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Interview

08.01.2021

Ärztehaus: Wertinger Bauunternehmer Reitenberger spricht über Turm und Bürgerbegehren

Ulrich Reitenberger will am Wertinger Krankenhaus ein Ärztehaus in Form eines Turms bauen. Darüber spricht er im großen WZ-Interview.

Plus Der Unternehmer und Kreisrat verrät im WZ-Interview, wie er sich das künftige Krankenhausgelände vorstellt – und den Marktplatz.

Wie kam es zu der Idee, ein Ärztehaus in Wertingen zu bauen?

Ulrich Reitenberger: Drei Faktoren. Zum einen wollten wir unser Grundstück in der Dillinger Straße bebauen. Zum anderen zählen Ärztehäuser mittlerweile zu unserem Alltagsgeschäft. Hauptgrund war aber, dass vier Ärzte aus Wertingen auf uns zugekommen sind, die nach zeitgemäßen Räumen und Rahmenbedingungen gesucht haben. Bisher gibt es in Wertingen nichts, was deren Vorstellungen entspricht.

Fehlen in Wertingen passende Praxen?

Reitenberger: Es findet im Bereich der Hausärzte ein deutlicher Umbruch statt. Ein Drittel der Landärzte ist über 60 Jahre alt und meist als Einzelkämpfer aktiv. Für die neue Generation spielt das Thema „Work-Life-Balance“ – also Beruf und Lebensqualität gut zusammenzubringen – eine wesentliche Rolle. Die wollen nicht mehr unbedingt selbstständig sein, sondern flexibel ihre Anstellung und das Umfeld wählen können. Wir wollen in einem Gebäude verschiedene Disziplinen an Haus- und Fachärzten, Dienstleistern und Versorgern aus dem Gesundheitsbereich eng zusammenbringen, um eine zeitgemäße Lösung bieten zu können.

Wie kam es zum Standort am Krankenhaus?

Reitenberger: Die Idee kam nicht von uns. Wie erwähnt – ursprünglich war geplant, ein Ärztehaus auf unserem eigenen Grundstück an der Dillinger Straße zu bauen. Dazu hätten wir auch unmittelbar benachbarte Flächen der Stadt Wertingen gebraucht. Im März 2019 stellten wir der Stadt dazu vier verschiedene Entwürfe vor. Das jeweilige Konzept beinhaltete die Aspekte Gesundheit, Leben, Wohnen und Arbeiten an einem Ort. Wir erhielten großen Zuspruch. Dann jedoch kam der Wunsch der Stadt Wertingen, am Krankenhaus zu planen. Also sind wir vom Konzept in der Stadtmitte abgerückt und haben den Standort am Krankenhaus geprüft.

Ulrich Reitenberger

Dieser Standort sorgt für reichlich Diskussionen. Haben Sie nicht überlegt, mit dem Projekt an den Standort in der Dillinger Straße zurückzukehren?

Reitenberger: Dies wäre sicherlich der einfachere Weg und ließe sich auch schneller realisieren. Für das Ärztehaus alleine wäre der Standort an der Dillinger Straße auch geeignet. Aber im Blick auf das Gesamte eben nur der zweitbeste Standort. Hier geht es zum Schluss um Nachhaltigkeit und einen Mehrwert für das Krankenhaus. Im aktuellen Stadium ist dies für uns keine Option, nur um die Kritik zu vermeiden.

Eine häufig gestellte Frage der skeptischen Wertinger lautet: „Warum muss es ein Turm sein?“. Was antworten Sie?

Reitenberger: Planer und Architekten haben über ein halbes Jahr die Strukturen im und um das Krankenhaus untersucht. Der aktuelle Entwurf war das beste Ergebnis eines internen Wettbewerbs. Für das Ärztezentrum wollen wir das bestehende siebengeschossige Schwesternwohnheim abreißen. Dieses Gebäude wurde in den 60er Jahren bereits mit sieben Geschossen ausgestattet und ist in Sachen Nutzfläche nur etwa 1000 Quadratmeter kleiner als das geplante Ärztezentrum mit elf Geschossen. Das Ärztezentrum würden wir gerne auf der bislang als Parkplatz genutzten Fläche realisieren. Es würden keinerlei Grünfelder versiegelt. Der Entwurf sieht vor, zwei Tiefgaragengeschosse herzustellen, die mehr als 120 Fahrzeuge beherbergen könnten. Auf der Oberfläche sollten dagegen begrünte Erholungsflächen entstehen, die zum Verweilen einladen und eine Art Vorgarten zum Gebäude darstellen könnten. Das Gebäude ist zwar höher, jedoch mehr nach Süden verschoben. Nach ersten Berechnungen würden wir lediglich eine Grundstücksfläche von rund 1500 Quadratmetern benötigen. Wohin sollen Städte künftig wachsen? Der Flächenverbrauch muss reduziert werden – nicht ohne Grund wird zum 1. Februar die bayrische Bauordnung geändert. Kurz gesagt, soll künftig enger und höher gebaut werden. Die Abstandsflächen zwischen Gebäuden sollen um bis zu 60 Prozent kleiner werden. Ein ganz klares Zeichen. Für Wertingen und die Region könnte unser Ärztezentrum eines der innovativsten Projekte werden. Eines mit Signalwirkung.

