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Interview
20.01.2022

Handball-Bundesligacoach: "EM und WM nur alle vier Jahre"

Handball-Bundesliga-Trainer Hartmut Mayerhoffer verfolgt die aktuelle Handball-EM mit gemischten Gefühlen.
Foto: Tom Weller, dpa

Hartmut Mayerhoffer wohnt in Stadtbergen und trainiert Bundesligist Göppingen. Ein Gespräch über die Corona-EM, das DHB-Teams und die Belastung für die Spieler.

Die Europameisterschaft wird von zahlreichen Corona-Fällen überschattet. Welchen sportlichen Wert hat dieses Turnier überhaupt noch?

Hartmut Mayerhoffer: Dieses Jahr verfolge ich das Turnier mit einem gewissen Bauchgrummeln. Der sportliche Wert entspricht in keinster Weise dem einer vorangegangenen EM, weil viele Mannschaften personell aufgrund der aktuellen Situation eingeschränkt sind und Spieler nicht dabei sind. Die Sinnfrage zu stellen, ist legitim. Aber: Was sind die Alternativen? Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Solange es nicht zum Schaden der Gesundheit führt. Ich kann nur für die Nationalspieler aus meiner Mannschaft sprechen. Sie haben den vollen Impfschutz und wollen sich sportlich messen.

Die Organisatoren der EM werden stark kritisiert. Zu recht?

Mayerhoffer: Ja, das muss man natürlich hinterfragen. Viele Mannschaften haben das Hygienekonzept vor Ort kritisiert. Ob Zuschauer in die Halle müssen, darf auch infrage gestellt werden. Vor allem mit Blick auf die hoch ansteckende Omikron-Variante des Corona-Virus. Die positiven Fälle in der deutschen Mannschaft traten erst auf, als das Team Deutschland verlassen hat. Meine Spieler haben mir versichert, dass sich alle strikt an die Regeln gehalten haben.

Ein Spieler nach dem anderen wird nachnominiert. Ist die EM nicht inzwischen eine absurde Veranstaltung?

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Mayerhoffer: Dass es in diesem Ausmaß Fälle gibt, damit hat niemand gerechnet. Sollten tatsächlich nochmals weitere Fälle auftreten, wird es irgendwann schwierig. Die Hoffnung ist aber da, dass man dieses Turnier zu Ende spielen kann, weil es für die Verbände und die Sportart von großer Bedeutung ist. Aber klar: Man muss die nächsten Tage schauen, ob das wirklich Sinn macht.

Berücksichtigt man die Umstände, ist der Auftritt der DHB-Auswahl umso höher einzuschätzen. Sie sind souverän in die Hauptrunde eingezogen.

Mayerhoffer: Es ist schade, dass das Sportliche in den Hintergrund rückt. Es haben sich Spieler ins Rampenlicht gespielt, die vorher gar nicht dabei gewesen wären. Die Mannschaft ist zusammengewürfelt, hat sich dafür aber sehr gut präsentiert. Dass der Fokus mehr auf ihrer Leistung liegt, das hätten sie sich verdient.

In der Zwischenrunde trifft das deutsche Team auf Spanien, Norwegen und Schweden. Was ist da möglich?

Mayerhoffer: Ich bin gespannt, wie sich das deutsche Team gegen Top-Mannschaften zeigt. Ich traue ihr noch manchen Überraschungserfolg zu. Aber man kann von dieser Mannschaft nicht erwarten, dass sie um den Titel spielt. Aber wir haben in der Bundesliga junge Spieler, die in die Weltspitze stoßen können. Für deren Entwicklung und Zukunft ist das ein wichtiges Turnier.

Wie schwierig ist es für Sie als Vereinstrainer, nach einer anstrengenden EM gleich wieder die Liga fortzusetzen?

Mayerhoffer: Optimal ist etwas anderes. Die Nationalspieler hatten praktisch keine Pause. Du musst ihnen zumindest ein paar Tage Ruhe gönnen. Auf der anderen Seite ist uns allen bewusst, dass die Nationalmannschaft das Aushängeschild ist. Turniere im Winter sind ein Schaufenster für den Handball. Deswegen bin ich zwiegespalten.

DBH-Kapitän Johannes Golla hat jüngst erklärt, die Belastung im Handball sei viel zu hoch. Sehen Sie das ähnlich?

Mayerhoffer: Jeder weiß es, seit Jahren reden wir darüber. Aber es passiert nichts. Es ist definitiv zu viel Belastung. Wenn man das letzte Jahr dazu nimmt, in dem auch noch Olympia stattfand, haben die Nationalspieler praktisch keine Pause gehabt. Das weiß jeder, aber es ändert sich nichts. Deshalb ist es notwendig, im Sinne der Sportler eine Lösung zu finden. Ich verstehe, dass wir im Winter die Turniere spielen. Aber das wäre die Zeit, um den Spielern eine Pause zu geben.

Wie könnte die Lösung aussehen?

Mayerhoffer: Auf Dauer ist die Belastung für Spieler, die in internationalen Wettbewerben stehen, zu hoch. Es hat seine Gründe, warum Top-Spieler die Bundesliga verlassen haben. Auch im Ligabetrieb kannst du nicht durchmarschieren und locker lassen. Dafür ist das Niveau zu hoch. Jeder hat natürlich seine eigenen Interessen. Mir ist klar, dass unsere Sportart medial präsent sein muss. Aber es muss eine Lösung geben, mit der sowohl die internationalen und nationalen Verbände sowie die Vereine leben können. Ein Vorschlag könnte sein, die großen Turniere wie EM und WM nur alle vier Jahre stattfinden zu lassen. Dadurch hätte der einzelne Turniersieg auch eine ganz andere Gewichtung.

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