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Gastronomie
10.01.2022

Wirtshaussterben: Keine Zukunft für die "Krone" in Schlegelsberg

Die Wirtsleute Renate Ludwig und Georg Müller in der Gaststube ihres Landgasthofs "Krone" in Schlegelsberg – wenige Tage vor der Schließung.
Foto: Brigitte Hefele-Beitlich

Georg Müller und Renate Ludwig haben ihren Landgasthof an Silvester geschlossen. Warum es mit der Traditionsgaststätte nicht weiter geht und was jetzt wird.

Der Erkheimer Ortsteil Schlegelsberg (Unterallgäu) hat kein Wirtshaus mehr. Nach einem letzten Frühschoppen an Silvester, bei dem sich noch einmal zahlreiche Stammgäste im Bierstüble und der Gaststube ein Stelldichein gaben, haben Georg „Guy“ Müller und seine Frau Renate Ludwig ihren Landgasthof „Krone“ für immer zugesperrt. Mit schwerem Herzen. Denn Müller wurde schon in den Familienbetrieb hineingeboren – und seiner zweiten Frau Renate ist das Anwesen in der Dorfstraße schon längst zur Heimat geworden. An Gästen hat es der Krone nicht gemangelt, aber an einem Nachfolger.

„Ich hab immer gesagt, mit 70 Jahren will ich Schluss machen“, erzählt Renate Ludwig, die seit 27 Jahren in der Krone lebt und arbeitet. 70 ist sie seit dem Sommer, Georg Müller feierte kurz davor seinen 71. „Er hätte entweder alleine weiter machen oder sich jemanden suchen müssen, der ihm hilft.“ Doch auch, wenn beide noch bis zuletzt mit vollem Einsatz ihr Gasthaus samt Saal und Gästezimmern bewirtschaftet haben, wäre das natürlich keine Option gewesen. Und verpachten wollten sie die Krone nicht, deren Name genau vor 100 Jahren erstmals aufgetaucht ist in der Chronik von Schlegelsberg. „Man hätte viel renovieren müssen, von der Küche bis zu einem Notausgang für den Saal“, sagt Müller. Mindestens 100.000 bis 200.000 Euro wären dafür wohl fällig gewesen. „So viel Pacht kann man gar nicht verlangen, dass dieses Geld wieder reinkommt“, ergänzt seine Frau. Nun wird das Gebäude verkauft. Es werde nicht abgerissen, aber anderweitig genutzt, verrät das Ehepaar. Übergangsweise bleiben sie darin wohnen, dann wollen sie nach Erkheim ziehen.

Schwerer Abschied vom Elternhaus

Dieser Auszug wird vor allem Georg Müller schwer fallen. Er mag kaum über diesen Abschied vom Elternhaus reden, in dem er zwischen Küche und Gaststube aufgewachsen ist. Das ganz Familienleben hat sich darin abgespielt, in der kleinen Wohnung der Familie im oberen Stockwerk gab es nicht einmal eine Küche. Erst Renate Ludwig hat darauf bestanden, dass die Wirtschaft an Weihnachten zu bleibt und Heiligabend mit der Familie gefeiert wird. Oder dass eine Woche im Jahr Betriebsurlaub gemacht und dann auch weggefahren wird. Das war zum ersten Mal 1994. „Er musste sich erst einmal daran gewöhnen, dass es noch ein anderes Familienleben gibt“, sagt Renate Ludwig.

Denn auch schon Georg Müllers Sohn aus erster Ehe stand bereits in der Wippe in der Küche neben seiner Mutter Isolde. Natürlich hätte sich der Vater gewünscht, dass der einmal sein Nachfolger wird. Er machte sogar eine Kochlehre in Oy-Mittelberg und arbeitete nach dem Wehrdienst fünf Jahre im Betrieb. „Das war damals die hohe Zeit, wir haben jeden Tag ein Menü gekocht und hatten einen Koch und eine Bedienung fest angestellt“, erinnert sich Müller. Aber um zwei Familien gut zu ernähren, habe es dann doch nicht gereicht – und zudem habe der Sohn sich beruflich anders orientieren wollen.

Getränkehandel als zweites Standbein

Er selbst hatte übrigens immer ein zweites Standbein, das ebenfalls viel Zeit in Anspruch nahm: einen Getränkehandel. Angefangen hat er ihn 1976 – zwei Jahre nachdem er die Krone von seiner Mutter übernommen hatte, der Vater war 1972 gestorben. Höchste Zeit, ein wenig in die Familiengeschichte zu blicken: Gekauft hatte das Wirtshaus im Jahr 1918 der Mühlen- und Sägewerksbesitzer Johann Georg Müller und dann erst einmal verpachtet. 1949 übernahm dessen Bruder Adolf Müller – eigentlich Friseur – mit seiner Frau Gertrud die Krone, das waren Georgs Eltern. Damals waren bis zu vier heimatvertriebene Familien im Haus einquartiert. Ab 1950 betrieb die Mutter im Haus auch die Poststelle des Dorfes samt der einzigen öffentlichen Telefonzelle. Es wurde ein Eiskeller (in Form eines Turms) angebaut, 1967 folgte ein Anbau für eine größere Küche.

Als Georg mit seiner ersten Frau Isolde 1974 das Ruder übernahm, brachte er als gelernter Metzger und bei der Bundeswehr ausgebildeter Küchenfeldwebel beste Voraussetzungen als Wirt mit. Und er modernisierte in den folgenden Jahren kräftig, baute eine Heizung ein und die Fremdenzimmer aus; im ersten Stock kam ein Saal mit Bühne dazu. Vermietet wurden die Zimmer bis zum Schluss vor allem an Monteure, manche blieben der Krone über viele Jahre treu.

Gastronomische Ausbildung auf der Wartburg

1994 kam dann Renate Ludwig als neue Wirtin an Georgs Seite ins 336-Seelen-Dorf. Sie ist vom Fach, hat ihre Ausbildung im Hotel- und Gaststättengewerbe auf der Wartburg in Eisenach gemacht. In Thüringen lebte sie ab dem zwölften Lebensjahr. Doch auf eines war sie nicht gefasst: „Ich habe am Anfang an den Stammtischen kein Wort verstanden“, erzählt sie. „Es war auch nicht viel besser, als die Gäste versucht haben, Hochdeutsch zu reden.“ Deshalb bekam sie jeden Samstag Schwäbischunterricht beim Frühschoppen. „Wie sich alle um mich bemüht habe, bleibt eine meiner schönsten Erinnerungen an die Krone, erst ab da habe ich mich zu Hause gefühlt“, sagt sie.

Von der Taufe bis zur Beerdigung

Bis zuletzt hat das Wirtspaar in Küche und Service eigentlich immer gearbeitet, ob mit gebrochenem Arm oder kaputtem Knie – eine Krankmeldung gab es als Selbstständige nicht. Trotzdem engagierte sich Georg Müller in zig Vereinen, gründete den Reservisten- oder Tennisverein, war im Reitclub und Schützenverein aktiv. Und die Vereine trafen sich in seiner Krone, genauso wie eine ganze Reihe Stammtische. Die Schlegelsberger feierten ihre Familienfeste im Gasthof, egal ob Taufe, Beerdigung, Geburtstag oder Hochzeit.

Damit ist nun Schluss. Ob die Wirtsleute schon Pläne für den Ruhestand haben? „Darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht“, sagt Renate Müller. „Wir wollen jetzt erst einmal ganz in Ruhe alles abschließen und dann einfach mal schauen, was die Zukunft bringt.“ Eines vermissen sie aber jetzt schon: ihre Gäste.

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