In der jüngsten Stadtratssitzung wurde angedeutet, dass Sie Änderungen am Konzept vornehmen wollen.

Reitenberger: Ja, wir haben nochmals über das „nicht passende Gewerbe“ nachgedacht. Da wir ja immer noch im Besitz des Grundstückes in der Dillinger Straße sind, können wir uns vorstellen, dies dorthin zu verlagern.

Wie hoch soll der Turm denn jetzt werden?

Reitenberger: Das kann ich Ihnen heute noch nicht sagen. Wie Sie wissen, haben wir uns auf einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan verständigt. Neben vielen anderen Punkten, die zu klären sind, wird vor allem Inhalt und Architektur genau abgesprochen. Die Stadträte müssen, ähnlich wie ihre Kollegen in den 1960er Jahren hinter dem siebengeschossigen Schwesternwohnheim standen, auch hinter dem neuen Gebäude stehen können. Hier müssen wir Kompromisse finden.

Und werden Luxuswohnungen im Turm vorhanden sein?

Reitenberger: Der Mythos der Luxuswohnungen (lacht). Wohnen ist am Krankenhaus ja nichts Neues. Das Schwesterwohnheim wurde genau zu diesem Zweck gebaut. Konzeptgetreu wird es ein Vormietrecht geben – der Wohnraum für Ärzte, Schwestern, Pfleger, Schülerinnen und Schüler und andere Mitarbeiter aus dem Bereich Gesundheit und Verwaltung steht im Mittelpunkt.

Gegen ihr Anliegen kam heftiger Gegenwind seitens der CSU. Und zahlreiche Wertinger haben eine Bürgerinitiative unterschrieben.

Reitenberger: Unsere Demokratie lebt von der Vielfalt der Meinungen, aber auch von Kompromissen. Ich darf erinnern: Unser Projekt am „Mühlpark“ wurde zusammen mit der Stadt entwickelt und ist heute eine der schönsten Ecken in Wertingen. Bei der Abstimmung wurde dies mit einer einzigen Stimme Mehrheit durchgesetzt. Wenn man so will, war dies bei unseren größeren Projekten gar die positivste Abstimmung mit 13:8. Über die Art und Härte des Bürgerbegehrens bin ich aber sehr überrascht.

Inwiefern überrascht?

Reitenberger: Das gewählte Verfahren mit vorhabenbezogenem Bebauungsplan gibt jedem Bürger die Chance, gehört zu werden, Bedenken vorzubringen. Dies wäre ein Weg des Miteinanders. Wie bekannt ist, können weder Stadt noch Kreis ein derartiges Projekt stemmen. Die Stadträte und die Mitglieder des Aufsichtsrates der Kreiskliniken haben sich mit ihren positiven Entscheidungen mit uns auf den Weg gemacht, Lösungen zu Stärkung und Erhalt des Krankenhauses zu finden. Wie heißt es so schön: „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“ Die Initiative stellt sich über die getroffenen Entscheidungen. Strebt nicht nach einem Miteinander, sondern einem sofortigen Ende. Zu glauben, ohne Veränderungen einen Wandel und den Erhalt zu schaffen, ist das Eine. Mit dem Bürgerbegehren unserem Krankenhaus eine reale Chance zur Entwicklung zu nehmen, etwas ganz anderes. Persönlich hoffe ich sehr, dass sich alle wirklich ausreichend informiert haben und sich der Verantwortung bewusst sind, die sie hier tragen. Wenn das Bürgerbegehren Erfolg hat, ist das Projekt gestoppt – dem Krankenhaus wäre eine reale Chance noch in der Entstehung genommen worden. Wahrscheinlich stünde dann auch das Pflegeheim dort zur Diskussion. Im Alltag ergeben sich die meisten Synergieeffekte zwischen Pflegeheim und Ärztehaus. Diese Grundlage gäbe es nicht mehr.

Das Motto der Initiative lautet: „Für das Krankenhaus – gegen den Tower.“ Wie verstehen Sie das?

Reitenberger: Gar nicht. Inwiefern sollte ein Ärztehaus in unmittelbarer Nähe dem Krankenhaus schaden?

Was hätte ihr Projekt für das Krankenhaus denn für einen Mehrwert?

