Trainer zum Fußball-Weltmeister gebracht haben. Der eine ist Franz Beckenbauer, vom Weltverband Fifa momentan mit einem WM-Bann belegt, weil er sich nur widerwillig an der Aufklärung von Korruptions-Vorwürfen gegen die Weltregierung des Fußballs beteiligt.

Der andere ist der Brasilianer Mario Zagallo. Den beiden am nächsten ist derzeit ein Bäckersohn aus Geislingen. 1990 als Spieler unter Beckenbauer Weltmeister und morgen als Teamchef der USA Deutschlands Gegner auf dem Weg ins Achtelfinale der WM in Brasilien. Die Aussichten für Jürgen Klinsmann sind günstig, zusammen mit Deutschland die nächste Runde zu erreichen.

Der 49-Jährige kennt dieses Gefühl. Vor acht Jahren war er schon einmal so weit gewesen – und dann sogar noch viel weiter. Ganz nah bei Beckenbauer und Zagallo. Im Sommer 2006, dem Sommer des deutschen Fußball-Märchens.

Verzweiflungstat machte Jürgen Klinsmann zum Bundestrainer

Zwei Jahre vorher hatte sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in einer Verzweiflungstat dazu durchgerungen, Jürgen Klinsmann die Nationalmannschaft anzuvertrauen. Ausgerechnet Klinsmann, der seiner Heimat den Rücken gekehrt hatte und von Amerika aus, mit Blick auf den DFB, empfahl: „Man müsste den ganzen Laden auseinandernehmen.“

Dass sich der damalige Verbandspräsident Gerhard Mayer-Vorfelder trotz dieser Drohung für seinen württembergischen Landsmann ins Zeug legte, dokumentierte den Grad der Verzweiflung an der Verbandsspitze.

Rudi Völler hatte nach der EM 2004 entnervt die Brocken hingeworfen. Deutschland spielte Rumpelfußball und das Ansehen der Nationalelf sank dramatisch.

Klinsmann baute die DFB-Elf um

Also nahm Klinsmann den Laden auseinander, so wie das jeder Sanierer eines maroden Unternehmens auch getan hätte. Er ließ sich mit weitreichenden Vollmachten ausstatten und scharte Vertraute um sich. Den eleganten Oliver Bierhoff als Manager und den seelenverwandten Schwarzwälder Joachim Löw als Trainerassistenten.

Smarte Kerle, wie Klinsmann selbst einer ist. Dann kappte er Privilegien und verwies Spitzenfunktionäre vom Mannschaftstisch, predigte Teamgeist, engagierte amerikanische Fitnesstrainer, die seine Spieler an Gummibändern laufen ließen, und verordnete seiner Mannschaft jenen bedingungslosen Offensivstil, für den er als Stürmer selbst einmal bekannt war.

Am Ende ließ er noch Köpfe rollen. Kündigte dem ehrwürdigen Torwarttrainer Sepp Maier und hatte auch keine Skrupel, einen Titanen zu stürzen. Das nationale Torhüter-Heiligtum Oliver Kahn musste auf die Ersatzbank. Derartig saniert schaffte es Deutschland bei der WM 2006 bis ins Halbfinale, bescherten die Klinsmänner der Republik einen Fußball-Sommer, von dem noch zwei Jahre zuvor keiner zu träumen gewagt hätte.

Mehr Motivationscoach als klassischer Fußball-Trainer

Fußballgeschichte, die sich nun so exakt wiederholen könnte, als folge sie einem Drehbuch. Klinsmann ist noch immer der Klinsmann von damals. Ein jung gebliebener, energiegeladener Sanierer. Mehr Motivationscoach als klassischer Fußball-Trainer. Nur seine Mannschaft ist eine andere – und das Land, das sie vertritt.

Als er 2011 das Amt des US-Nationaltrainers antrat, belegte die USA Platz 34 in der Weltrangliste. Von Europa aus betrachtet ist das respektabel, aus amerikanischer Sicht „nothing to speak of“ – nicht der Erwähnung wert.

USA dank Klinsmann auf Weltranlistenplatz 13

Inzwischen gehören die USA zum erweiterten Kreis der großen Fußball-Mächte. Aufgestiegen auf Rang 13. Noch vor Holländern und Franzosen. Aber auch das beeindruckt keinen echten Amerikaner. In Klinsmanns Wahlheimat zählt nur der Sieg, das Gold, der Titel. Nun könnte man meinen, mit dem ehrgeizigen Deutschen und dem Nummer-eins-fixierten Land haben sich zwei gefunden, die besser nicht zueinanderpassen könnten.

Klinsmann lebt seit 16 Jahren in den USA. Was ihm vorher zum Amerikaner gefehlt hat, sollte er nun gelernt haben. Mit seiner Frau Debbie und den Kindern Jonathan, 17, einem 1,92-m-Hünen, der es als Torhüter in den US-Nachwuchskader geschafft hat, sowie Laila, 13, residiert er in Huntington Beach, einer Strandgemeinde in Südkalifornien.

