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Dillingen

25.04.2019

Bringt die EU junge Männer im Landkreis Dillingen auf den richtigen Weg?

Bei dem vom Europäischen Sozialfonds geförderten Projekt „Finde deinen Weg“ lernen Jugendliche aus dem ganzen Landkreis, in der Gemeinschaft zu arbeiten und mit Widerständen umzugehen.
Bild: Jolanda Palanga/BIB Augsburg

Der Europäische Sozialfonds fördert in Dillingen ein Projekt für Jugendliche, die sich  selbst nicht  genügend für eine Arbeit motivieren können. Ein Beispiel aus der Region Wertingen.

Heute sind Arthur und Mike recht pünktlich. Gleich bereiten sie gemeinsam mit ihren Klassenfreunden das Essen zu, denn die Mittagspause naht. Dass sie gemeinsam mit anderen zu festen Zeiten ein Essen, noch dazu ein gesundes, zubereiten sollen, ist nichts Selbstverständliches. Denn die beiden jungen Männer um die 20 nehmen am ersten Durchgang des Projekts „Finde deinen Weg“ teil, das zu 70 Prozent aus dem Sozialfonds der Europäischen Union (ESF) bezahlt wird. Das gemeinsame Kochen ist Teil ihres Unterrichts. Arthur und Mike heißen in Wirklichkeit anders, ihre Namen hat die Redaktion geändert.

Mischung aus Struktur und Lockerheit

Die Kurse finden im Dillinger Christa-Hochhaus statt und binden die Jugendlichen, 16 bis 23 Jahre alt, mit einer Mischung aus strukturiertem Stundenplan und lockerer Atmosphäre in eine Gruppe ein. Das Pensum ist hoch, 40 Stunden in der Woche verbringen die jungen Leute in dem EU-Projekt. Der Unterricht besteht aus einem Mix aus Themenseminaren, sozialpädagogischen Gruppenaktivitäten und der Mitarbeit in den beiden Werkstätten im Christa-Hochhaus. In der „Manufaktur der schönen Dinge“ wird geschreinert, im Erdgeschoss lernen die Teilnehmer bei „Kette und Kurbel“, wie man ramponierte Fahrräder wieder flott bekommt. Am Ende des Jahres sollen alle neun Teilnehmer fit für den Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt sein – im Idealfall sind dann alle in ein Ausbildungsverhältnis vermittelt worden.

Ursprünglich waren es einmal 13 Teilnehmer. Aus unterschiedlichen Gründen sind mehrere bereits wieder ausgeschieden. Manche haben zwischenzeitlich schon Arbeit gefunden, ein anderer war nie anwesend und permanent krankgeschrieben, bis er schließlich ausgeschlossen wurde. Anders als bei zahlreichen Maßnahmen des Jobcenters oder des Jugendamtes liegt der Fokus bei „Finde deinen Weg“ auf der Bildung eines Sozialgefüges der Jugendlichen untereinander. Das hat in den ersten sechs Monaten, welches das Projekt schon in Dillingen läuft, glänzend geklappt. „Hier gibt es niemanden, mit dem ich nicht klar komme“, sagt Arthur. Er hat schon mehrere andere Maßnahmen erlebt, in denen habe es irgendwann immer Stress in der Teilnehmergruppe gegeben, oft verbunden mit Schlägereien und Beschimpfungen.

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Intensive Gruppendynamik in Dillingen

Nicht so bei der EU-Maßnahme. Die Jugendlichen werden intensiv betreut und haben innerhalb kürzester Zeit eine eigene, intensive Gruppendynamik gebildet, Jolanda Palanga, die gemeinsam mit einem Kollegen das Projekt pädagogisch betreut. „Die Jugendlichen diskutieren viel untereinander aus“, sagt Palanga, die für die Gesellschaft für Bildung, Integration und Beruf (BIB) in Augsburg arbeitet. Die BIB führt das EU-geförderte Projekt in Dillingen aus.