Reitenberger: Im ersten Schritt wollen wir verschiedene Gesundheitsbereiche, vor allem Haus- und Fachärzte, in unserem Gebäude binden. Schon im Ärztehaus trennen dann nur Geschosse die verschiedenen Ärzte, Dienstleister und Versorger. Die Qualität der Behandlung für den Patienten wird steigen, da die Informationen kurze Wege haben. Mit der steigenden Qualität steigt auch die Nachfrage. Die kurzen Wege sind auch für Patienten angenehm. Die angesiedelten Ärzte im Ärztehaus können dem Krankenhaus zuweisen. Im zweiten Schritt stellen wir Synergien her, errichten ein Netzwerk zwischen Krankenhaus und Ärztehaus. Schon heute machen private Unternehmer wie Orthix und Gantze am Krankenhaus vor, wie eine enge Vernetzung funktionieren kann und einen Mehrwert bietet. Ärzte, die mit dem Krankenhaus zusammenarbeiten und Patienten zuweisen, sind immens wichtig. Haus- und Fachärzte sollen künftig mit dem Krankenhaus viel enger zusammenarbeiten. Stellen Sie es sich so vor, dass im Ernstfall Ihr Arzt des Vertrauens Sie über den Hof in das Krankenhaus begleiten kann. Er besucht Sie während des Aufenthaltes im Krankenhaus, um dort die weitere Behandlung abzusprechen. Im Wettrennen um Nachwuchskräfte bietet die Zusammenarbeit weitreichende Perspektiven.

In welchem Stadium des Projekts befinden Sie sich aktuell?

Reitenberger: Konkretisierungsphase. Nachdem uns der Aufsichtsrat und die Stadt sozusagen grünes Licht gegeben haben, befinden wir uns in konkreten Gesprächen mit den Interessenten aus dem Gesundheitsbereich. Die Ergebnisse hieraus wollen wir im ersten Quartal vorstellen.

Sie sitzen mittlerweile im Kreistag und sind Mitglied des Krankenhausausschusses. Kommen sich ihre Rollen dabei und als Unternehmer nicht in die Quere?

Reitenberger: Sollten sich hier Interessen treffen, ist dies klar geregelt. Ähnlich wie bei jedem Gemeinde- oder Stadtrat, der persönliche Interessen vorbringt, ist man von der Beschlussfassung ausgeschlossen. Ich gehe davon aus, gerade weil ich Unternehmer bin, gewählt worden zu sein. Aus meinem Alltag bringe ich eine Reihe an Eigenschaften, Erfahrungen und Umsetzungswillen mit. Ergänzend dazu, darf ich im Förderverein in der zweiten Amtszeit als Dritter Vorsitzender der Freunde des Krankenhaus Wertingen aktiv sein. Auch hier gilt es, Neutralität und Solidarität zu wahren.

Speziell die Stadt Wertingen tut sich unheimlich schwer, neue Baugebiete zu erschließen. Muss sich in der Stadtentwicklung etwas tun?

Reitenberger: Da ist Wertingen kein Sonderfall. Auf Anhieb fällt mir in unserer Region keine einzige Gemeinde mit freien Bauplätzen ein. Aufgrund der guten Infrastruktur, also das Angebot aus Versorgung, Bildung, Freizeitangebot und Lage, ist die Nachfrage in Wertingen sicher noch höher wie in einigen kleineren Gemeinden und verstärkt diesen Eindruck. Da wir in Bayern großen Landverbrauch haben und mit unseren Grünflächen sparsam umgehen müssen, gilt hier dringend das Gebot der Nachverdichtung im Innenraum. Gemeinde und Städte werden ein Stück weit umdenken müssen und sich mit der Höhe von Gebäuden und Ausnutzung von Grundstücken auseinandersetzen, um dies zu bewerkstelligen.

Sie wollen auch am Marktplatz ein Projekt verwirklichen, das kontrovers diskutiert wird – ein modernes Fachwerkhaus. Wie stellen Sie sich den Wertinger Marktplatz der Zukunft vor?

Reitenberger: Zusammen mit dem Berater der Stadt Wertingen haben wir dem Projekt den letzten Schliff verliehen. Die detaillierte Fassadengestaltung wie Farbgebung wurde dem Ensemble angepasst, ohne den ganz eigenen Charakter zu verlieren. Wir wollen noch im Januar mit dem Rückbau beginnen und schon bald fester Bestandteil des Marktplatzes werden. Der Marktplatz an sich hat seinen ganz eigenen Charme. Persönlich würde ich mir schlichtweg wünschen, dass er seinem Namen alle Ehre macht. Handel, Wirtschaft, Kunst, Kultur und Gesellschaft vereint. Inwieweit dies möglich, denkbar oder umsetzbar ist, kann ich im Detail aber nicht beurteilen.

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