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02.10.2009

DDR-Ausreise: Für gehörlosen Robby eine bessere Zukunft gesucht

Holzheim/Violau Karin und Manfred Oelsner wissen freie Meinungsäußerungen zu schätzen und das Recht der freien Wahl. Die Holzheimer genießen das Leben "im Westen". Das Ehepaar und die drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge, stammen aus Chemnitz, das in der ehemaligen DDR noch Karl-Marx-Stadt hieß. Nach dem Mauerfall vor 20 Jahren haben sie ihre alte Heimat verlassen. Warum? Neben den alltäglichen Unwägbarkeiten war der Hauptgrund dafür ihr Sohn Robby. Noch Baby, erkannte man bei ihm eine Gehirnhautentzündung zu spät, die Folgen waren Lernschwäche und Taubheit.

"Die einzige Schule in der DDR für gehörlose Lernbehinderte gab es in Eberswalde, wir aber wohnten in Chemnitz", sagt Karin Oelsner. Zuvor war Robby in einem normalen Gehörloseninternat in Leipzig untergebracht. Dort ging es ihm allerdings nicht gut. Hänseleien und Drangsal waren für den Buben an der Tagesordnung. So kam es, dass die Familie 1988 nach Eberswalde zog, um das Kind wenigstens nach der Schule nach Hause holen zu können. Mangels Wohnraumangeboten war das aber nicht so einfach: "Wir konnten schließlich mit einem Ehepaar tauschen", berichtet die Holzheimerin.

Zu dieser Zeit begannen bereits die sogenannten Montagsdemos und laut geäußerten Proteste der Menschen im SED-Staat. Auch die Oelsners trauten sich, ihren Missmut kundzutun.

Doch alles half nicht darüber hinweg, dass die Zustände an der Hilfsschule katastrophal waren. "Wir wussten, es wird sich nichts ändern und wir bekommen von niemandem Hilfe", sagt die Mutter. Die Oelsners wandten sich ans DDR-Fernsehen, an den Stadtrat, an die Schulleitung. Alles, um es für Robby leichter zu machen. Der Erfolg blieb aus und so stellten sie im August 1989 einen Ausreiseantrag.

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Im Westen waren die Aussichten für ihren Sohn um ein Vielfaches besser. "Wir hatten schon Angst, denn ich war bereits in den 70er Jahren wegen Republikflucht ein paar Jahre inhaftiert", so Manfred Oelsner. Auch die Sorge, man könnte die Kinder wegnehmen, die Familie trennen, war groß. Am 30. Oktober 1989 erreichte sie die Genehmigung ihres "Antrags auf ständige Ausreise".

Zu der Zeit überschlugen sich die Ereignisse. Berichte von Flüchtlingen über Ungarn und der damaligen Tschechoslowakei häuften sich, dann fiel die Mauer. "Der DDR-Staat mit all' seinen Gesetzen existierte ja trotzdem noch, wir wussten nicht, was tun", erinnert sich das Paar. Hals über Kopf alles liegen und stehen lassen oder das weitere Prozedere der Ausreisevorschriften abwarten?

Wieder war es der Sohn, der sie diesmal abwarten ließ. Am 17. November 1989 war es dann doch so weit. 300 Kilo Hausrat waren bei einem Treuhänder deponiert, mehr durften sie nicht mitnehmen, fünf gepackte Koffer standen bereit. Mit Tränen in den Augen berichtet Karin Oelsner vom Abschied von ihrer Mutter. "Ich dachte damals, sie siehst du in diesem Leben nicht mehr!"

An diesem Freitag überquerten sie die "Grenze" mit dem Zug in Richtung Hof. Der Bundesgrenzschutz schickte sie weiter nach Bayreuth. Ihre dritte Station war ein Übersiedlerheim in Augsburg. Karin Oelsner erinnert sich mit Schrecken an die vier Tage, wo sie zeitweise zu zehnt in einer kleinen Kammer hausten. Tagsüber warteten sie vor einer Bürotür, um in Erfahrung zu bringen, wohin sie als nächstes kamen. "Das katholische Schullandheim in Violau war für uns wie ein Märchenschloss, dort ging es uns dann gut", schwärmen sie noch heute. Betreut vom damaligen Heimleiter Martin Mayer, bekamen sie ihre Pässe, wussten den Sohn in der Gehörlosenschule in Dillingen gut versorgt. "Endlich war es so, wie ich es mir immer für ihn gewünscht habe", sagt Karin Oelsner: "Mit zwei Frauen aus Dillingen, die uns auch sehr geholfen haben, sind wir bis heute in regelmäßigem Kontakt." Seit Januar 1990 wohnen die Oelsners in Holzheim, haben Arbeit gefunden. Die Töchter sind verheiratet, Manfred und Karin Oelsner haben Enkelkinder. "Wir haben viel riskiert, doch wir sind belohnt worden. Unsere Heimat ist jetzt hier, wir gehören hierher." "Wochennotiz

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