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Nationalmannschaft
06.10.2020

Das Aufgebot von Jogi Löw: Mit Grüßen an die Don Promillos

Kein anderer deutscher Trainer hat eine derart große Auswahl an Spielern. Ein wirklich glückliches Händchen hatte Joachim Löw zuletzt aber nicht bei seinen Nominierungen.
Foto: Federico Gambarini, dpa

Der Bundestrainer muss sich vorkommen wie der Trainer einer Freizeitmannschaft. Der Kader: zusammengewürfelt. Fitnesszustand: ausbaufähig. Joachim Löw aber hat vorgebaut.

Der Trainer der Fußball-Nationalmannschaft ist natürlich nicht nur dafür verantwortlich, elf Spieler auf das Feld zu schicken und ihnen im besten Fall noch präzise taktische Kniffe mitzugeben, die sich in Einzelfällen auch zu einem „Spuits Fuaßboi“ destillieren lassen. Derartige unterkomplexe Arbeiten sind jedem halbwegs ausgebildeten Stammtisch zuzutrauen. Jede bierselige Runde fühlt sich befähigt, diesen Job auszufüllen – im Normalfall natürlich viel besser als Joachim Löw.

Der DFB aber entlohnt Löw nicht dafür, dass der einige wenige Male im Jahr elf Spieler auf den Rasen schickt. Deutschlands oberster Fußball-Lehrer teilt das Schicksal abertausender Betreuer von Alt-herren- und Freizeitmannschaften. Vor dem Spiel steht die Nominierung. Löw hat nur den vermeintlichen Vorteil, aus einem unerschöpflichen Reservoir begabter Balltreter auswählen zu können. In Wahrheit ist das Telefonbuch des Trainers der Don Promillos Buxtehude beinahe ebenso gut gefüllt mit Nummern von willigen Fußballern. Wenn nicht gerade Oma Hilde ihren 85. feiert. Oder es regnet. Oder der beste Freund Junggesellenabschied feiert.

Morbus Ballack, wenn der Trip ins allzu entfernte Ausland ansteht

Derartige Ausreden muss sich Löw nicht bieten lassen. Um einen Termin bei der Nationalmannschaft abzusagen, bedarf es schon eines Attests. Faserriss, Bänderdehnung, und wenn der Arzt partout nichts finden mag, dann eben Morbus Ballack. Den Mann von Weltklasseformat zwickte es häufiger, wenn spektakuläre Trips an die europäische Außengrenze anstanden.

Diesmal aber hat Löw vorgebaut. Für die drei Länderspiele gegen die Türkei (Mittwoch), in der Ukraine (Samstag) und die Schweiz (Dienstag) hatte er gleich 29 Spieler nominiert. Wie großzügig der Bundestrainer mit seinen Einladungen umgeht, zeigt auch die Tatsache, dass unter anderem Suat Serdar vom Tabellenletzten Schalke 04 hätte nach Köln reisen sollen – nun aber wegen einer Oberschenkelblessur ausfällt.

Weil die Spieler des FC Bayern und RB Leipzig aufgrund ihrer Dauerbelastung in der Partie gegen die Türkei (20.45 Uhr, RTL) geschont werden, kommen allerhand Profis zum Einsatz, deren Berufung sich nicht auf Anhieb jedem Außenstehenden erschließt. Auch das eint Löw mit dem Coach einer Freizeit-Elf. Der lässt am Ende jeden spielen, der verfügbar war. Sperenzchen wie Trainingsleistung und Fitnesswerte sind zu vernachlässigender Luxus.

Nicht jedem erschließt sich die Kaderzusammenstellung von Joachim Löw

So stehen für die Partie am Mittwoch beispielsweise Antonio Rüdiger, Nico Schulz, Nadiem Amiri, Jonathan Tah oder Mahmoud Dahoud im Kader. Die sind von einem Stammplatz in ihrem Verein genauso weit entfernt wie Löw von einem Einsatz bei den Thekenfreunden Juventus Urin.

Co-Trainer Markus Sorg ist trotzdem davon überzeugt, einen guten Mix aus Spielern zu finden, „die im Rhythmus sind. Zum anderen können wir Spielern die Gelegenheit geben, sich zu präsentieren.“ Angeführt werden soll die Mannschaft von Julian Draxler, der als einer von wenigen derzeit in seinem Verein Stammspieler-Status besitzt – freilich auch, weil viele seiner Kollegen bei Paris St. Germain aufgrund von Verletzungen und Sperren verhindert sind.

Bundestrainer sieht Perspektiven - vor allem mit den Bayern-Spielern

„Der Bundestrainer nimmt nicht immer das nächste Spiel in den Fokus, sondern arbeitet perspektivisch“, umschreibt Sorg das Fehlen etablierter Spieler. Wenn es gegen die Ukraine und die Schweiz um Punkte in der Nations League geht, sollen Bayern und Leipziger eine Perspektive öffnen, die an eine erfolgreiche EM glauben lässt.

Sollte das nicht gelingen, wird der Stammtisch ob des freiwilligen Verzichts auf Boateng, Hummels und Müller wieder einmal ein klares Urteil fällen. Das immerhin bleibt dem Trainer einer Freizeitmannschaft erspart. Seinen Job will schließlich keiner machen.

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