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Kulturtage

01.10.2019

Das Hohelied auf die Menschlichkeit

Harald Grill als engagierter Erzähler und der Lauterbacher Dreigesang als aufmerksame Zuhörer.
Bild: Franz Käsinger

Der „Bayerwald-Poet“ Harald Grill und seine eindrucksvolle literarisch-musikalische Reise durch den Balkan

„Je länger ich unterwegs bin, desto mehr wird mir der Weg zur Heimat“. So lautet das Credo des Schriftstellers und Reisephilosophen Harald Grill aus dem Bayerischen Wald. Über zwei Stunden lang erzählt und schwärmt der „Bayerwald-Poet“ von Menschen und Landschaften, die er bei seinem viermonatigen Streifzug durch den Balkan kennen- und schätzen gelernt hat. Nicht umsonst trägt sein umfangreiches Reisetagebuch den Titel „Hinter drei Sonnenaufgängen“, denn so lange braucht er mit seinem schrottreifen Auto, bis er von seinem Heimatort Wald aus über Österreich und Ungarn die rumänische Grenze erreicht.

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„Räuber, Diebe, Mörder – was willst du dort?“, haben sie ihn daheim gefragt. Er glaubt nicht den dumpfen Klischees, die über die vielen Ethnien in Bulgarien und Rumänien kursieren. Er will mehr wissen, will den Menschen in den Balkanländern von Angesicht zu Angesicht begegnen und seine eigene Wahrnehmung schärfen. So kurz entschlossen er seinen Rucksack samt Wanderschuhen, Aufnahmegerät und Mikro in sein Auto packt, so rigoros verzichtet er auch auf gängige Reiseführer und ein funktionierendes „Navy“ und orientiert sich lieber an Flüssen wie der Donau oder der Mieresch, die ihn auf Umwegen und über holperige Straßen zur ersten Zieladresse, dem Gästehaus der Roswitha Csonti, führen. Seine erste Begegnung mit „Donauschwaben“ wird zur Blaupause für viele weitere mit Menschen im Banat, in Siebenbürgen, im Donaudelta oder in der Walachei.

Ihn faszinieren der „schwobische“ Dialekt und die Offenheit der multikulturellen Gesellschaft, die in der Stadt Temeschwar mit knapp 300000 Einwohnern zu drei Staatstheatern geführt hat: einem rumänischem, einem ungarischen und einem deutschen. Allein in Rumänien gibt es 20 anerkannte Minderheiten, die ohne größere Konflikte Tür an Tür leben, weiß er begeistert zu berichten. Und alle genießen weitreichende Sonderrechte, vor allem auf die eigene Sprache und Kultur.

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Er lernt volkstümliche Traditionen wie das „Frühstückbringen“ an Maria Himmelfahrt kennen, begegnet fünf Dachdeckern, die vier unterschiedliche Sprachen sprechen, aber gemeinsam ihr Handwerk können, und ist fasziniert vom Donaudurchbruch „Eisernes Tor“, das er trotz Erdrutsch glücklich durchfahren kann. Er macht sich auf die Spuren der deutschen Nobelpreisträger Herta Müller und Elias Canetti, lernt immer wieder Menschen kennen, die sich für ihre deutsche Sprache und Kultur einsetzen und staunt über die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, deren Gemütslage oft zwischen Fröhlichkeit und Melancholie schwankt.

Diese charakteristische Stimmung der „Donauschwaben“ nehmen Johanna Wech, Ulrike Heindl und Marlies Landherr vom Lauterbacher Dreigesang in ihren Liedern auf, die aus Sathmar, Südmähren und Siebenbürgen stammen. Schon ihr Eingangslied „Die Donau fließt“ schildert die Sehnsucht nach der Heimat und dem Liebsten, der versprochen hat, sie als sein Weib zu holen. Auch in den Liedern „Nun leb wohl, du schöne Stadt“ und „Ich hab amal einen Schatz gehabt“ schwingt die Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit mit. Dass die Lieder der Donauschwaben auch andere Ethnien auf die Schippe nehmen und durchaus mal ohne Melancholie auskommen können, beweisen die drei Sängerinnen mit „Drei Zigeuner fand ich einmal“, die ihre Freiheit lieben, ihre Tage vergeigen und verschlafen und „das Leben dreimal verachten“. Die knapp 100 Zuhörer sind begeistert über die klaren und einfühlsamen Stimmen des Trios, die gekonnt und mit natürlichem Charme die Stimmungen und Bilder aufnehmen, die Harald Grill als engagierter Erzähler und beeindruckenden Leser entstehen lässt.

Eindringlich und mit ehrlicher Betroffenheit beschreibt Grill auch die archaischen und ärmlichen Verhältnisse in den abgelegenen Dörfern und Glasscherbenviertel der Städte. Leidtragende sind vor allem die Kinder, deren Eltern in Deutschland oder anderen europäischen Staaten arbeiten und sie allein zu Hause gelassen haben, bei den Großeltern, Verwandten oder älteren Geschwistern. Auch gegen aufkommenden Nationalismus und Populismus sind beide EU-Staaten nicht gefeit, auch nicht gegen Korruption und „Vetterleswirtschaft“. „Blätter fallen bunt von allen Bäumen“ ist das musikalische Signal des Dreigesangs für das Ende eines Abends, der viele bunte Bilder in den Köpfen der Zuhörer entstehen ließ.

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