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Corona

29.04.2020

Medien in der Coronakrise: Zwischen Information und Sensationsjournalismus

Der Lockdown hat den Medienkonsum stark verändert.
Bild: Jens Kalaene/zb/dpa

Die Medien spielen bei der Bewältigung der Coronakrise eine wichtige Rolle. Sie informieren, klären auf und transportieren Meinungen. Doch sind Print, Rundfunk und die digitalen Medien in Deutschland ihrer Aufgabe gewachsen? Es liegt ein schmaler Grat zwischen sachlicher Information und Sensationsjournalismus.

Wir leben in einer schwierigen Zeit. Die Politik spricht von einer Krise, wie sie seit der Zeit der Wiedervereinigung nicht zu bewältigen war. Die Pandemie, die sich seit Wochen auf der ganzen Welt ausbreitet, hat den Alltag vieler Menschen auf den Kopf gestellt. Politik, Wirtschaft und allen voran das Gesundheitswesen befinden sich im Ausnahmezustand, ebenso wie der private Bereich.

Auch die Medienbranche bekommt die Auswirkungen der Veränderungen deutlich zu spüren. Auf der Habenseite steht natürlich, dass es aktuell mehr als genug zu berichten gibt, und das beinahe tagesaktuell. Sauregurkenzeit? Fehlanzeige. Gleichzeitig tragen die Bericht erstattenden Medien aber auch eine Verantwortung, die grundsätzlich immer schon da war, in einer Krisenzeit aber um einiges schwerer wiegt. Professioneller Journalismus ist zu einem gesellschaftlichen Faktor geworden, der nicht nur unterhalten und informieren, sondern sogar Leben retten kann. Als einen „„Gewinn für den Journalismus, aber nicht unbedingt (für) die Journalisten“ bezeichnet Alexandra Borchardt die aktuellen Gegebenheiten im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Die Journalistin und Dozentin am Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxford weiß, wovon sie spricht, denn sie war bis vor einigen Jahren noch selbst als Journalistin für die Süddeutsche Zeitung tätig.

Schwerwiegende Krisen, seien sie medizinischen, politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Ursprungs, bergen für die Medien immer großes Potenzial. Ganz gleich, ob Print, Radio, Fernsehen oder digitale Medien, das Interesse der Menschen an einer möglichst umfangreichen und vielseitigen Berichterstattung ist Krisenzeiten enorm hoch. Doch die Geschmäcker sind verschieden und nicht jeder ist vor allem an nüchternen Fakten interessiert.

Der Lockdown hat den Medienkonsum stark verändert

Die Welt scheint entschleunigt. Ein Großteil des öffentlichen Lebens ist zum Erliegen gekommen, vieles hat sich in den privaten Bereich und hinter verschlossene Türen und Fenster verlagert. An manchen Orten scheint es fast, als schlafe die Welt. Doch dieser Eindruck täuscht, denn hinter den Fassaden herrscht reges Treiben. Der Bewegungsspielraum ist viel kleiner geworden, doch der Horizont breiter Teile der Bevölkerung erweitert sich trotzdem gerade. Größer ist das Interesse am Geschehen da draußen, das wir derzeit vor allem aus den Medien mitverfolgen können.

Wie lange werden die Beschränkungen noch andauern? Welche Auflagen sind umzusetzen? Wie entwickeln sich die Fallzahlen, wie die gefürchtete Kurve? Macht die medizinische Forschung die ersehnten Fortschritte? Und wie schlägt sich die Politik im Angesicht der ungewohnten Herausforderungen? Die Coronakrise ist derzeit das alles überschattende Thema in den Medien. Die Eskapaden polarisierender Popstars können die Gemüter gerade wenig erhitzen, selbst zentrale Themen wie die Impfpflicht scheinen in den Hintergrund getreten zu sein. Online-Magazine haben ihre Inhalte bereits an die aktuellen Umstände angepasst und stellen neben aktuellen Informationen auch Tipps für die Arbeit im Home Office und das Home Schooling oder Spiel- und Bastelvorlagen für die gemeinsame Zeit in der „Familienquarantäne“ zur Verfügung.

Aber nicht nur im schnelllebigen Internet hat sich die Coronakrise wie ein Lauffeuer verbreitet. Wir müssen nur das allabendliche Fernsehprogramm aufschlagen oder uns durch die virtuellen Übersichten der Fernsehsender klicken. Programmänderung lautet das Motto des Tages. Sondersendungen zum Thema spicken das Unterhaltungsprogramm, viele Sendestarts wurden verschoben. Man möchte sorgfältig geplante Film- und Fernsehprojekte schließlich nicht als Konkurrenz zu diesem übermächtigen Thema verheizen. Selbst Dauerbrenner der Unterhaltungsbranche müssen Dokumentationen und Informationssendung rund um die Pandemie weichen.

