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Corona

10.05.2020

Auch in der Krise mit den französischen Freunden eng verbunden

Vier Tage war eine Wertinger Delegation, darunter Bürgermeister Willy Lehmeier (links), zu Gast bei den Freunden in Frankreich und hat die 30-jährige Verbundenheit gefeiert. Dabei wurde auch ein Friedensbaum gepflanzt.
Bild: Schoen/Stadt Wertingen (Symbol)

Plus Die französischen Freunde von Fère-en-Tardenois dürfen nicht nach Wertingen reisen. Jetzt haben Sie einen rührenden Brief geschickt.

Nachdem in unserer Zeitung ein Bericht über die Absagen der diesjährigen Aktivitäten der Partnerstädte wegen Covid-19 erschienen ist, haben die Franzosen mit einem langen Brief geantwortet. Verbunden mit dem Wunsch, die Zeilen den Wertinger Lesern und Leserinnen mitzuteilen. „Wir sind sehr traurig, dass wir alles absagen mussten“, schreiben Francoise Munoz und Alain Brochot. Gerne hätten sie die Schülerinnen und Schüler des Wertinger Gymnasiums begrüßt, deren Besuch in den nächsten Tagen erwartet wurde.

Austausch mit den Freunden

Hannelore Suttner, die Erste Vorsitzende des Partnerschaftsvereins, ist in regem Austausch mit ihren französischen Freunden. Sie telefoniert und schreibt regelmäßig Briefe und E-Mails. Im vergangenen Jahr feierten beide Partnerstädte das 30-jährige Bestehen in Fère-en-Tardenois. Nun sollten Gegenbesuche stattfinden. Doch beide Komitees mussten wegen der Epidemie sämtliche Termine für 2020 abblasen.

Im Mai war eine Ausstellung mit französischen Künstlern im Wertinger Schloss geplant, im Juli ein Fußball-Turnier, im September ein Kinoabend mit französischem Film, im Oktober ein Weinfest im Schlosskeller und im November die Teilnahme an der Wertinger Nacht.

Angst vor dem Sterben

Es scheine, dass die Teenager gemischte Gefühle haben, schreiben Alain Brochot und Francoise Munoz weiter. Die Gefühle reichen zwischen der Revolte, „sich eingesperrt zu fühlen wie im Gefängnis“, bis hin zu qualvoller „Angst vor dem Sterben“ und zur „Traurigkeit, seine Freunde nicht mehr sehen zu können“. Gleichzeitig stellen die Jungen fest, dass es viel zu viele Hausaufgaben gibt und dass es schön wäre, mit Freunden und Lehrern in der Schule zu sein. Trotz aller Einschränkungen spüren die jungen Franzosen aber auch ein leichtes Gefühl von Freiheit, „aufzustehen und zu essen, wann man will“.

Berufstätige Menschen seien sehr damit beschäftigt, den Tagesablauf zu bewältigen und dabei die „Barrieregesten“ im Auge zu behalten. Ehepaare im Ruhestand lernten Geduld, Alleinstehende litten unter dieser aufgezwungenen Einsamkeit. „Wir selbst können über unsere Vorstellung von Freiheit nachdenken“, gibt sich mancher Fèrer philosophisch.

Mit modernen Kommunikationsmitteln gelinge es, die sozialen Beziehungen aufrecht zu erhalten. „Wir nutzen und missbrauchen sie sogar. Wir geben zu, täglich mehrere Stunden am Telefon zu verbringen.“ Im Alltag versuchen die Franzosen, die offiziellen Empfehlungen so weit wie möglich zu respektieren, die Ausgänge zu begrenzen, Abstand zu halten und Masken zu tragen. „Wir waschen und desinfizieren gefühlte hundert Mal am Tag die Hände, im Glauben, dass dieses verdammte Virus uns nicht kriegen wird.“ Für manche Menschen seien die Tage lang, und viele seien inzwischen des Fernsehens müde geworden. Für körperlich arbeitende Menschen – Betreuerinnen, Hausfrauen und Lehrerinnen – hingegen vergehe die Zeit langsamer.

Masken für Betreuer und Notfallpersonal

Wer einen Garten hat, könne Luft und Sonne aufnehmen und die Entwicklung des Gartens im Frühjahr bewundern und „den kleinen rosa Pfad im Sonnenlicht entdecken“. Viele vom Verein hätten neue Aktivitäten für sich entdeckt mit dem Gefühl, damit etwas Nützliches zu tun: die Herstellung von Masken oder Überblusen für Betreuer und Notfallpersonal. „Weil wir immer noch gut essen wollen, experimentieren wir mit Rezepten“, berichten Brochot und Munoz, die, wie viele andere Franzosen auch, süchtig nach „France Culture“ sind. Man nutze in diesen Tagen vermehrt Kulturprogramme im Radio, die aufmerksames Zuhören erforderten und jede andere Hirnaktivität ausschließe.

„Wir setzen uns mit der Familiengeschichte auseinander, schreiben Nachrichten, organisieren Fotoalben und tauschen Informationen und Gedichte aus.“ Vereinsmitglieder empfehlen zum Beispiel Boris Vian zu lesen – „Warum ich lebe – für das gelbe Bein einer blonden Frau …“ oder eine Akrostik der Gefangenschaft zu erfinden. Man schickt sich zum Zeitvertreib gegenseitig Musik – Symphonie cofinée – Witze, Fotos und Videos.


Bild: Schoen/Stadt Wertingen (Symbol)


„Nicht zu vergessen die Sportbegeisterten, die Übungen der Gefangenschaft entdecken und mehr als fünf Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegen – ohne sich zu bewegen. Wir nehmen uns aber auch die Zeit, über die aktuelle Situation nachzudenken, an die von Krankheit und Trauer betroffenen Menschen zu denken, an die wirtschaftlichen Probleme, den Verlust von Arbeit und Einkommen, die jede Familie zu Hause und in ihrer Umgebung kennt, und die Solidarität zu unterstützen, die sich aufbaut“, geben Munoz und Brochot Schilderungen der Vereinsmitglieder wieder. Am Ende heißt es im Brief: „Wir stellen fest, dass ein leichter Hauch von Optimismus zu herrschen scheint.“

Seit 30 Jahren Städtepartnerschaft

Sehnsüchtig warten alle auf die Umsetzung des Dekonfinitionsplans von Staatspräsident Macron. „Seit 30 Jahren haben die 700 Kilometer, die unsere beiden Städte trennen, die Freundschaft zu unseren Freunden von Wertingen nie geschmälert, und dies wird auch wegen Covid-19 nicht der Fall sein. Die Beziehungen zwischen Freunden auf beiden Seiten des Rheins gehen weiter, schriftlich oder telefonisch, während wir darauf warten, uns wirklich wiedersehen zu können.“

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