Die Schuldfrage ist nicht eindeutig zu klären. Wahrscheinlich ist am ehesten vielen Parteien eine Teilschuld anzulasten. Thomas Tuchel etwa. Der wollte unbedingt Joao Palhinha zum FC Bayern locken. Er sah in ihm die so schmerzlich vermisste wie häufig zitierte „holding six“. Einen Akteur im Mittelfeld also, der das Spiel der eigenen Mannschaft zusammenhält. Eine Instanz auf dem Spielfeld, die zuvorderst daran denkt, dass die Defensive Titel gewinnt und nicht die Offensive. Tuchel brachte seinen Wunsch derart inständig und auch wohlfeil argumentiert vor, dass ihm die Münchner Bosse letztlich nachkamen.
Allerdings sahen die Bosse im Frühjahr 2024 keinerlei Veranlassung, mit Tuchel in ein weiteres Vertragsjahr zu gehen und trennten sich unter allerlei Gezeter von ihrem Trainer. Palhinha kam trotzdem und niemand an der Säbener Straße sah darin ein größeres Problem. Wie man eben kein Problem darin sieht, wenn ein portugiesischer Nationalspieler, der sich in der englischen Liga durchgesetzt hat, den eigenen Kader verstärkt. Außerdem gingen die Münchner zu diesem Zeitpunkt noch davon aus, einen Käufer für Leon Goretzka zu finden. Doch der Mittelfeldspieler verstieg sich auf die eigenwillige Idee, den Konkurrenzkampf anzunehmen und um seine Chance zu kämpfen. So kam es, dass die Münchner Planstellen in der Zentrale überbesetzt waren, schließlich haben auch Aleksandar Pavlovic und Joshua Kimmich hier ihre sportliche Heimat.
Palhinhas-Spielweise ist für Kompanys Fußball nur bedingt geeignet
Zum Verhängnis für Palhinhas Einsatzzeiten wurde, dass der neue Trainer nicht genau wusste, was er denn nun eigentlich mit einer „holding Six“ anfangen sollte. Vincent Kompany verfolgt einen eher liberalen Ansatz, in dem jedem Spieler zugestanden wird, sich in der Offensive auszuleben. In Palhinha ist dieser Drang aber nicht allzu stark angelegt. Kompany und Palhinha fanden in ihren Ansichten nicht zusammen. Kann passieren. Nicht jedes Missverständnis aber kostet 50 Millionen Euro. So viel überwiesen die Münchner an den FC Fulham, um sich die Dienste des Portugiesen zu sichern.
Mittlerweile ist Palhinha wieder auf die Insel zurückgekehrt. Die Münchner verliehen den 31-Jährigen für ein Jahr an Tottenham. Zu den Londonern pflegt man gute Geschäftskontakte, seit Mathys Tel vor rund einem halben Jahr dorthin veräußert wurde. Am Donnerstag wird es wahrscheinlich zu einem schnellen Wiedersehen kommen. Dann bestreiten die Bayern zu Hause gegen Tottenham ihr letztes Testspiel vor der Saison. Die Münchner kassieren für Palhinha rund sieben Millionen Euro an Leih-Gebühr und sparen sich die zehn Millionen Euro Jahresgehalt, die er in etwa bekommen dürfte. Finanziell rentiert hat sich der Transfer somit nicht für die Münchner.
Noch schmerzhafter aber dürfte sein, dass es die Bayern abermals nicht schafften, ihr zentrales Mittelfeld perspektivisch so zu verstärken, wie es angedacht war. In den vergangenen Jahren verpflichteten sie unter anderem Renato Sanches, Marcel Sabitzer und Ryan Gravenberch für diesen bedeutenden Teil des Spielfelds. Keiner von ihnen erfüllte die in ihn gesetzten Hoffnungen. Stattdessen spielen dort Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Aleksandar Pavlovic. Den einen holte dereinst Michael Reschke für wenig Geld aus Leipzig, der andere sollte vergangene Saison verkauft werden und Pavlovic spielte anfangs nur, weil Tuchel in dem damaligen Regionalliga-Spieler am ehesten die so sehr gewünschte „holding Six“ sah.
Für die kommende Saison haben die Münchner zudem noch Tom Bischof aus Hoffenheim für das Mittelfeld verpflichtet. Beim 2:1-Testspiel-Sieg am Samstag gegen Lyon deutete er in der ersten Halbzeit an, dass er zu einer der Überraschungen der Saison werden könnte. Freilich auf ganz andere Weise als vergangenes Jahr Joao Palhinha.
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