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Komasaufen bis der Arzt kommt

Berlin (ddp). Saufen bis der Arzt kommt - ein Trend, der unter Jugendlichen in ganz Deutschland deutlich zunimmt, wie Experten bestätigen. Die Berliner Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei.PDS) äußerte sich erst kürzlich besorgt über eine "relativ kleine Gruppe von Jugendlichen", die das "Kampftrinken und Komasaufen" als eine Art Sport betreibe. Hintergrund waren Zahlen, wonach 2005 274 Kinder und Jugendliche wegen "akuten Rausches" stationär behandelt werden mussten. Im Jahr 2000 seien es 156 Betroffene gewesen.

Dem Trend Vorschub leisten die derzeit in Diskotheken angesagten "All you can drink"-Partys zu besonders günstigen Pauschalpreisen. Die Jugendlichen haben bei diesen speziellen Angeboten die Möglichkeit, sich für wenig Geld mit so viel Hochprozentigem zu betrinken, wie sie aushalten. Bekannt sind solche Veranstaltungen auch unter dem Namen Flatrate-Party - analog zum Internet-Anschluss, bei dem der Kunde permanent herunterladen kann.

"Es wird zwar insgesamt weniger getrunken, aber wenige konsumieren dafür umso mehr", sagt ein Sprecher der Bundesdrogenbeauftragten und bescheinigt den betroffenen Jugendlichen, die zum Teil regelrechte "Gelagetrinken" betrieben, ein "zu lockeres, unkritisches Verhältnis" zum Alkohol. Eine aktuelle Studie des UN-Kinderhilfswerks UNICEF besagt unterdessen, dass im Vergleich von 21 Industrienationen nur die britischen Kinder mehr Alkohol trinken als die deutschen.

Die Gründe seien vielschichtig, sagt Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm. "Eine wichtige Rolle spielt sicherlich die Werbung, die Alkohol als Genussmittel verklärt", erläutert die Suchtexpertin und stellt zugleich klar, dass Alkohol ein Rausch- und Nervengift ist, dessen übermäßigem Konsum jährlich allein in Deutschland rund 40 000 Menschen zum Opfer fallen. "Die Alkoholindustrie sucht immer neue Absatzmärkte und hat sowohl bei der Werbung als auch mit neuen Produkten, die auch Kinder mögen, die junge Zielgruppe klar im Visier", sagt Merfert-Diete. Die DHS fordert daher von Politikern, die Werbung für Alkohol zu verbieten und die Alters-Kontrollen beim Verkauf an Jugendliche zu verstärken.

Ein weiteres Problem sei, dass gerade in Deutschland der Alkoholkonsum fest in der Tradition des Landes verwurzelt sei. "Wein und Bier gelten bei uns als Kulturgut, das sogar in Form von Steuerbegünstigung subventioniert wird", kritisiert Merfert-Diete und ruft zu einer Abkehr von dieser Bedenkenlosigkeit auf. Bei Jugendlichen führe das positive Image von Alkohol auch dazu, dass Trinkfestigkeit als erstrebenswerte Eigenschaft und vermeintliches Zeichen der Reife gelte. Forscher der DHS stellen Merfert-Diete zufolge seit etwa dem Jahr 2000 einen klar steigenden Stellenwert von Alkohol bei Jugendlichen im Gegensatz zu den 1980er und 1990er Jahren fest.

Auf die besonders schwerwiegenden Folgen von Alkoholmissbrauch für Jugendliche weißt der Toxikologe Pragst hin. Vor allem das Gehirn sei in Gefahr, da es erst im Alter von etwa 17 Jahren voll ausgereift sei und durch Alkohol geschädigt werden könne. Weshalb den 16-jährigen Berliner Gymnasiasten angesichts von 52 Schnäpsen nicht zwischenzeitlich ein Ekelgefühl befiel, das den Exzess auf natürliche Art gestoppt hätte, erklärt Pragst so: "Wenn in kurzer Zeit große Mengen getrunken werden, setzt die toxische Wirkung des Alkohols mitunter schneller ein als das Ekelgefühl. Die natürliche Gegenreaktion wird also gehemmt."

Offenbar hat der Jugendliche aus dem bürgerlichen Berliner Stadtteil Zehlendorf ein regelrechtes Kampftrinken veranstaltet - sonst hätte ihn die Übelkeit vor seiner nun lebensbedrohlichen Lage bewahrt.

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