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Olympische Winterspiele
30.01.2022

Doping in Corona-Zeiten? Da war doch was...

Vor den Olympischen Winterspielen in Peking wurde viel über Corona diskutiert - und nur wenig über Doping.
Foto: Jae C. Hong, dpa

Corona überlagert auch im Vorfeld der Winterspiele alle anderen Themen. Dabei ist Betrug allgegenwärtig. Die Betrüger profitieren sogar von den Rahmenbedingungen der Pandemie.

Corona hat den Sport in seinen Grundfesten erschüttert und bis hinein in seine Begrifflichkeiten verändert. Vor der Pandemie, die den Erdball seit zwei Jahren im Griff hat, hatte ein positiver Test nichts mit PCR oder Virenlast zu tun. Positiv war, wer unerlaubte Mittel zur Leistungssteigerung zu sich nahm und dabei erwischt wurde. Doping ist nun aber, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, zu einem untergeordneten Problem des Sports geworden. Dabei ist das Geschäftsfeld der illegalen Medikation professioneller Athletinnen und Athleten eines der wenigen, das von der Corona-Krise profitiert hat.

Vor allem anfangs, als in weiten Teilen der Welt strenge Lockdowns verhängt wurden, öffnete das dem Betrug ungeahnte Möglichkeiten. Denn selbst das löchrigste Kontrollsystem ist besser als gar keins. Selbst in Deutschland, das sich eines besonders strengen Anti-Doping-Kurses rühmt, wurden die Kontrollen über Monate ausgesetzt.

Hajo Seppelt: Doper nutzen Schlupflöcher

Fachleute warnten schnell, dass das ausgenutzt werde. Der Investigativjournalist Hajo Seppelt gilt als einer der besten Kenner der Doping-Szene und auch er sagt: „Wenn man davon ausgeht, dass Doper Schlupflöcher immer nutzen, dann würde es mich sehr wundern, wenn das jetzt nicht der Fall sein soll.“

Als im vergangenen Sommer während der Olympischen Sommerspiele in Tokio jede Menge erstaunlich gute Leistungen gezeigt wurden, lag schnell auch der Verdacht nahe, dass im Vorfeld mit unsauberen Methoden gearbeitet worden sein könnte. Man könne davon ausgehen, dass fehlende Dopingkontrollen ihren Anteil an diesen Leistungen gehabt haben, sagt auch Seppelt. Seine Recherchen hatten den russischen Dopingskandal ausgelöst. Russische Sportler hatten auch rund um die Winterspiele in Sotschi 2014 generalstabsmäßig und staatlich orchestriert gedopt, um den Gastgeber im Medaillenspiegel nach oben zu befördern. Von diesem Gau hat sich der russische Sport bis heute nicht ganz erholt.

Angst vor manipulierten Corona-Tests ist groß

In China herrscht ein noch deutlich rigideres politisches System und die Erfahrungen der Sommerspiele 2008 lassen zumindest erahnen, dass auch 2022 mit allem zu rechnen sein muss. Anders als bei Sommerspielen sind chinesische Sportler in den Wintersportdisziplinen aber meist ziemlich weit von der Spitze entfernt. Deshalb scheint eine breit angelegte Dopingoffensive eher unwahrscheinlich. Stattdessen geht die Sorge um, dass PCR-Tests manipuliert werden könnten, um Kritiker oder unliebsame Sportler unter dem Deckmantel der Corona–Maßnahmen aus dem Verkehr zu ziehen. Als Erstes hatte der deutsche Alpin-Direktor Wolfgang Maier auf diese Gefahr hingewiesen.

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Seppelt kann diese Sorge nachvollziehen, „auch wenn es momentan keinen Beleg dafür gibt, dass die Chinesen das wirklich machen würden“. Deswegen sei er erst einmal vorsichtig mit Verdächtigungen, sage aber gleichzeitig: „Ich habe vor 13 Jahren, im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele, eine Doku in China gemacht und dabei ausreichend Erfahrungen gesammelt, was die Chinesen alles anstellen, um die Leute zu überwachen oder zu manipulieren. Das kennen wir ja auch aus der Wirtschaft. Und deshalb halte ich es nicht für komplett ausgeschlossen, dass irgendwelche raffinierte Menschen in China auch auf solche Ideen kommen.“

Sollte sich der Verdacht des deutschen Funktionärs aber erhärten, wäre das der Super-Gau für das Internationale Olympische Komitee. „Das könnte dann selbst das IOC nicht mehr verkraften, das den Chinesen so servil gegenübersteht, wie es für Thomas Bach mit Diktatoren und Autokraten üblich ist“, sagt Seppelt.

