Gleich mal mit dem Besten vergleichen. Lennart Karl ist nicht ohne Grund das größte Talent, das der FC Bayern derzeit beherbergt. Karl ist ja nicht nur deswegen außergewöhnlich, weil er sich auf Außergewöhnlichkeiten mit dem Ball versteht. Karls Klasse besteht zu einem großen Teil darin, keine Scheu zu haben, diese Außergewöhnlichkeiten Woche für Woche dem größtmöglichen Publikum zu zeigen. Einen in diesem Alter ähnlich selbstbewussten Spieler hatten die Bayern schon lange nicht mehr. Und sollten sie einen gehabt haben, dürfte dieses Selbstbewusstsein in karriereschädliche Arroganz oder Trägheit gekippt sein. Das dürfte bei Karl nicht der Fall sein. Er wird von Michael Ballack beraten. Ballack war vollkommen berechtigt absolut von sich überzeugt und ließ das auch jeden Mit- und Gegenspieler spüren. Trägheit aber war ihm fremd und jüngeren Spielern gegenüber begegnete er mit prinzipiellem Argwohn.
Dieser Ballack dürfte nun Lennart Karl geraten haben, sein erstes größeres Interview zu geben. Seit vergangenem Sonntag ist Karl 18 Jahre alt. Als volljährig aber gilt man bei Ballack erst, wenn man einen britischen Mittelfeld-Berserker über die Außenlinie gegrätscht hat. Ballack und auch die Medienabteilung der Bayern aber haben zumindest mal dem Drängen der Öffentlichkeit nachgegeben und den Offensivspieler seine erste ausgiebige Frage-und-Antwort-Runde bestreiten lassen.
Dass dabei das Fachorgan Kicker zum Zug kam, darf als weise Wahl bezeichnet werden. Verfängliche Fragen zu Mystery-Boxen oder anderem stundenplanfernem Schnickschnack waren genauso wenig zu erwarten wie die Abfrage politischer Positionen. Die Intention war klar: Karl geht es um Sport. Und als Sportler, noch dazu als jugendliches Mega-Talent, folgen natürlich die Vergleiche mit den Besten. Ballack ist dabei eine interessante Referenz. Der spätere Capitano feierte sein Bundesliga-Debüt erst sieben Tage vor seinem 21. Geburtstag. Dabei ist dem nicht zwingend als Talentförderer bekannten Otto Rehhagel kein Vorwurf zu machen, dass er den Mittelfeldspieler nicht früher einsetzte. Ballack war erst mit 20 Jahren von Chemnitz nach Kaiserslautern gewechselt. Rehhagel, der nicht zwischen Jung und Alt, sondern nur zwischen Gutem und Schlechtem unterschied, förderte Ballack. Der nahm später eine Karrierestufe nach der anderen: Lautern, Leverkusen, Bayern, Chelsea.
Die Karriere Ballacks lässt erahnen, wo Karls Weg hinführt
Die Münchner Macher von heute werden wissen, dass Ballack keine fußballromantischen Gefühle hegt und ihm wenig daran liegen dürfte, seinen Schützling von bedingungsloser Vereinstreue zu überzeugen. Die Bayern reagierten zwar gelassen, als Karl bei einer Fanklub-Weihnachtsfeier sagte, dass sein Traum sei, später einmal für Real Madrid zu spielen – sie dürften aber vor vertraglichen Hängepartien gewarnt sein.
Wegweisendes war dem gerade 18-Jährigen im Interview freilich nicht zu entlocken. Er arbeite hart, sei glücklich mit seiner Situation, hoffe auf eine Nominierung für die WM und freue sich, jetzt ohne seine Eltern autofahren zu können. Was man eben als durchschnittlicher 18-Jähriger sagt. Also, außer die Nominierung für die WM. Von Lionel Messi war während seiner kompletten Karriere nicht viel mehr zu vernehmen, als Zustandsbeschreibungen über das gerade Gesehene auf dem Feld. Dass Karl gelegentlich mit dem möglicherweise besten Fußballer aller Zeiten verglichen wird, liegt zweifelsfrei nicht an der Rhetorik. Ihre Spielweise weist offensichtliche Parallelen auf, wenngleich Karl schon jetzt seine Defensivarbeit viel fleißiger absolviert als es Messi während seiner gesamten Karriere getan hat.
Aber Messi ist eben Messi. Allerdings war Messi mit 18 Jahren noch nicht der Messi, der später den WM-Pokal gewinnen sollte. An seinem 18. Geburtstag hatte Messi gerade einmal acht Kurzeinsätze für den FC Barcelona absolviert. Lennart Karl hat es auf 20 für den FC Bayern geschafft. Quervergleiche sind freilich nur bedingt zulässig. Am meisten Bundesliga-Spiele vor seinem 18. Geburtstag hat Youssoufa Moukoko bestritten (40). Der mittlerweile 21-Jährige kämpft derzeit darum, seine Karriere in Kopenhagen zu stabilisieren.
Karls Vertrag in München läuft noch bis 2029 und derzeit deutet nichts darauf hin, dass er den Weg Moukokos wird bestreiten müssen. „Auf dem Platz zählt ja nicht, wie alt ich bin, sondern dass ich meine Leistung zeige“, sagt Karl. Michael Ballack wird vor unbändiger Freude unmerklich nicken und kurz an Otto Rehhagel denken.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren