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In der Fuggerei Augsburg wohnen: Was bedeutet das?

Die Fuggerei Augsburg ist die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt.
5 Bilder
Die Fuggerei Augsburg ist die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt.
Bild: Eckhart Matthäus

Zauberer Hardy ist Bewohner der Fuggerei. Wie viel Jahreskaltmiete er bezahlt und zu welchen Bedingungen er in der Siedlung untergekommen ist...

Zauberer Hardys Hände umschlingen einen Kinderzauberkasten. Er hilft dem Künstler, mit seinem Sprachproblem umzugehen. Doch es steckt mehr dahinter: „Mit meinem Zauberkasten haben viele kleine Zuschauer das Zaubern in Deutschland gelernt. Ich hoffe, ich habe noch eine schöne Zeit, in der ich mit meiner Zauberei vielen eine Freude bereiten kann.“

In einer lebensgroßen Projektion im „Museum der Bewohner“ ist das gesamte Video zu sehen. Auch andere Bewohner der Sozialsiedlung teilen dort ein Stück ihrer Lebensgeschichte mit den Besuchern. Jeder individuell anders, spiegeln sie eine Gemeinschaft wider. Unter ihnen sind bekannte Persönlichkeiten, Nachbarn und Freunde. Weil sie bedürftig sind, wohnen sie in der Fuggerei.

Zauberer Hardy steht zu seiner Vergangenheit. Heute ist er stolzer Bewohner der Fuggerei.
Bild: Julia Paul

Warum lebt Zauberer Hardy in der Fuggerei?

Seit Juli 2017 gehört Hardy zu ihnen. Seitdem lebt er in der ältesten bestehenden Sozialsiedlung der Welt. Jahrzehnte spielte er in Schulen und Kindergärten, war viel unterwegs. „Da kriegt man nicht sehr hohe Honorare“, sagt er leise. Es habe zum Leben gereicht.

Allerdings hat ihn die Künstlersozialversicherung, die freischaffende Künstler in die gesetzliche Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung bringt, abgelehnt. Sie stufte ihn als Unternehmer ein – Hardy wehrte sich nicht. „Dann ist mir meine Eigentumswohnung auf kriminelle Art abgenommen worden. Den Prozess habe ich gewonnen, es war jedoch nichts zu holen. Das war eine brutale Zeit“, gesteht er.

Mit dem Alter hat sich die Situation zugespitzt und das Geld wurde knapp. Doch der 70-Jährige ist in Augsburg bekannt. Die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, war zu groß. Im Herbst 2016 versuchte er es schließlich in der Fuggerei. „Ich habe in einem Brief meine Situation geschildert, zwei Monate gewartet und eine Einladung zum Gespräch erhalten. Als ich die Nachricht mit der Zusage später auf dem Anrufbeantworter hörte, war ich außer mir“, lächelt Hardy. Er schweigt für einen Moment.

Bedingungen für die Fuggerei

Für die Fuggerei gelten aufgrund des Stiftungsbriefes besondere Aufnahmekriterien: Bewerber müssen seit zwei, drei Jahren in Augsburg leben und ihre finanzielle Situation offenlegen. Es werden nur Katholiken aufgenommen, die das Amt für Soziale Leistung als bedürftig einstuft. Früher fragten Verantwortliche bei den Pfarrämtern nach, ob Bewerber „fuggereiwürdig“ seien – also einen ehrbaren Lebensstil führen. Heute überprüfen sie nur die Zugehörigkeit zur Gemeinde und das Führungszeugnis. Das persönliche Vermögen und die Rücklagen eines Bewohners dürfen 5000 Euro nicht überschreiten. Die Grenzen des monatlichen Einkommens liegen beim vier- bis fünffachen des Regelsatzes. Der Höchstsatz spielt in der Sozialsiedlung allerdings keine Rolle, denn kaum einer bekommt so viel.

150 Menschen leben zur Zeit in der Fuggerei. Die Jahreskaltmiete beträgt für sie 88 Cent.
Bild: Fuggersche Stiftung

Es können sich Menschen jedes Alters und Familienstandes bewerben – Alleinstehende, Ehepaare, Geschiedene, Familien wie Alleinerziehende mit Kindern. Die Fuggerei-Verwaltung prüft die Anträge der Interessenten. Abwechselnd entscheiden die drei Fugger-Familien über die Aufnahme. Bewerber warten im Schnitt drei bis fünf Jahre. Ist eine geeignete Unterkunft frei, schließen Stiftung und Bewohner einen Mietvertrag, mit dem die Mieter die besonderen Hausregeln in der Siedlung anerkennen.

Die Jahreskaltmiete in der Sozialsiedlung

Wegen seines „Hauptdarstellers“, dem Kaninchen Micky, erhielt er eine Wohnung im Erdgeschoss. Die Jahreskaltmiete: 88 Cent und täglich drei Gebete. Seit 500 Jahren steht es so im Mietvertrag: Ein Rheinischer Gulden, Vaterunser, Glaubensbekenntnis und Ave Maria für die Stifter und Wohltäter der Fuggerei.

Zusätzlich bezahlen die Mieter die üblichen Nebenkosten wie Strom, Heizung und Wasser selbst. Das sind rund 90 Euro. Weitere 88 Cent bringen Bewohner seit dem 18. Jahrhundert für die Fuggerei- Kirche St. Markus und den Pfarrer auf. Doch das scheint nicht der Rede wert, so Hardy: „Man lebt im Zentrum, da sollte man sich nicht beschweren. Die Miete ist für mich der absolute Knüller!“

Geschichtliche Hintergründe zur Miete

1516 legten der Bürgermeister der Stadt, Hieronymus Imhof, und Jakob Fugger die Miethöhe in einem Vertrag fest: Heute würde man sagen, Fugger musste eine Grunderwerbssteuer zahlen, war aber von den Steuern für Investitionen bei Bau oder Renovierung befreit. Im Gegenzug durfte die Miete einen Rheinischen Gulden nicht übersteigen. Damit wollte Augsburg für bedürftige Bürger sorgen. Der eine Gulden entsprach dem Wochenlohn eines Handwerkers – heute sind es umgerechnet 88 Cent.

„Auch arme Menschen haben ein Niveau“, sprudelt es aus Zauberer Hardy heraus. Er steht jeden Tag um 6 Uhr auf, hat einen Ablaufplan und ist nur zufrieden, wenn er im Alter aktiv sein kann. Er ist oft unterwegs – nur weniger als früher. „Ich möchte bei meinen Auftritten immer 110 Prozent geben und nicht aus Mitleid engagiert werden. Die Kinder im Publikum sind lieb, aber kritisch. Sie erlauben keine Schwäche“, erklärt er.

In der Fuggerei fühlt sich der 70-Jährige zu Hause. Er will nie mehr umziehen und ist überglücklich, eine bezahlbare Wohnung gefunden zu haben. 149 weitere Menschen leben derzeit in der Sozialsiedlung. Ihnen stehen zweistöckige Reihenhäuser, die zwei Parteien belegen, zur Verfügung. Zu den Erdgeschosswohnungen gehört ein Garten. Zimmer, Küche sowie Bad sind sich auf 30 bis 140 Quadratmetern untergebracht. Früher beherbergten sie ganze Familien, heute leben viele Alleinstehende wie Hardy oder Paare darin.

Im Museum der Bewohner erzählt Zauberer Hardy, was es mit seinem Zauberkasten auf sich hat.
Bild: Fuggersche Stiftung

Schauwohnung und Museum bieten Einblicke

Eine öffentlich zugängliche Schauwohnung mit historischen Möbeln vermittelt einen realistischen Eindruck, wie das Leben in früheren Zeiten hinter den Türen der Fuggerei war. Natürlich ziert auch das obligatorische Porträt des Stifters dort den Wohnungsflur.

Das „Museum der Bewohner“ und das „Museum des Alltags“ bieten weitere Einblicke – in die Siedlung wie in Hardys Alltag. Bilder, Grafiken und Texte vermitteln wichtige Fakten sowie Hintergründe. Film- und Medienstationen gehen in die Tiefe: Wer wohnt in der Fuggerei und wie bekommt man einen Platz? Wie ist es, in einer Sehenswürdigkeit zu leben? Was bedeutet Bedürftigkeit im Alltag und wie hat sich das in den letzten 70 Jahren verändert?

Wann hat die Fuggerei geöffnet?

Wichtiger Hinweis: Wegen der derzeitigen Ausgangsbeschränkungen zur Corona-Krise hat die Fuggerei bis auf Weiteres geschlossen.

Ansonsten gelten folgende Öffnungszeiten:

  • April bis September
Montag 8 bis 20 Uhr
Dienstag 8 bis 20 Uhr
Mittwoch 8 bis 20 Uhr
Donnerstag 8 bis 20 Uhr
Freitag 8 bis 20 Uhr
Samstag 8 bis 20 Uhr
Sonntag 8 bis 20 Uhr
  • Oktober bis März
Montag 9 bis 18 Uhr
Dienstag 9 bis 18 Uhr
Mittwoch 9 bis 18 Uhr
Donnerstag 9 bis 18 Uhr
Freitag 9 bis 18 Uhr
Samstag 9 bis 18 Uhr
Sonntag 9 bis 18 Uhr
  • Heiligabend geschlossen

Im neuen Museum der Fuggerei gibt es viele weitere spannende Zahlen rund um das Leben der Bewohner.
Bild: Fuggersche Stiftung

Eintrittspreise in der Fuggerei

(inklusive Museum, Bunker und Schauwohnung)

Erwachsene 6,50 €
Ermäßigte (Rentner, Behinderte, Gruppen ab 10 Pers. und Studenten) 5,50 €
Kinder bis 7 Jahre frei
Kinder (8 bis 17 Jahre) 3,00 €
Familienkarte (2 Erwachsene, bis zu 4 Kinder bis 17 Jahre) 12,00 €
Schulklassen (bis 30 Schüler/Schülerinnen und bis zu zwei Lehrkräfte) 30,00 €

Dieser Artikel stammt aus unserer Beilage "2020 - Was in der Region zählt". Hier finden Sie weitere spannende Texte zum Thema Zahlen, unter anderem über den Augsburger Stadtmarkt.

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