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Die Pfiffe gegen Gündogan waren unverhältnismäßig

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Kommentar Von Tilmann Mehl
09.06.2018

Die deutschen Fans sind enttäuscht über Mesut Özil und Ilkay Gündogan - und taten dies mit Pfiffen beim letzten WM-Testspiel kund. Doch was sollten die bewirken?

Sich mit dem Autokraten Recep Tayyip Erdoğan fotografieren zu lassen, war dumm, falsch und von obszöner Gleichgültigkeit gegenüber gesellschaftlicher Standards. Mesut Özil und Ilkay Gündogan dürften das nun wissen. Gündogan bekam am Freitag erstmals die volle Wucht deutscher Wut zu spüren. Einer Wut, die verständlich ist. Die den Weg aber durch ein denkbar ungünstiges Ventil fand. Denn was sollten die Pfiffe bewirken? Welche Botschaft sollten sie transportieren: Etwa: Du bist hier nicht willkommen? Oder: Wir sind Deutsche und du nicht? Sie lassen Spielraum für Spekulationen. Und so verständlich es ist, einmalig seinem Furor Luft zu machen und Gündogan bei seiner Einwechslung auszupfeifen: Alles, was danach kam, war schlicht unanständig.

Die Nationalmannschaft verabschiedete sich in Leverkusen von ihren Fans in Richtung Weltmeisterschaft. Im Stadion waren auffallend viele Kinder. Ihre Vorbilder sind Manuel Neuer, Marco Reus und Toni Kroos. Vielmehr aber noch Papa und Mama. Was bitte wird den Kindern im Stadion vorgelebt? Dass Menschen psychisch fertiggemacht werden dürfen, wenn sie nur genug Geld verdienen? Dass das mit der Vergebung zwar ganz nett gemeint ist, aber eigentlich dann halt doch Unfug ist?

Die Fans, die permanent pfiffen, haben sich über den Menschen Gündogan erhoben. Sie liegen dieses Jahr wieder an den Stränden Antalyas, zahlen keine Sozialversicherungsbeiträge für ihre Putzfrau, betrügen bei der Einkommenssteuererklärung, fahren betrunken Auto. Sie sind diejenigen, die den Vegetarier fragen, warum er denn kein Veganer ist und ob seine Schuhe aus Leder seien - während sie für 1,99 Euro ein Pfund Hackfleisch kaufen.

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Pfiffe gegen Gündogan: Nicht nur die Fans gaben ein schlechtes Bild ab

Natürlich darf Kritik nicht nur üben, wer ohne Fehler ist. Das wäre eine einsame Veranstaltung. Aber das Mittel der Wahl sollte zumindest angedacht werden. Plakate oder Banner gestalten, anstatt dem schlichten Massenreflex zu folgen und die Finger in den Mund zu stecken.

Doch nicht nur die Fans gaben ein schlechtes Bild ab. Der DFB wollte das Thema totschweigen, nachdem man sich kurz damit beschäftigt hatte. So funktioniert Öffentlichkeitsarbeit aber nicht. Genausowenig wie die von Mesut Özil, der sich jedem Interview verweigert. Gündogan und Özil nutzen Öffentlichkeit und Fans gerne zu ihren Nutzen. Sie hätten von Anfang an offen mit der "Erdogan-Affäre" umgehen müssen. Hätten erläutern sollen, wie es dazu kam. Offenlegen, was sie mit dem Treffen beabsichtigt hatten. Erläutern, warum Gündogan ein Trikot mit der Signatur "für meinen verehrten Präsidenten" versah. Fans wollen ehrlich behandelt werden. Ansonsten reagieren sie sauer. Und unverhältnismäßig.

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Das ist der deutsche Kader für die WM 2018
Bild: Julian Stratenschulte, dpa

Hier finden Sie den kompletten Spielplan zur WM, den Sie über diesen Link auch im PDF-Format zum Ausdrucken finden: Spielplan zum Herunterladen und Ausdrucken.

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11.06.2018

Die, die jetzt immer noch pfeifen, sind die, die sowieso keine türkischstämmigen Spieler in der deutschen Nationalmannschaft sehen wollen. Sie werden deswegen damit auch nicht aufhören. Wenigstens haben die "Mannschaft" und der Trainer nun eine Ausrede, wenn es nicht so läuft.

Aber abgesehen davon: Was sollen Gündogan und Özil denn nun tun? Sollen sie sich so kurz vor den Wahlen in der Türkei von Erdogan distanzieren? Dann wird die Sache endgültig zum Politikum mit unabsehbaren Folgen. Man sollte das Ganze als typische Fußballerdummheit einordnen und gut sein lassen. Aber das können und wollen die Ausländerfeinde nicht: Sie haben wieder ein Thema gefunden.

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11.06.2018

>> Die, die jetzt immer noch pfeifen, sind die, die sowieso keine türkischstämmigen Spieler in der deutschen Nationalmannschaft sehen wollen. <<

Es gab da über viele Jahre keine Ereignisse, die eine solche These stützen würden.

