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Radsport

22.07.2012

Tour-Dominator Wiggins: "Das haut einen schon um"

Bradley Wiggins wird der erste britische Tour-de-France-Sieger. Foto: Nicolas Bouvy dpa

Radprofi Bradley Wiggins äußerte sich im Anschluss an das zweite Einzelzeitfahren bei der Tour de France. Vor der abschließenden Etappe sprach der in der Gesamtwertung führende Brite über seine Vergangenheit, die Gefühle vor dem Tour-Finale in Paris und den Radsport im Jahr 2012.

Was ist Ihnen gegen Ende des Zeitfahrens durch den Kopf gegangen?

Wiggins: "Die letzten zehn Kilometer habe ich an vieles gedacht: An meine Kindheit, als uns mein Vater verlassen hat, und ich mit meiner Mutter in einer kleinen Wohnung aufgewachsen bin; an meinen Großvater, der mich mit großgezogen hat und mein Vorbild war; an seinen Tod vor zwei Jahren, als ich bei der Tour war; an seine Beerdigung nach meiner Rückkehr; an meine Frau und meine Kinder, die mich in den letzten vier Jahren aushalten mussten, und all das mit mir durchgemacht haben; an meine Kindheit, als ich die Tour in den Indurain-Jahren verfolgt habe. Wenn man träumt, eines Tages die Tour zu gewinnen, es sich aber eigentlich nicht vorstellen kann - Wie groß ist die Chance, dass ein Kind mitten aus London die Tour gewinnt? - dann war das alles eine unglaubliche Reise."

Der mehrfache Bahn-Olympiasieger Sir Chris Hoy meinte, Ihr möglicher Triumph werde der größte Erfolg eines britischen Sportlers in der Geschichte sein.

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Wiggins: "Das erfüllt mich mit tiefer Demut. Als Sportler ist das größte Lob der Respekt der Kollegen. Ich habe schon viele Mitteilungen bekommen. Das haut einen schon um. Das ist brillant."

Wie wird Sie der bevorstehende Tour-Sieg als Mensch verändern?

Wiggins: "Ich bin überzeugt, dass mich das nicht ändern wird. Ich halte nicht viel von Promis oder Roten Teppichen. In Großbritannien gibt es Leute, die berühmt sind, ohne etwas geleistet zu haben. Es ist schön, respektiert zu werden für etwas, in dem man gut ist, und das vielen etwas bedeutet. Aber am Ende des Tages komme auch ich nach Hause und muss Hundedreck saubermachen. Das ist sehr erdend."

Was bedeutet Glück für Sie?

Wiggins: "Es ist nur Sport. Es geht nicht um Leben und Tod. Es ist wichtig, diesen Realitätssinn nicht zu verlieren, denn die Tour de France ist eigentlich ein Wahnsinn. Der Moment, in dem ich die Ziellinie überquere und Polizisten die Leute wegdrängen, so als würden sie einen Massenmörder vor Gericht führen. Das ist verrückt, nicht real. Im Leben gibt es viele Dinge, die wichtiger sind, und für die ich diesen Sieg morgen wieder hergeben würde. Aber als Sportler braucht man so etwas natürlich, ein Ziel, worauf man hinarbeiten kann. Als Sportler ist das mein größter Erfolg."

Muss man als Radprofi - so wie LeMond, Armstrong oder Sie - schwere Zeiten durchleben, um reif für den Tour-Triumph zu sein?

Wiggins: "Ja, das glaube ich schon. Ich denke daran, wie ich im vergangenen Jahr gestürzt bin, an das enttäuschende Jahr davor. Man braucht solche Enttäuschungen, um ein besserer Sportler zu werden. Entweder du wirst stärker, oder du gehst daran zugrunde."

Was hat Sie in Ihrer Karriere am meisten angetrieben?

Wiggins: "Die Liebe zu diesem Sport und der Respekt. Das begann in meiner Kindheit, als ich aufwuchs, bin mit Postern an der Wand von Indurain und den ganzen anderen Radstars. Da wo ich wohnte, waren alle anderen Kinder Fußball-Fans, Anhänger von Gary Lineker und Paul Gascoigne etwa. Bei mir war es aber Radsport. Normalerweise träumt man in England als Kind davon, den FA Cup zu gewinnen. Für mich galt immer: Vielleicht kann ich einmal in meinem Leben Rennen wie die Dauphiné-Rundfahrt oder Tour anführen, wenn auch nur für einen Tag."

In Anbetracht Ihrer Dominanz und der Ihres Teams Sky sagen viele, diese Tour war langweilig. Was halten Sie davon?

Wiggins: "Naja, das haben manche auch schon bei Indurain gesagt, aber wenn man sich die Videos der Etappen von damals anguckt, war das sehr emphatisch. Natürlich wünschen sich viele Fans Attacken wie einst bei Pantani. Aber der Radsport hat sich verändert und ich denke, das ist ein Zeichen. Wir fahren die Berge hoch mit so einer Geschwindigkeit und Kraft, dass es nur noch schwer möglich ist, anzugreifen. Ich denke, die Tour ist humaner geworden. Wenn Leute diese unglaublichen 220 Kilometer langen Alleingänge sehen wollen - das ist heute nicht mehr realistisch, so wunderbar und magisch sie früher auch anzusehen waren. Ich erinnere mich an die 90er Jahre, etwa an Virenque. Aber heute ist die Realität eine andere." (dpa)

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