Nirgendwo anders könnte man ihn sich vorstellen. Er freut sich über jedes „How are you doing?“. ,,Ich mag es, wenn ich beim Einkaufen gefragt werde, wie es mir heute geht“, sagt er.

Gleichzeitig denkt er deutsch. Also hat er in den Wochen vor der WM die Amerikaner darauf vorbereitet, dass es möglicherweise mit dem WM-Titel in Brasilien nichts werden könnte, „weil die Mannschaft noch nicht so weit ist“.

Das hätte er besser für sich behalten. Mit dieser Einschätzung sei er zwar richtig gelegen, urteilt Alexi Lalas, 96-maliger Nationalspieler, „aber einfach nicht wirklich amerikanisch“, was Kasey Keller, Lalas’ Ex- Kollege, bestätigt: „Amerikaner sind es gewohnt zu siegen.“

Aber Klinsmann hat eben noch nicht vergessen, wo die Nationalelf stand, als er vor drei Jahren ihr Anführer wurde. Bei aller Euphorie, die er selbst am besten verbreiten kann, ist der 49-Jährige auch württembergischer Schwabe geblieben. Der wo geerdet und realistisch ist, wie es aus seinem Munde klingen könnte.

Klinsmann hat Nationalelf modernisiert

So ist er 2011 angetreten, die Nationalelf der USA zu modernisieren, wie er acht Jahre vorher auch die deutsche Auswahl auf neue Beine gestellt hat. Er suchte nach Spielern, die im europäischen Fußballbetrieb aufgewachsen waren, aber einen US-amerikanischen Pass hatten.

Wie vor der WM 2006 hat er sich auch dieses Mal nicht gescheut, Denkmäler zu stürzen. Landon Donovan, Amerikas Rekordnationalspieler, strich er kühl aus seinen WM-Plänen. Der 32-Jährige steht für das alte Fußball-Amerika. Klinsmann aber will das Neue – und bleibt dabei doch widersprüchlich.

Kurz vor dem WM-Start berief er Berti Vogts in seinen Beraterstab. Den 67-jährigen ehemaligen Bundestrainer, mit dem Klinsmann 1996 den EM-Titel gewann. Einen Vertrauten, auf den er sich verlassen kann, wenn saniert werden muss.

Dabei war Vogts dem Deutschen Fußball-Bund schon 2006 zu sehr von gestern, weshalb der DFB Klinsmanns Wunsch, Vogts als Assistenten ins Deutschland-Team aufzunehmen, ablehnte. Es war einer der wenigen Personalwünsche, die ihm verweigert wurden. In den USA hat ihn Klinsmann nun durchgeboxt. Vogts beobachtet und analysiert vom Stadion-Oberrang aus für seinen ehemaligen Schüler.

Brasilien war für Klinsmann und die USA bisher ein Erfolg

Klinsmann ist auch Pragmatiker. Wer dem Fortschritt dient, ist nie zu alt. Dass Brasilien für ihn und seine Truppe bislang ein Erfolg ist, darf unwidersprochen behauptet werden, auch wenn der Chef nach dem 2:2 gegen Portugal etwas zerknirscht wirkte.

„Hätten wir vor der WM gesagt, dass wir nach zwei Spielen vier Punkte haben, wären wir ziemlich froh gewesen. Aber wenn du eigentlich schon sechs Punkte hast und dann wird es doch nichts, ist das eine kleine Enttäuschung“, sagte er nach Portugals Ausgleichstor in der Nachspielzeit.

Morgen Abend (18 Uhr/ARD) wäre er im Innersten mit einem solchen Ergebnis zufrieden. Es würde ihn Beckenbauer und Zagallo wieder einen Schritt näher bringen. Nach außen aber zählt nur der Sieg. Es geht schließlich gegen Deutschland, und damit auch gegen Joachim Löw. Mehr Prestige ist in einem Spiel nicht zu vergeben.

Also sagt Klinsmann, was Trainer vor solchen Partien immer sagen: „Wir haben das Selbstvertrauen, Deutschland zu schlagen.“ Seine Mannschaft sei „nicht gemacht für Unentschieden“. Joachim Löw behauptet dasselbe, weshalb die Freundschaft in diesen Tagen ruht.

Beide haben sich eine Kontaktsperre auferlegt. „Es wird keinen Anruf geben“, erklärt Klinsmann. „Es ist keine Zeit für Freundschaftsanrufe, jetzt geht es ums Geschäft.“ Die Amerikaner freut das zu hören. Da hat offenbar einer der ihren gesprochen.

Tatsächlich war es der Sohn eines Bäckers aus Geislingen.

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