Von ihren Recherchen würden sich Seppelt und sein Team aber nicht abhalten lassen – auch wenn schon in Tokio die Bedingungen massiv eingeschränkt gewesen seien. Die Corona-Maßnahmen sind ein hervorragendes Mittel, auch die Kreise kritischer Journalisten einzuschränken. In Zeiten virtueller Kommunikation sei es jedoch in Japan trotzdem möglich gewesen, Recherchen zu machen, sagt Seppelt. In China komme allerdings noch eine weitere Befürchtung hinzu. „Nach allen Warnungen, die uns erreichen, muss man davon ausgehen, dass die virtuelle Kommunikation wahrscheinlich massiv überwacht wird. Es ist quasi unmöglich, vor Ort mit Leuten ins Gespräch zu kommen.“

Corona scheint den Chinesen in die Karten zu spielen

Trotzdem hatte Seppelt geplant, nach Peking zu reisen, „auch wenn ich mir weitaus attraktivere Dienstreisen vorstellen kann. Aber ich bin trotzdem der Auffassung, dass man Flagge zeigen muss – gerade an solchen Orten, um zu sagen, dass man trotz der massiven Einschränkungen berichtet. Der Großteil dessen, was wir tun, findet ja ohnehin schon im Vorfeld statt. Die chinesischen Machthaber sollen nicht glauben, dass wir nicht in der Lage sind, hintergründig und kritisch über das zu berichten, was im Zusammenhang mit Olympia passiert.“ Das habe er schon 2008 gemacht, als die Chinesen laut geflucht hätten. Seppelt: „Die haben tatsächlich vor der versammelten Weltpresse das deutsche Fernsehen aufgefordert, unsere Recherchen offenzulegen, so verzweifelt waren sie.“

Nun allerdings scheint Corona auch im Fall Seppelt den Chinesen in die Karten zu spielen. Der Doping-Experte wurde positiv getestet. Nach der Genesung soll Seppelt, so der Plan, zunächst im gemeinsamen Olympia-Studio von ARD und ZDF in Mainz arbeiten. Ob er später nach Peking reisen kann, wird kurzfristig entschieden.

Denn zu recherchieren gibt es im Dopingbereich genug. Das zeigt auch ein Blick hinter die Kulissen, den unlängst eine Anklageschrift aus den USA gewährte. Das zehnseitige Dokument ist öffentlich zugänglich, aus ihm zitierte die NZZ. Mittendrin in der Geschichte: die Weltklasse-Sprinterin Blessing Okagbare. Geschildert wird eindrücklich, wie ein amerikanischer Dealer die Nigerianerin ganz offensichtlich mit Dopingmitteln versorgte, auch wenn sie namentlich nicht erwähnt wird. Die NZZ schreibt dazu: „Die beteiligten Sportler sind in der Klageschrift anonymisiert. Es ist jedoch davon auszugehen, dass mit Athlete 1 Okagbare gemeint ist. Die geschilderten Fakten können kaum auf eine andere Person zutreffen als auf sie.“

Hajo Seppelt gehört weltweit zu den renommiertesten Berichterstattern zum Thema Doping.
Foto: Sebastian Wells, rbb/obs/dpa

Okagbare hatte während der Olympischen Sommerspiele für Schlagzeilen gesorgt, als sie wegen eines positiven Dopingtests am Tag des 100-Meter-Halbfinales aus dem Verkehr gezogen wurde. Später folgte, allen Unschuldsbeteuerungen der Medaillenkandidatin zum Trotz, eine mehrjährige Sperre. Die Anklageschrift beschreibt, wie die Versorgung mit den verbotenen Substanzen funktioniert hat. Über den angeklagte Eric Lira, der sich laut NZZ als Kinesiologe und Naturheilkundler bezeichnet, hätten die Sportler illegale Substanzen bestellt. Lira habe diese mit falschen Etikettierungen aus Mittel- und Südamerika in die USA gebracht. Es soll sich um Epo und einen Mix aus Wachstumshormonen gehandelt haben, der den Tarnnamen „Honig“ trug. Entlarvend sind zahlreiche Textnachrichten, die die Ermittler auf Okagbares Handy sicherstellten. Als sie im Vorfeld der Sommerspiele die 100 Meter in überragenden 10,63 Sekunden gelaufen war, schrieb sie beispielsweise dem Angeklagten Lira: „Eric, mein Körper fühlt sich so gut an. Ich bin so glücklich. Eric. Was immer du gemacht hast, es funktioniert so gut.“

Verpasste Dopingtests gehören offenbar zum Alltag dopender Sportler

Teil der Anklage ist auch ein Dialog mit Lira, in dem die Sportlerin fragt, ob sie bei einem Test auffliegen könne. Lira beruhigte sie, denn die Dosis am Vortag sei zu gering gewesen. Doch die Sprinterin habe sich gemäß dem Gesprächsprotokoll absichtlich den Kontrolleuren entzogen: „Ich ließ sie einfach wieder gehen, es wird als verpasster Test gelten.“

Beispiele wie diese zeigen, dass Doping weiterhin zum Spitzensport gehört, auch wenn das Thema weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Denn auch gegen China selbst wurden immer wieder Vorwürfe des staatlich orchestrierten Dopings laut. Die ehemalige chinesische Sportmedizinerin Xue Yinxian, die Nationalmannschaften des Landes betreute, hat schon länger von einem systematischen, staatlich unterstützten Dopingprogramm in den Achtziger- und Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts berichtet. Betroffen seien mehr als 10.000 Sportler und Sportlerinnen. „In den Achtziger- und Neunzigerjahren haben die chinesischen Sportler in den Nationalmannschaften großflächig Dopingmittel genommen. Die Medaillen wurden mit Dopingmitteln begossen“, sagte die Ärztin der ARD.

Xue hat China aus Angst vor Repressalien längst verlassen und floh vor fünf Jahren nach Deutschland. Schwer vorstellbar, dass sich seitdem alles zum Besseren gewendet hat.

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