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Wertingen

25.05.2015

Das Sterben gehört zum Leben

„Wo ist mein Platz? Wo kann ich mich einbringen?“ Diese Fragen stellt sich Monika Rößle.
Bild: Birgit Hassan

Die Zusamtalerin Monika Rößle führt seit einem halben Jahr die Hospizgruppe. Und sie hat gleich mehrere Gründe zur Freude.

„Ich bin ein Lebemensch, gerne in Aktion und unterwegs.“ So beschreibt sich Monika Rößle in wenigen Worten selbst. In ein paar Wochen wird sie ihr erstes Kind entbinden. Die 33-Jährige freut sich des Lebens, an der grünen Natur und den blühenden Blumen. Sie sieht die Gänseblümchen und hört einen Vogel im Baum zwitschern. Und sie erinnert sich, wie sie so ein Blümchen das letzte Mal einem sterbenden Menschen mitgebracht hat. Wie der Mann sich mit ihr gemeinsam an dem Gezwitscher vor dem Fenster erfreute. Wie er von seiner Jugend erzählte, „echte Schätze“ mit ihr teilte, sie ganz nah an sich herangelassen hat.

Monika Rößle geht sehr achtsam mit Menschen um, die sich ihr öffnen, die sie am Ende ihres Lebens an ihrem inneren Geschehen teilhaben lassen. Ebenso achtsam hat sie auf sich selbst zu schauen. Das weiß sie aus langjähriger Erfahrung in einem helfenden Beruf. Daher macht die 33-jährige Schwangere derzeit Pause, überlässt die persönliche Sterbebegleitung den anderen. Sie selbst sitzt noch regelmäßig am Telefon, koordiniert, organisiert und führt die Hospizgruppe Wertingen-Höchstädt.

Mit 33 Jahren gehört Monika Rößle zu den Jüngsten in dem ökumenischen Verein. Ihre Eltern hatten sich schon immer ehrenamtlich engagiert. „Sie lebten mir das vor und prägten mich.“ So steckte sie zunächst ihre Energie in Pfarrjugend und Wasserwacht. Bis die Jugendzeit irgendwann vorbei war. Nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin bei den Dillinger Franziskanerinnen zieht es die Wertingerin nach München. Sie arbeitet in der Jugendhilfe der Stadt München und bildet sich nebenbei weiter, zur systemischen Familientherapeutin, Heilpraktikerin und Psychotherapeutin. „Mitte 20“ kehrt Monika Rößle zurück in ihre Heimat – mit vielen Erfahrungen und der Erkenntnis, dass sie nicht der Großstadtmensch ist, wie sie dachte. Entsprechend ihrer Zusatzausbildungen beginnt sie, mit psychisch- und Suchtkranken zu arbeiten sowie mit Menschen mit Behinderung.

Und sie lebt wieder in der Zusamstadt. „Wo ist mein Platz, wo kann ich mich einbringen?“ Diese Frage stellt sich die junge Frau in dieser Zeit immer wieder – bis sie 2011 liest, dass die Hospizgruppe einen Helferkurs anbietet. Hier ist sie mit Abstand die Jüngste. „Es hat mir gefallen.“ Monika Rößle sucht nach passenderen Worten. „Die Hospizhilfe hat mich sehr angesprochen.“

Mit Sterbenden hatte sie bisher nicht viel zu tun, das Sterben nie hautnah miterlebt. Nach dem Kurs will sie wissen, ob und wie sie mit dem Tod umgehen kann, macht ein Praktikum in der St.-Vinzenz-Hospiz in Augsburg. „Ich kam in ein sehr warmes und offenes Haus und fühlte mich tief berührt.“ Mit Hospizhelfern geht sie in den ambulanten Dienst, wird sofort ins „kalte Wasser“ geworfen, sitzt allein bei Sterbenden – einem Mann, der nichts mehr zu sagen hat, und einer Frau, die irgendwann sanft einschläft. Monika Rößle wundert sich, wie sie keinerlei Angst spürt. „Vielmehr hatte ich das Gefühl, wenn es jetzt soweit ist, ist es gut, wenn ich da bin.“ Die Begegnungen vermitteln ihr Sicherheit. Sie beginnt, Menschen in der Region Wertingen zu begleiten und setzt sich intensiv mit der Frage auseinander, ob sie den Vorsitz des Vereins übernehmen will. „Mir war wichtig, dass der Verein am Leben bleibt.“

Inzwischen hatte Monika Rößle eine weitere wertvolle Erfahrung machen dürfen, den eigenen Großvater in seiner letzten Lebensphase intensiv begleitet. Die 33-Jährige empfindet es als „wertvolles Geschenk, dass er uns so hat teilhaben lassen“. Das macht für sie Gemeinschaft aus: „Dass wir Menschen nicht nur bei Hochzeiten und schönen Festen begleiten, sondern auch im Sterben.“

Gleichzeitig versteht sie, wenn Familien nicht die Zeit und Kraft finden für eine letzte Begleitung. „Dafür sind wir da.“ Ende 2014 hat die noch junge Frau dann den Vorsitz der Hospizgruppe Wertingen-Höchstädt übernommen und frischen Wind in den traditionsreichen Verein gebracht. „Unseren Schwerpunkt können wir nicht verlegen, vielleicht aber manchen Blickwinkel“, sagt sie zuversichtlich. So verbrachte Monika Rößle den gestrigen Vormittag am Wertinger Gymnasium – im Gespräch mit Zehntklässlern. „Wertingen muss uns wahrnehmen, wir sind ein Teil von Wertingen.“ Gute Schulungen, Supervision und öffentliche Vorträge sind ihr ein wichtiges Anliegen – und die Offenheit, alle Menschen so zu nehmen, wie sie sind.

Im Moment nimmt sie die Zeit ihres Mutterschutzes als Möglichkeit, das Delegieren zu lernen. „Ich möchte meine Aufgabe mit Engagement machen und gleichzeitig noch mein eigenes Leben leben.“

Sie freut sich auf die Geburt ihres Kindes im Juli. „Die gehört zum Lebenszyklus – ebenso wie das Sterben.“

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