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Wertingen

07.01.2019

Binswanger Grabsteine erzählen Geschichte

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2 Bilder
Wie ein verwunschenes Gelände wirkt der jüdische Friedhof auf der Anhöhe zwischen Binswangen und Wertingen. Hinter Mauern verborgen, zwischen Laub und Efeu stehen hier noch 65 Grabsteine, deren Inschriften zu zahlreichen Geschichten führten. Die hat der Vorsitzende der Augsburger Jüdischen Gemeinde, Yehuda Shenef, in seinem Buch zusammengefasst.
Bild: Birgit Hassan

Yehuda Shenef beleuchtet in seinem Buch über den jüdischen Friedhof in Binswangen Familien und Orte. Warum der Friedhof vermutlich auf dem Weg nach Wertingen entstanden ist.

Abgestorbene Blätter bedecken den hügeligen Waldboden. Efeu umschlängelt die zahlreichen Bäume. Dazwischen stehen – hinter einer moosbewachsenen Mauer und einem Eisentor verborgen – 65 verwitterte Grabsteine, in Gruppen geordnet. Die Natur scheint sich in diesen Tagen diesem Ort angepasst zu haben, dem jüdischen Friedhof von Binswangen. Doch so trist und friedlich der Friedhof an diesem Morgen wirkt, so viele Geschichten und vielfältiges Leben stecken hinter den Menschen, die hier begraben liegen. Yehuda Shenef hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Stunden und Tage auf dem stillgelegten Friedhof zwischen Binswangen und Wertingen verbracht. Entstanden ist dabei ein Buch, das Einblicke gewährt – in die Geschichte von Binswangen und Wertingen ebenso wie in ganz persönliche Familiengeschichten. Beides hängt für Yehuda Shenef untrennbar zusammen: „Unsere Ahnen und Familien prägen unsere eigene Geschichte.“

Shenefs Weg führte nach Binswangen

15 Bücher hat Yehuda Shenef mittlerweile veröffentlicht, vier davon basieren auf jüdischen Friedhöfen. Die ersten drei skizzierten die drei Augsburger Ruhestätten, von denen eine ganz verschwunden ist und eine noch benutzt wird. Die dritte in Kriegshaber liegt mit ihren Überresten still. Von ihr führte Shenefs Weg nach Binswangen, taucht bei den dortigen Grabinschriften doch immer wieder der Name Binswanger auf. Ein Name, der dem Autor bereits aus seiner Kindheit in New York City vertraut war.

Dorthin waren seine Vorfahren einst aus Polen emigriert. Als Teenager ging er selbst dann, erfüllt vom amerikanischen Patriotengeist, nach Israel, um sein Land zu verteidigen. Doch die Armee war kein dauerhafter Platz für ihn. 1998 fasste Shenef den Entschluss, noch einmal etwas Neues zu versuchen. Weil er familiäre Wurzeln in Deutschland vermutete, wollte er jüdisch-deutsche Sprachgeschichte studieren. Er wählte dafür Augsburg. Hier ist er hängen geblieben. Und von hier aus entdeckte er auch den Ursprung des Namens Binswanger. Nach der deutschen Gesetzgebung habe jeder ab etwa 1800 einen Familiennamen annehmen müssen. Und weil vor allem jüdische Menschen die (Vor-)Namen ihrer Vorfahren trugen, benutzten sie die Ortsnamen als Familiennamen. Neben den Binswangern begegnete Shenef auch immer wieder der Ort Wertingen bei seinen Recherchen. In mittelalterlichen Urkunden der Augsburger Juden sei an den Namen am häufigsten „von Wertingen“ angehängt. „Es ist kein Zufall, dass der jüdische Friedhof zwischen Binswangen und Wertingen entstanden ist“, sagt Yehuda Shenef. In Wertingen hätten mit Sicherheit einst ebenso viele jüdische Menschen gelebt. Und so taucht in den Schilderungen seines Buches auch die Zusamstadt immer wieder auf, scheint sie doch selbst noch vor seinen Nachbarn Buttenwiesen und Binswangen eine sehr alte jüdische Geschichte zu haben.

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Ein Widerstandsnest gegen die Nazis sei Wertingen offensichtlich auch nicht gewesen. „Dafür wurde es in der Nähe des Judenbergs zwischen Binswangen und Wertingen mit dem Bau zahlreicher Sport- und Freizeitanlagen für die Hitler-Jugend belohnt, die ihre trotzdem überschüssigen Kräfte und ihren Übermut unter fachlicher Anleitung in der fast vollständigen Demolierung des alten jüdischen Friedhofs von Binswangen austobte“, schreibt der Autor unter anderem.

In Binswangen aufgewachsen

Nach dem Krieg wurden die noch vorhandenen Grabsteine wieder auf dem Friedhof aufgestellt, teils mit kaum leserlichen, teils mit noch klaren Inschriften. Einzeln hat Shenef sie fotografiert und die Namen samt Familiengeschichten hinterfragt. Auf diese Weise werden für ihn Schicksale und die Geschichte fassbar. Und so will er auch die Menschen für deren eigene Geschichte interessieren – die persönliche Familiengeschichte wie die lokale Ortsgeschichte. Wie klein die Welt dabei wird, zeigt sich für den Mittvierziger immer wieder. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Augsburg arbeitet als Journalist und Historiker sowie als Pfleger in einem Augsburger Altersheim. Dort leben derzeit zufällig zwei Menschen, die in Binswangen aufgewachsen sind. Wenn er sich mit ihnen unterhält, merkt er wie bei seinen Recherchen in den einzelnen Häusern: „Jeder Mensch ist ein Geschichtsbuch.“

Wie das Gedenken an die jüdische Geschichte in Binswangen noch wach gehalten wird: Schmerzhafte Heimatgeschichte und Viel Neues in der Alten Synagoge .

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