Die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender öffnen die Archive und zeigen, welche Themenvielfalt sich dort angesammelt hat. Um die Zeit der gesellschaftlichen Einschränkungen ein wenig unterhaltsamer zu gestalten, werden außerdem viele Programminhalte kostenlos zur Verfügung gestellt. Zumindest ein indirekter Bezug zur aktuellen Problematik blitzt aber an vielen Stellen durch. Der Konsument kommt also im medialen Bereich kaum an der Coronakrise vorbei. Die Auswahl, die aus der schier unüberschaubaren Flut an Beiträgen getroffen wird, obliegt dem Leser, dem Hörer, dem Recherchierenden. Von seriöser Berichterstattung bis zum reißerischen Sensationsjournalismus ist, wie in jeder Krise, alles dabei, was das Herz des Medienkonsumenten begehrt. Und die Kluft, die beides voneinander trennt, ist manchmal gar nicht so breit, wie man es sich vielleicht wünschen würde.

Guter Journalismus aus dem Home Office

Der Wunsch nach guter Unterhaltung war wohl nie größer als während des Lockdowns. Diese Erfahrung ist für weite Teile dieser Generation echtes Neuland und die Bewältigungsstrategien befinden sich noch in der Entwicklung. Aber während die Einen wie gebannt vor den verschiedenen Medienkanälen sitzen, um keine neue Entwicklung, keine politische Entscheidung und keinen potenziellen Durchbruch zu verpassen, scheinen die Anderen geradezu darauf zu warten, dass die Coronakrise ein paar Sensationen mit Skandalcharakter abwirft.

Geschmäcker sind eben verschieden, dass weiß die Medienbranche nicht erst seit gestern, und die öffentlich-rechtlichen und privaten Sender und Medienkanäle haben sich die Anforderungen der Konsumenten seit jeher untereinander aufgeteilt. Auch die aktuelle Berichterstattung bietet genügend Raum für Unterhaltung und einen hohen Informationsgehalt. Der Wunsch nach echtem Qualitätsjournalismus ist gerade ebenso hoch wie die eigentlich allgegenwärtige Freude an Sensationen.

Aber was bedeutet das für die Arbeit der Journalisten? War der Spagat zwischen der seriösen und sorgfältig gefilterten Weitergabe von faktisch belegten Informationen und dem Rennen um den ersten Platz, wenn es um die Veröffentlichung von spektakulären Entwicklungen geht, schon in weniger komplizierten Zeiten eine Herausforderung, liegt die Hürde heute sogar noch ein gutes Stück höher. Denn auch die journalistische Arbeit ist im Sinne der Eindämmung der Pandemie sozusagen ins Home Office verbannt worden. Recherchen sind nicht mehr in gewohntem Maße möglich, hochkarätige Ansprechpartner in Politik, Wirtschaft und dem Gesundheitswesen stehen nur noch in Pressekonferenzen zur Verfügung, in denen sie vorbereitete Verlautbarungen vor einer ausgewählten Gruppe von Journalisten verlesen. Für Fragen mit Diskussionspotenzial bleibt wenig Raum. Viele Journalisten haben selbst nur Zugriff auf die Informationen, die ihnen über die Medien zur Verfügung gestellt werden.

Inzwischen dürfte klar sein, dass auch die Medien durch die Veränderungen, die die Pandemie mitgebracht hat, vor einer neuen Herausforderung stehen. Noch nie war es so wichtig, faktisch richtig, seriös und tagesaktuell zu berichten. Die Umsetzung der von der Regierung erlassenen Maßnahmen und der Erfolg des Lockdowns hängen nicht zuletzt davon ab, dass die Menschen korrekt und umfassend informiert sind. Und gleichzeitig ist das Bedürfnis der Gesellschaft nach Unterhaltung, nach Ablenkung und nach Gestaltung des so ungewohnten Alltags so groß wie nie zuvor.

Dass die Medienbranche damit eine ganze Reihe systemrelevanter Berufe beinhaltet, dürfte vor diesem Hintergrund niemand anzweifeln. Und dass guter Journalismus durchaus auch aus dem Home Office heraus möglich ist, zeigen die zahlreichen seriösen Quellen, die ihre Leser, Hörer und Recherchierenden in diesen Tagen immer wieder mit Informationen versorgen und damit ihren Beitrag dazu leisten, auch diese Krise souverän zu meistern.

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