>> Man sollte das Ganze als typische Fußballerdummheit einordnen und gut sein lassen. Aber das können und wollen die Ausländerfeinde nicht <<

Jeder der es nicht als typische Fußballerdummheit einordnet ist ein Ausländerfeind?

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11.06.2018

Sich mit dem Autokraten Erdogan fotografieren zu lassen war nicht nur dumm und falsch, es war bodenlos und im Fall Gündogan kommt ja hinzu, dass er darüber hinaus auch noch eine devote Huldigung an ‚seinen‘ Präsidenten überbrachte : Hochachtungsvoll.

Es sind Spieler schon aus weitaus geringeren Anlässen aus der Nationalmannschaft verbannt worden. Effenberg wegen eines Stinkefingers (auf Provokation hin) eine Dummheit ja, für die es eine Entschuldigung auch getan hätte. Kevin Kuranyi, weil er auf der Tribüne sitzend eine Halbzeit lang verhöhnt wurde und meinte das nicht mehr aushalten zu können. Schon traf ihn der Bannstrahl – nie mehr für den DFB, weil er angeblich die Mannschaft im Stich gelassen hätte. Max Kruse letztlich wegen privater Dinge, die nach Meinung von Löw ein negatives Bild seiner Persönlichkeit zeichneten. Ist es etwa nicht sich über den Menschen Kruse erhoben, wenn man ihn deshalb nicht mehr nominiert?

Aber Wahlkampfhilfe für einen Staatschef, der Deutschland, der die Kanzlerin schwer beleidigte, von all seinen übrigen Handlungen, die mehr sein eigenes Volk betreffen einmal abgesehen. Darüber soll man einfach so hinweg gehen? Özil hat sich gar nicht Gündogan relativ mau von der Aktion distanziert.

Zu den Pfiffen konnte es überhaupt nur kommen, weil der DFB, seinem Trainer Jogi Löw zutiefst ergeben, der auf seiner Meinung nach wichtige Spieler so kurz vor einer WM wohl nicht verzichten zu können glaubte und der darüber hinaus eine Gemeinsamkeit mit den beiden hat, nämlich dieselbe Beraterfirma, schwer versagt hat.

Er hätte nur eben so konsequent sein müssen, wie in den anderen Fällen. Schon hätte Friedefreudeeierkuchen geherrscht in der Bayarena. Der Bürger und Fan spürte das Versagen und es verstimmte ihn.

Üblicherweise macht man in Fußballstadien seiner empörten Seele durch Pfiffe Luft. Viel anderes ist auch nicht möglich. Und insofern waren die Pfiffe weder unangemessen, unverhältnismäßig oder wie Herr Mehl in der Druckausgabe sogar meint, das Verhalten der Fans unanständig.

Unanständig war vielmehr von Löw auch noch Beifall für Gündogan einzufordern.

Die Kinder zu instrumentalisieren, um die eigene Meinung zu stützen ist auch nicht in Ordnung und das Argument die Pfeifenden könnten selbst in der Türkei Urlaub machen oder ihre Putzfrau schwarz arbeiten lassen, verpufft durch den Zusatz ‚möglicherweise‘.

Letztlich könnte die Forderung, Özil hätte offenlegen sollen, was er mit dem Treffen beabsichtigte auch ordentlich nach hinten los gehen können. Denn vermutlich beabsichtigte er genau das, was es signalisierte und weshalb die Aktion solche Entrüstung hervorrief.

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11.06.2018

Die ach so schlimmen Beleidigungen scheinen die meisten wohl schnell vergessen zu haben: Der deutsche Türkei-Tourismus boomt dieses Jahr wieder wie eh und je.

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10.06.2018

Während man es in Klagenfurt noch auf die "rechten" Österreicher geschoben hat, wird es nun für die Migration-Integration-alles-super-gut-Lobby schwierig.

>> Sie hätten von Anfang an offen mit der "Erdogan-Affäre" umgehen müssen. Hätten erläutern sollen, wie es dazu kam. Offenlegen, was sie mit dem Treffen beabsichtigt hatten. Erläutern, warum Gündogan ein Trikot mit der Signatur "für meinen verehrten Präsidenten" versah. <<

Ja was kann Herr Gündogan nur mit diesem Satz auf dem Trikot gemeint haben? Ziemlich schwierig den irgendwie in eine sinnnvolle Aussage eines nur deutschen Staatsbürgers umzudeuten. Also Gegenangriff und den unzufriedenen Fans einfach fehlende Verhältnismäßigkeit vorwerfen.

Jetzt schaffen es schon Sportreporter das Thema in einer Art und Weise mit einem Sprech- äh Pfeiffverbot anzugehen, das wohl nur der Afd so richtig nutzt.

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09.06.2018

Das sehe ich ganz anders. Die Fans haben ganz recht.
Der DFB hätte Ösil und Gündogan aus der Nationalmannschaft entfernen müssen. Dann hätten sie jetzt Zeit, für "ihren verehrten Präsidenten" weiter Wahlkampf zu machen.

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