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Wertingen

02.07.2020

Als in Wertingen noch Limonade gemacht wurde

Die Glaskugelflasche mit der Aufschrift Carl Fritz, die im Wertinger Schloss ausgestellt ist. An die Glaskugel im Inneren dieses Modells wollten früher oft die Kinder herankommen und zerschlugen deshalb die Flaschen.
Bild: Twain Stolz

Plus In der Zusamstadt wurden einst Süßgetränke in besondere Flaschen abgefüllt. Eine davon steht im Wertinger Schloss und zeigt den kuriosen Schließmechanismus.

Eine Limonadenflasche mit Glaskugelverschluss, die Anfang Juni in den Besitz des Wertinger Heimatmuseums gelangte, lässt über die Limonadenproduktion in der Zusamstadt nachdenken. Die Flasche stammt aus der ehemaligen Gastwirtschaft Abt in Hohenreichen, an der heutigen Adresse Schäfergasse 1, und trägt die Inschrift: Carl Fritz, Wertingen, unverkäufliches Eigentum. Sie ist - so eine Serie unserer Zeitung - Objekt des Monats Juli und im Erdgeschoss des Wertinger Schlosses ausgestellt.

Er produzierte in Wertingen Selterswasser

Nachforschungen von Stadtarchivar Dr. Johannes Mordstein ergaben, dass Carl Fritz (1873 in Wertingen geboren) im Anwesen Schulstraße 9 (heute Sparkasse) Selterswasser produzierte. Dessen Vater Martin Fritz, der Kaufmann und spezialisiert auf Tuch-, Schnitt- und Kurzwaren- und Zigarrenhandel war, hatte das Anwesen 1859 erworben, der Sohn Carl übernahm im Juni 1905 das Geschäft seines Vaters, wie Museumsreferent Cornelius Brandelik schreibt.

Die „Geschäftsempfehlung“ im Wertinger Anzeigenblatt.
Bild: Johannes Mordstein

Am 16. August 1907 meldete der Sohn eine Limonadenfabrikation bei geringem Betrieb an. Wenige Tage später, am 20. August 1907, gab er eine Annonce im Wertinger Anzeigenblatt für Selterswasser und Fruchtlimonaden auf. Darin bietet er Limonaden in unterschiedlicher Geschmacksrichtung an („Erdbeer, Himbeer, Citronen, Waldmeister, Champagner, Orange“). Für Wiederverkäufer und Gastwirte wird bei Mehrabnahme ein Extra-Rabatt in Aussicht gestellt. Da das Anwesen Schulstraße 9 im Jahr 1915 verkauft wurde, ist anzunehmen, dass Carl Fritz in diesem Jahr seinen Laden und auch die Limonadenherstellung aufgab. Er starb 1947 in Augsburg. Man kann daher die Glasflasche recht gut auf die Jahre zwischen 1907 und 1915 datieren.

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Kinder zerschlugen gerne die Flaschen

Es gibt nicht mehr allzu viele Exemplare dieser Art, denn die Flaschen wurden gerne von Kindern zerschlagen, um an die Glasmurmel zu kommen. Im Flaschenhals ist eine ringförmige Gummidichtung angebracht. Die Öffnung des Ringes ist kleiner als die Glaskugel. Die Kugel wird durch den Druck der Kohlensäure in den Gummiring nach oben gedrückt und schließt die Flasche dicht ab. Zum Öffnen der Flasche muss außen mittels Finger oder eines Holzstabes mit entsprechender Kraft auf die Kugel gedrückt werden, sodass sich die Kugel minimal bewegt und einen Spalt zwischen Kugel und Gummiring freigibt. Kohlendioxid strömt aus der Flasche, die Kugel fällt in das Getränk. Bei der Flasche im Heimatmuseum ist der Gummiring noch an Ort und Stelle, wo er ursprünglich war. Auch die Glaskugel ist unversehrt.

Flaschen der Firma Müller im Vergleich.
Bild: Cornelius B randelik

Abgelöst wurde das Patent schließlich durch Getränkeflaschen mit Bügelverschluss, später auch mit Schraubverschluss oder Kronkorken.

Wesentlich bekannter ist in Wertingen die Limonadenherstellung durch die Firma Johann Müller in der Laugnastraße 26. Die Firma existierte schließlich von 1934 bis 2003. Johann Müller übernahm 1934 die Limonadenherstellung von der Firma Pröller, die am Marktplatz 8 im Keller produzierte. 1935 wurde in der jetzigen Laugnastraße 26 ein kleines Haus mit Werkstatt und Garage gebaut. Damit zog die Produktion um.

Die Ehefrau übernahm die Limonadenherstellung

Von 1939 bis 1948 war Johann Müller im Krieg beziehungsweise in Kriegsgefangenschaft. Während dieser Zeit war seine Ehefrau Maria mit einer Helferin für die Limonadenherstellung zuständig. 1968 starb Johann Müller. 1969 übernahm die Tochter das Geschäft. Nach Aussage der Tochter, Hannelore Müller, wurde bis 1989 die Limonade selbst hergestellt: Man produzierte gelbe und weiße Limonade, Brause, Spezi, Frucade, Afri-Cola und Chabeso. Nach 1989 gab es nur noch fertige Handelsware. 2003 meldet Hannelore Müller das Geschäft ab. Auch von der Firma Johann Müller besitzt das Museum mehrere Flaschen. Interessant ist, zu beobachten, wie sich im Lauf der Zeit Flaschenform, Verschlussart und Etikett geändert haben.

Der Schriftzug ist auf der Flasche deutlich lesbar.
Bild: Twain Stolz

Eine weitere Firma, die in nächster Nähe eigene Limonade produziert hatte, war Hans Reinhardt in Roggden. Vor dem Zweiten Weltkrieg kaufte Reinhardt eine Dillinger Firma auf, die Limonade herstellte. Die Produktionsmaschinen brachte er nach Roggden. Bis 1985/1986 wurde in Roggden selbst Limonade produziert. Danach verkaufte man Handelsware.

Nach dem Krieg gab es keinen Zucker

Zum Produktionshergang weiß der Sohn des Firmengründers, Ernst Reinhardt, zu berichten: Zunächst wird dem Wasser Sauerstoff entzogen. Dies geschieht, indem es auf Keramik „aufplatscht“. Anschließend wird Kohlensäure aus einer Gasflasche eingeblasen. Dann kommt das Konzentrat, das für den Geschmack verantwortlich ist, hinzu. Folgende Geschmacksrichtungen wurden produziert: Orange, klare Zitrone, trübe Zitrone. Nach dem Krieg gab es keinen Zucker, deshalb wurde mit künstlichen Aromen und Süßstoffen Brause produziert. Später kamen Colamix, Afri-Cola und Bluna hinzu. Sie wurden unter Lizenz hergestellt, anstelle des Konzentrats musste der entsprechende Sirup eingekauft werden. Bis etwa Mitte der 1970er Jahre wurden die Flaschen mittels Bügelverschluss abgedichtet. Als Kind konnte man sich ein kleines Taschengeld verdienen, indem man die Gummis auf den Porzellankopf aufzog. Danach wurden die Flaschen mit Kronkorken verschlossen.

Ernst Reinhardt betont, Limonade sei vom Ursprung her ein rein natürliches Getränk. Vielleicht sei es gerade deshalb wieder angesagt, in manchen Lokalen selbst hergestellte Limonade anzubieten, bei der man die Zutaten erkennen kann.

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