Sportdirektor Felix Bitterling weiß, dass die nächsten Tage und Wochen schwierig werden könnten. Zumindest, wenn sich bei den deutschen Biathleten und Biathletinnen kein wirklicher Fortschritt mehr bei den Olympischen Spielen einstellt. Bislang steht eine Medaille in der Bilanz, Bronze durch die Mixed-Staffel vor gut einer Woche. Es folgten zwar teilweise gute Leistungen, die aber maximal in einen vierten Platz mündeten. Und der hat bei Olympia keinen großen Wert.
Mal läuft es in der Loipe nicht, mal geht das Schießen daneben. Irgendwas ist immer. Egal, ob es Philipp Nawrath oder Franziska Preuß trifft. Die 31-Jährige wartet noch immer auf ihre erste Einzelmedaille bei Winterspielen, in Antholz bleibt ihr mit dem Massenstart nur noch eine Möglichkeit. Zudem stehen noch die beiden Staffelwettbewerbe an.
Preuß befand sich schon häufiger in einer guten Ausgangsposition, ehe beim letzten Schießen wieder der Fehlerteufel zuschlug. Im Einzel ist ihr das passiert, beim Sprint und in der Verfolgung ebenso. Preuß rätselt über die Gründe. Am Sonntag wirkte sie gleichfalls niedergeschlagen wie ratlos. Einen kurzen Moment der Enttäuschung wolle sie sich nehmen, ehe der Optimismus zurückkehren wird.
Simon Schempp weist auf die gute Arbeit in Frankreich hin
Am Dienstag treten die Männer mit Justus Strelow, David Zobel, Philipp Nawrath und Philipp Horn zur Staffel an (14.30 Uhr), einen Tag später die Frauen. Es sind Wettbewerbe, bei denen die Hoffnungen auf Medaillen naturgemäß groß sind. Doch auch hier sind Enttäuschungen bei diesen Spielen möglich. Weil das deutsche Biathlon in der Krise steckt. Und andere Nationen davonziehen.
Der ehemalige Biathlet Simon Schempp, der am Sonntag nachträglich mit seinen Teamkollegen Gold für die Staffel von 2014 in Sotschi erhalten hatte, verweist auf Frankreich. Auf die gute Arbeit, die dort geleistet wird. Im Jugendbereich, was sich unmittelbar auf die Aktiven überträgt. Die Franzosen räumen Medaille für Medaille ab.
Auch Norwegen und Schweden sind den Deutschen enteilt. Das war so noch zu erwarten. Mittlerweile aber scheinen sich auch kleinere Biathlon-Nationen Vorteile zu erarbeiten. Beispiel Bulgarien. Lora Hristova hatte im Einzel überraschend eine Medaille geholt, auch am Wochenende waren wieder gute Ergebnisse zu sehen. Von Hristova ebenso wie von ihrer Teamkollegin Milano Todorowa.
Hristova war bis zu ihrem Medaillencoup weitgehend unbekannt im Teilnehmerfeld. Das führte zu der skurrilen Situation, dass Franziska Preuß nach dem Einzel in der Umkleidekabine fragte, wer denn eigentlich diese Bulgarin sei. Hristova meldete sich. Ein peinlicher Moment für Preuß, den sie mit einer sofortigen Gratulation zu Bronze rettete.
Was aber machen nun die Bulgaren besser als das deutsche Team? „Man muss sehen, dass die Todorova schon zuvor eine Weltklassefrau war“, sagte Bitterling. Ein Zufallsprodukt seien die guten Leistungen nicht. „Die Bulgaren kommen gut mit der Höhe klar“, erklärte Bitterling. Auf 1600 Meter Höhe in Antholz, für Biathlon-Wettbewerbe ungewöhnliche Voraussetzungen, ein Vorteil.
Die Bulgaren sind mit einem kleinen Team angereist. Neben Hristova und Todorova starten noch Blagoy Todev und Vladimir Iliev. In der Mixed-Staffel hatte das Quartett zum Auftakt Rang 16 erreicht. Weil die Schießleistungen nicht überzeugend waren. In der Loipe dagegen sind die Bulgaren schnell. Und sie haben einen Berater, dessen Expertise nicht mehr überall, aber eben bei ihnen gut ankommt.
Ein kleines Team kann auch Vorteile bringen
Wolfgang Pichler hat im Biathlon schon viel erlebt. Mittlerweile ist er beim bulgarischen Team angekommen. Seine Methoden sind ebenso gefürchtet wie antiquiert. Für die Bulgaren aber offenbar genau passend. Seit Juli 2024 unterstützt der 71-Jährige aus Ruhpolding das Team, öffentlich tritt er kaum auf. Er arbeitet im Hintergrund, wissend, dass er die Fäden zieht. Dass er eher Chefrainer als Berater ist. „Über seine Qualitäten als Trainer müssen wir nicht lange referieren. Er hat dort ein Setup gefunden, in dem gemacht wird, was er sagt. Und offensichtlich ist das, was er sagt, sehr gut und fundiert“, meinte Bitterling.
Die Zufriedenheit mit Pichler ist groß. „Seit dem Anfang hat er mir das Gefühl von Vertrauen gegeben. Er war sehr inspirierend für uns alle“, sagte Hristova. Pichlers Herangehensweise unterscheidet sich von anderen Nationen. „Ich setze im Olympiawinter überhaupt nicht auf den Weltcup“, erklärte er im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Alles ist auf den Höhepunkt ausgerichtet. Nicht zu vergessen, dass ein kleines Team auch Vorteile bringt. Schon zu Beginn des Winters steht fest, wer bei den Wettkämpfen dabei sein wird. Die Trainer können sich verstärkt auf die einzelnen Athleten konzentrieren.
Im deutschen Team dagegen geht die Suche nach Medaillenanwärtern weiter. „Am Ende des Tages müssen die Trainer mit dem Athletenpersonal arbeiten, das da ist“, sagte Bitterling. Optimistisch klang das nicht.
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