Bei den Teilnehmern hapert es nicht an den Fähigkeiten, meistens nicht einmal am Willen, eine Berufsausbildung zu finden, sagt Palanga. Es liegt oft an sehr grundlegenden Qualitäten, die ein Auszubildender heute leisten muss: pünktlich sein, sich in Strukturen einfügen können, Sicherheit in alltäglichen Situationen aufweisen. Kurz: vernünftig mit anderen Menschen zusammenarbeiten können. „Wir sind alle mehr oder weniger aus den selben Gründen hier“, sagt Mike. „Zu faul gewesen und Probleme zuhause gehabt.“ Auf einem Flyer, mit dem für das Projekt geworben wird, steht der Spruch: „Und täglich grüßt das Murmeltier. Jeder Tag ist gleich und dir fällt langsam die Decke auf den Kopf?“.

Ein junger Mann aus der Region Wertingen

Der Spruch bringt die Ausgangssituation der Teilnehmer auf den Punkt. Keiner in der Gruppe hatte ein festes Ziel vor Augen, als das Projekt in Dillingen im Oktober startete. Mittlerweile haben es einige gefunden– Mike startet zum Beispiel ein Praktikum, bei dem er mit Menschen mit Behinderung arbeiten wird. Im sozialen Bereich sieht er seine Zukunft. Arthur hat noch keine Praktikumsstelle in Aussicht. Es habe vor allem daran gelegen, dass er in den vergangenen Monaten viel Zeit für andere aufgewendet habe, und sich nicht um seine eigenen Interessen gekümmert habe, sagt der junge Mann, der aus der Region Wertingen kommt. Das sei ein großer Fehler gewesen.

Wenn ein Teilnehmer Probleme hat und nicht erscheint, rufen ihn nicht nur die Betreuer an. Auch die Jugendlichen untereinander stärken einander den Rücken, sagt Jolanda Palanga. Sie chatten untereinander, motivieren sich, ihre Ziele anzupacken.

Roland Dirr zeigt den Jugendlichen bei „Kette und Kurbel“, was man alles aus und mit Fahrrädern machen kann. Gemeinsam mit ihnen repariert er Fahrräder oder erschafft aus den unbrauchbaren Teilen ganz neue Dinge wie etwa Hocker und Tische. Es mangele vielen Jugendlichen an Selbstvertrauen, sagt Dirr. „Wenn dann jemand kommt und Geld ausgibt für die Arbeitsleistung, die sie erbracht haben, dann ist das für viele ein neues Gefühl.“ In seiner Werkstatt dürfen die Jugendlichen noch Fehler machen, ohne dafür gleich zur Schnecke gemacht zu werden. „Draußen“ in den Büros und Werkstätten der freien Wirtschaft ist das manchmal anders. Neben der Arbeit im Team sollen die Jugendlichen bei „Finde deinen Weg“ vor allem eine Eigenschaft entwickeln: Resilienz. Nicht gleich beim ersten Ungemach alles hinzuschmeißen, sondern sich durchbeißen, weitermachen.

Probleme in Dillingen an der Wurzel packen

Dirr findet, dass die EU mit dem Projekt „Finde deinen Weg“ genau am richtigen Punkt in der Gesellschaft ansetzt. „Jetzt packt man die Probleme an der Wurzel und bringt die jungen Leute konsequent an die Arbeit heran“, sagt Dirr. Das sei viel sinnvoller, als sie zuerst in die Arbeitslosigkeit abrutschen zu lassen und anschließend wieder „einzufangen“. Jeder Euro ist hier seiner Meinung nach gut investiert.

In Dillingengeht werden nach Abschluss des Projekts im Spätsommer noch mindestens zwei weitere Durchgänge von „Finde deinen Weg“ stattfinden. Was danach geschieht, ist noch offen. Bald startet die Suche nach neuen geeigneten Kandidaten für den zweiten Durchgang des Projekts.

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