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Kleinkunstbühne

19.11.2019

„Aufspiel’n beim Wirt“ als Publikumsmagnet

Der Laugnaer Gerhard Schmidt in Aktion als Rezitator klassischer Balladen.
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Der Laugnaer Gerhard Schmidt in Aktion als Rezitator klassischer Balladen.
Bild: Helmut Sauter

Balladen, Moritaten, Liebeslieder und alpenländische Weisen vereint zu einer stimmungsvollen Melange

Der Andrang zum traditionellen „Aufspiel’n beim Wirt“ im Gasthaus Straub, Pfaffenhofen stellte die Lauterbacher Brettlmacher vor eine Herkulesaufgabe, der sie durch jahrelanges Training durchaus gewachsen waren. Zusätzliche Stühle in allen Ecken und Winkeln des Saales und die Aufforderung zum Zusammenrücken schufen schließlich Platz für alle, und es führte zu einer heimeligen Atmosphäre. Keiner wurde heimgeschickt, wenn auch Bier- oder Weingläser nur noch auf der Fensterbank Platz fanden.

Der Einzug der Schwäbischen Wirtshausmusikanten Uwe Rachuth, Evi Heigl, Horst Ott und Schorsch Miller geschieht natürlich musikalisch mit Klarinetten- und Hörnerklang und endet wegen der Enge zwischen den Stuhlreihen sehr schnell auf der Bühne. Der mitreißende „Freudengalopp“ bringt den brechend vollen Saal sofort in den Klatschmodus, und auch das anschließende „Heit gibt´s a Rehragout“ röhren 130 Sängerinnen und Sänger lauthals mit. Uwe Rachuth weiß das Publikum im dampfenden Saal einfühlsam zu führen, sodass Gerhard Schmidt bei seinen klassischen Balladen gespannte Aufmerksamkeit erfährt.

Ob bei Goethes „Erlkönig“ oder Schillers „Der Handschuh“ – die Zuhörer sind fasziniert von der Sprachmelodie und dem vollen Körpereinsatz des Rezitators. Gerhard Schmidt, kein Germanist, sondern Lehrer für Physik und Chemie, füllt die vier Meter breite Bühne mit seiner Gestik und Mimik voll aus, variiert Stimme, Gangart und Gebärden je nach dichterischer Situation und nimmt so die Zuhörer mit hinein in das zauberhafte oder grauenhafte Geschehen. Man spürt hautnah die wabernden Nebelschwaden, Erlkönigs Töchter und die Angst des Kindes in dieser unheiligen Nacht ebenso wie die drohende Gefahr der Löwen, Tiger und Leoparden, zu denen sich der edle Ritter in die Arena wagt, um den Handschuh aufzuheben.

„Aufspiel’n beim Wirt“ als Publikumsmagnet

Wieder lauter und ausgelassener wird es im Saal bei Ludwig Uhlands „Der wackere Schwabe“. Plastisch und drastisch schilderte Gerhard Schmidt „…Zur Rechten sieht man wie zur Linken, einen halben Türken niedersinken“. Auch die schwäbischen Gedichte von Adolf Paul, Ernst Mader, Georg Fackler und des einheimischen Poeten Gerhard Burkard haben die Lacher auf ihrer Seite. Zwischendurch verstehen es die Kesseltaler Weisenbläser mit ihren alpenländischen Klängen und Jodlern eine gefühlvolle, vorweihnachtliche Stimmung in den Saal zu zaubern.

Der Wechsel zwischen den ruhigen Weisen der drei Bläser und den temperamentvollen, lustigen und mitreißenden Liedern der vier Wirtshausmusikanten animiert das Publikum immer wieder zu Beifallsstürmen. Und wenn Uwe Rachuth, Evi Heigl und Schorsch Miller ihre selbst gestrickten Lieder über die „Loreley“, die „Aurora“ oder „Oh Isabella“ und „an steierischen Jodler“ anstimmen, singen alle aus voller Kehle mit. So nimmt es auch nicht Wunder, dass nach über drei Stunden beim Abschiedslied „Grawalu“, das allen „Spitzbuaba und Schlawina“ gewidmet ist – so übersetzt der Schwabe nämlich das französische „grand filou“ – keiner so schnell nach Hause gehen will und erst weit nach Mitternacht die Lichter im Wirtshaus erlöschen.

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