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Reitsport
12.01.2022

Olympiasieger Ludger Beerbaum – wirklich ein Tierquäler?

Zahlreiche Titel und Erfolge hat sich Ludger Beerbaum (hier auf dem Pferd Chacon) im Laufe seiner Karriere als Springreiter gesichert.
Foto: ped, dpa

In einem Fernsehbericht wird Olympiasieger Ludger Beerbaum Tierquälerei vorgeworfen. Der Pferdesport gerät erneut massiv in die Kritik.

Die verstörenden Bilder von Tokio, als die überforderte Fünfkämpferin Annika Schleu bei den Olympischen Spielen ihr Pferd mit der Gerte traktierte, sind noch kein halbes Jahr her, da legt sich der nächste Schatten über den deutschen Reitsport. Doch nun wurde ein weitaus prominenterer Vertreter der Szene als „Schuldiger“ ausgemacht, der dem Sport und seinem jetzt schon angeschlagenen Image noch weitaus größeren Schaden zufügen könnte: Springreiter Ludger Beerbaum. Olympiasieger, mehrfacher Mannschaftsweltmeister, zweifacher Europameister. Bisher eine erfolgreiche und renommierte Reitsport-Ikone, der viele junge Talente nacheifern.

Journalistin filmt heimlich auf der Anlage von Ludger Beerbaum

Nach einem TV-Bericht von Enthüllungsjournalist Günther Wallraff am Dienstagabend in der Sendung RTL Extra geraten nun aber der Springreiter und die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) gehörig unter Druck. Eine inkognito bei Beerbaum als Praktikantin angestellte Journalistin hatte Wallraff heimlich gedrehte Videos zugespielt. Die sollen zeigen, wie auf der Anlage von Beerbaum in Riesenbeck Pferde gebarrt werden. Barren – das aktive Schlagen einer mehrkantigen Stange beim Sprung auf die Beine des Pferdes – gilt als unerlaubte Trainingsmethode. Durch das passgenaue Zuschlagen sollen die Tiere ihre Beine über den Sprung höher an den Körper ziehen.

Ludger Beerbaum betont "nichts Unerlaubtes" getan zu haben und beruft sich auf das erlaubte "Touchieren" eines Pferdes beim Überspringen eines Hindernisses.
Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Im Falle von Beerbaum soll einem von ihm gerittenen Pferd beim Sprung über ein Hindernis eine Vierkantstange gegen die Vorderbeine geschlagen worden sein. Beerbaum hat die Vorwürfe noch am Mittwoch rigoros zurückgewiesen. „Der Beitrag von RTL Extra ist in vielen Punkten nachweislich falsch, verleumderisch und ehrverletzend“, schrieb der 58-jährige Springreiter und kündigte juristische Schritte an. „Es ist nicht hinzunehmen, dass heimlich auf meinem privaten Grund und Boden gefilmt wurde.“

Ermittlungen zu Barr-Vorwürfen in Nordrhein-Westfalen wurden eingestellt

Seit Jahren gibt es im Springsport Diskussionen über die zulässigen Mittel, Pferden vor den Stangen, die aus Tierschutzgründen bei Berührung sehr schnell fallen, Respekt beizubringen. Doch der Verband, die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), schwankt seit Jahren ohne klares Ergebnis zwischen den Definitionen „Barren“ (unerlaubt) und „Touchieren“ (erlaubt). Laut FN-Richtlinien darf beim „Touchieren“ ein maximal drei Meter langes, nicht mehr als zwei Kilo schweres glattes Rundholz benutzt werden. Darauf beruft sich nun Beerbaum. „Die im Beitrag gezeigten Szenen auf dem Reitplatz haben mit Barren nichts zu tun. Es handelt sich dabei um erlaubtes Touchieren, das von einem erfahrenen, routinierten Pferdefachmann durchgeführt wurde", meinte der derzeit bei einem Turnier in Wellington (Florida) weilende Beerbaum. Der im Video zu sehende Gegenstand habe die Vorgaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung für ein zulässiges Touchieren erfüllt.

Ohne genaue Analyse der Videos wollte sich die FN zum Fall selbst nicht äußern, sondern beschränkte sich auf eine allgemeine Erklärung zu den Vorwürfen. „Bereits jetzt, unabhängig von dem gezeigten Beitrag, können wir klar sagen, dass der Gebrauch von Vierkantstangen sowie genopptem oder gestacheltem Stangenmaterial inakzeptabel ist und nicht im Einklang steht mit den Grundsätzen des fairen Pferdesports“, ließ FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach mitteilen.

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Der FN sind Barr-Vorwürfe aber wohl schon länger bekannt, denn sie hatte 2021 in Nordrhein-Westfalen eine Anzeige gegen unbekannt wegen der möglichen Verletzung des Tierschutzgesetzes erstattet. Im November waren die Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft Münster aber eingestellt worden. Nach der Sichtung der Filmaufnahmen wolle man über das weitere Vorgehen entscheiden, teilte die FN mit.

Auch der Weltreitsportverband, die FEI, hat sich mittlerweile eingeschaltet und will die Vorwürfe gegen Beerbaum prüfen. „Die FEI verurteilt jede Form von Pferdemisshandlung und die Trainingsmethoden, die in dem RTL-Video zu sehen sind, sind aus Sicht des Pferdewohls völlig inakzeptabel und verstoßen gegen das FEI-Reglement“, ließ der Weltverband am Mittwoch verlauten.

Um Pferdezüchter Paul Schockemöhle gab es vor 30 Jahren bereits Vorwürfe des Barrens

Dabei ist das Problem mit dem Barren im Springsport schon lange bekannt. Vor rund 30 Jahren hatte es einen großen Skandal um den heutigen Pferdezüchter und -händler Paul Schockemöhle gegeben – der damals als einer der erfolgreichsten Springreiter Deutschlands eine ähnliche Titelsammlung wie der heute 58-jährige Beerbaum aufwies. Er wurde des Barrens überführt und nie verstummte in den folgenden Jahren die Kritik, dass im Stall Schockemöhle – und nicht nur bei ihm – das Barren gewissermaßen zum Alltag gehöre.

„Die Grenzen zwischen dem laut Richtlinien für Reiten und Fahren zulässigen Touchieren und dem gemäß Tierschutz-Leitlinien verbotenen Barren sind fließend“, sagte FN-Generalsekretär Lauterbach, „genau deshalb ist eine differenzierte Betrachtung erforderlich.“

Ermittlungen zur Fünfkämpferin Annika Schleu wegen Verdachts der Tierquälerei sind eingestellt

Und während in diesem Pferdesportfall die Untersuchungen gerade erst aufgenommen werden, ist ein anderer, der für großes Aufsehen sorgte, abgeschlossen. Vergangene Woche hat die Staatsanwaltschaft Potsdam das Verfahren gegen die olympische Fünfkämpferin Annika Schleu und ihre Trainerin wegen des Verdachts der Tierquälerei eingestellt.

Die Beschuldigten hätten in Tokio auf das Reitpferd nur kurzfristig eingewirkt und sich in einer physischen und psychischen Ausnahmesituation des olympischen Wettkampfes befunden, hieß es in einer auf der Internetseite der Staatsanwaltschaft veröffentlichten Mitteilung. „Dem Turnierpferd wurden zudem keine Verletzungen zugefügt“, hieß es dort. (mit dpa)

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