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Wertingen/Augsburg

03.08.2020

Carbonstäbe sollen alte Bäume retten

Ein Carbonstab, wie ihn Franz Weißgerber auf diesem Foto zeigt und wie er im Hintergrund auch an einem alten Baum angebracht ist, soll helfen, kranke Bäume so zu stabilisieren, damit sie für das Ökosystem erhalten werden können.
Bild: Fridtjof Atterdal

Plus Wissenschaftler haben eine Zweitverwertung für die Flügel von Windkrafträdern gefunden. Künftig soll das Material Naturmonumente schützen. Als Testobjekt sollte eigentlich die Wertinger Napoleonstanne herhalten.

Alte, morsche Bäume sind als Lebensraum für Vögel und Insekten von großer Bedeutung. Doch für Passanten stellen sie oft eine Gefahr dar, weshalb sie in Parks und in der Nähe von Gehwegen gefällt werden müssen. Doch jetzt könnten einige dieser alten Riesen wohl gerettet werden – mittels wiederverwendeter Carbonstäbe aus alten Windkraftanlagen. Augsburgs Umweltreferent Reiner Erben (Grüne) hat einen ersten, so geretteten Baum der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der fast acht Meter hohe Stumpf im Siebentischwald war einmal eine gewaltige Buche und ist rund 80 Jahre alt, wie Baumsachverständiger Andreas Detter sagt. Jetzt beherbergt er nicht nur Insekten, sondern auch eine Bruthöhle für eine Meisenfamilie. „Totes Holz ist nicht tot, sondern wird von allen möglichen Tieren bevölkert“, so Detter. Tiere, für die es sonst sehr schwer sei, geeignete Nistplätze zu finden. Damit der Stumpf stehen bleibt, wurden zwei Carbonstützen im Erdreich verankert und mit Metallbändern am Baum befestigt. Das System sei einfach, preiswert und würde auch bei lebenden Bäumen das Wurzelwerk kaum beeinträchtigen, lobt der Baumsachverständige die Vorrichtung. Das Exoskelett soll mit den Jahren eine Bewitterungsschicht aus Moosen und Flechten bekommen – und dann nahezu unsichtbar sein.

Ursprünglich sollte die Wertinger Napoleonstanne der Prototyp werden

Die Baumrettung mittels recycelter Carbonstäbe haben sich zwei Vordenker aus der Carbonindustrie ausgedacht. Franz Weißgerber, Geschäftsführer der iii-Carbon Weißgerber aus Wallerstein, und Michael Heine, Innovationsmentor für den Branchenverband „Composites United“ und ehemals Professor an der Universität Augsburg. Carbon, so stark wie Stahl aber nur ein Viertel so schwer, wird für die Rotorblätter von Windkraftanlagen genutzt. Das Material sei im Prinzip unzerstörbar – trotzdem werden die Windrotoren nach 20 Jahren Dienst ausgetauscht und geschreddert, berichtete Heine bei der Präsentation. 30000 Tonnen Carbon würden jedes Jahr so entsorgt. Eine Verschwendung, die die beiden Experten zum Nachdenken brachte. Man sei gerade auf der Suche nach einer Zweitverwertung gewesen, als man auf das Problem der alten Bäume aufmerksam wurde, so Heine. Zunächst klopfte man vergeblich bei anderen Städten an, bis Umweltreferent Erben von der Idee hörte und zugriff. „Wir hatten eine gute Idee, aber keine Bäume“, so Carbonfachmann Heine.

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Zunächst war den innovativen Wissenschaftlern die Wertinger Napoleonstanne ins Auge gefallen. Michael Heine kontaktierte die Stadt Wertingen und führte nach eigenen Angaben zunächst auch aussichtsreiche Gespräche. Als Testobjekt wäre der Baum nach Einschätzung des Materialwissenschaftlers nahezu ideal gewesen. Der im 90-Grad-Winkel abstehende Ast, der dann nach oben gewachsen ist, war eine Besonderheit, an der die Forschungen gut hätte anknüpfen können. Heine wollte an dieser natürlichen, statischen Schwachstelle eine Art „Manschette“ aus Carbonverbundstoffen anlegen. Die Forschungsarbeit an der Napoleonstanne hätten seiner Ansicht nach allerhand Erkenntnisse zu Statik, Wettereinwirkung oder anderen Bereichen liefern können. Doch es kam anders, der Stadtrat hielt an dem ursprünglichen Plan der Fällung fest. Aus dem Holz wurden Sitzmöbel gefertigt, die heute an der Anhöhe bei Hohenreichen stehen, ebenso wie die gepflanzte „neue“ Napoleonstanne.

Die langen Stangen sägt Franz Weißgerber in seiner Firma in Wallerstein aus den bis zu 60 Meter großen Flügeln passgenau heraus. Mittlerweile gibt es aber auch ein Stecksystem, um die Länge an die Bäume angleichen zu können. Die in Augsburg verbauten Stützen stammen von einem Windrad im hohen Norden. „Fasern aus Hamburg stützen jetzt Augsburger Bäume“, freut sich Weißgerber.

„Große alte Bäume und historische Baummonumente stellen einen nahezu unersetzlichen Wert für die Artenvielfalt dar“, so Erben. Untersuchungen hätten gezeigt, dass selbst tote Bäume einen lebenden Baum in ihrer Bedeutung als Rückzugsraum für Insekten, Kleinsäuger und Vögel übertreffen können.

Hervorragende Zusammenarbeit von Wissenschaft und Verwaltung

Erben sprach von einer hervorragenden Zusammenarbeit von Wissenschaft, Verwaltung, Praxis und Unternehmen bei diesem Projekt. So habe vor dem ersten Feldversuch Baumgutachter Detter die Stangen auf ihre Tauglichkeit geprüft und getestet, inwieweit sie bei lebenden Bäumen negative Auswirkungen haben könnten. Mit Hilfe einer Spezialsoftware errechnete er die Spitzenlasten, die etwa aus der dynamischen Windeinwirkung bei einem Baum bei Sturm entstehen können, um die Stärke der Stützen entsprechend anzupassen.

Das Fundament für die Carbonstützen hat Baumfachmann Robert Dettenrieder vom Amt für Grünordnung aus Mineralbeton angefertigt – es reicht im Fall der alten Buche rund zwei Meter in den Boden. Erben betonte, die Stützen könnten erst die zweite Variante beim Baumschutz sein. Vorrangig gehe es darum, die Wurzeln und die Gesundheit der Bäume zu erhalten, damit sie erst gar nicht in einen gefährdeten Zustand kämen. Carbonstützen sollen nur in Einzelfällen zum Einsatz kommen.

Mit den Stützen könne ein Baum noch einmal 20 bis 30 Jahre stehen, bevor er endgültig in sich zusammenfalle, betonte Baumexperte Detter. Nachgeben wird in diesem Fall das Holz – die Carbonstäbe dürften dann immer noch fast unverändert stehen. (mit br)

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