Julian Nagelsmann ist kein Sicherheitsfanatiker. Das gilt auf wie neben dem Feld. Am liebsten lässt er seine Mannschaft attraktiven Offensivfußball spielen. Selbstverständlich baut er Absicherungen ein, als taktischer Hasardeur ist er noch nicht auffällig geworden. Abseits des Rasenvierecks aber verzichtet der Bundestrainer in letzter Zeit auffallend oft auf Sicherheitsnetze. In den vergangenen Monaten leistete sich Nagelsmann einige kommunikative Schnitzer, die mit etwas Vorsicht (oder Voraussicht) zu verhindern gewesen wären.
Anfang März gab er dem Kicker ein Interview, in dem er überraschend offen über vermeintliche Schwächen einiger Spieler sprach und ihnen nur schlechte Chancen einräumte, eine Rolle bei der WM zu spielen. Die Aussagen waren von so deutlicher Ehrlichkeit, dass sie bei den Akteuren nicht auf bedingungslose Gegenliebe gestoßen sein werden. Wenig später unterstellte er seinem Stürmer Deniz Undav, nur deswegen gegen Ghana in der Schlussphase das Siegtor erzielt zu haben, weil er spät eingewechselt worden war. Hätte Undav die kompletten 90 Minuten in den Beinen gehabt, hätte ihm die Kraft gefehlt und überhaupt habe der Angreifer ja auch gar kein gutes Spiel gemacht. Wenige Wochen später räumte Nagelsmann ein, sich verbal verhoben zu haben. Nach Rücksprache mit seiner Frau habe er sich bei Undav entschuldigt. Kurz vor der Nominierung seines WM-Kaders hat sich Nagelsmann nun den nächsten unerzwungenen Fehler geleistet.
Nagelsmann hatte Baumann den Nummer-Eins-Status garantiert
Ihm konnte es gewiss nicht recht sein, dass Oliver Baumann aus der Öffentlichkeit erfahren musste, dass ihm in Manuel Neuer ein anderer Torwart bei der WM wohl vorgezogen wird. Als in der vergangenen Woche durchsickerte, dass der Name des Bayern-Keeper auf der Liste des vorläufigen 55-Mann-Kaders stand, behauptete Baumann noch, er gehe davon aus, beim Turnier im Tor zu stehen. Verständlich. Im besagten Kicker-Interview hatte Nagelsmann gesagt: „Wenn Oli so stabil und gesund bleibt, wie er es jetzt macht, wird er eine tolle WM spielen. Auf der Torhüterposition haben wir gar keine Bauchschmerzen.“ Baumann blieb stabil und gesund. Und wird wahrscheinlich doch keine tolle WM spielen. Wie die Bild berichtet, hat Nagelsmann mittlerweile den Hoffenheimer informiert, dass er bezüglich des Nummer-1-Status umdisponiert hat. Neuer soll demnach im Tor stehen.
Dass Nagelsmann diese Entscheidung trifft, ist aufgrund seiner vorherigen Aussagen eigenwillig genug. Die Art und Weise zu kommunizieren, ist desaströs. Sie verblüfft umso mehr, da Nagelsmann über enormes rhetorisches Talent verfügt. Der Bundestrainer ist ein pointierter Plauderer, formuliert griffig und legt zudem bei seinen Spielern großen Wert auf die richtige Ausprägung sozialer Teilkomponenten. Für die EM 2024 nominierte er Thomas Müller unter anderem deswegen, weil dieser gleichermaßen mit „Rappern und Jodlern“ könne. Jeder wusste, was gemeint war.
Julian Nagelsmann gerät so unter Rechtfertigungsdruck
Nagelsmann weiß um seine verbale Stärke und manchmal scheint es, als gerate ihm dieser Vorteil zum Nachteil. Wenn seine Kommunikationsstrategie darauf beruht, sich auf seine rhetorischen Qualitäten zu verlassen, überrumpelt er teilweise sich, seine Mannschaft und die Öffentlichkeit. Er gerät so immer wieder unter Rechtfertigungsdruck. Unter Druck passieren Fehler.
Dass dem Bundestrainer nun zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit ein ähnlich gelagerter Fehler unterläuft, ist irritierend. Zudem lässt es Zweifel an den Einflussmöglichkeiten seines Umfeldes aufkommen. Wer aber ohne Absicherung spielt, kann keinen Erfolg haben.
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