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Nostalgie

14.10.2017

Das Straßenbahn-Paradies von Unterglauheim

Er wacht über die Straßenbahnen in Unterglauheim: Ralf Wolfgang Wäschle ist Vorsitzender der Münchner Trambahngesellschaft. Der Klavierlehrer, der in Hannover arbeitet, fährt in seinen Ferien ins Donautal, um sich um die historischen Bahnen zu kümmern. In Zukunft will er auf dem Gelände regelmäßig Besucher empfangen und in den Straßenbahnen mitfahren lassen.
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Er wacht über die Straßenbahnen in Unterglauheim: Ralf Wolfgang Wäschle ist Vorsitzender der Münchner Trambahngesellschaft. Der Klavierlehrer, der in Hannover arbeitet, fährt in seinen Ferien ins Donautal, um sich um die historischen Bahnen zu kümmern. In Zukunft will er auf dem Gelände regelmäßig Besucher empfangen und in den Straßenbahnen mitfahren lassen.

Versteckt im Industriegebiet stehen mehr als 20 historische Trambahnen aus München, Dortmund und Duisburg. Der Klavierlehrer Ralf Wolfgang Wäschle hält die Wagen in seiner Freizeit instand.

Ralf Wolfgang Wäschle fährt diesmal die Linie 26. Das Ziel: Der Harras, ein belebter Platz im Süden Münchens, mit U- und S-Bahnanschluss, so steht es auf der Anzeige über der Fahrerkabine, in der Wäschle sitzt. Er bewegt den Knüppel in seiner linken Hand behutsam nach vorne, und die Straßenbahn rollt an. Es knarzt und ruckelt, aber Wäschle hat seinen Spaß. „Nächster Halt Stachus“, nuschelt er in das Mikrofon neben sich, und aus den Lautsprechern der Tram hört er sich an wie ein gestresster Straßenbahnfahrer im Münchner Berufsverkehr.

Nur: Der Waggon mit der verbleichten weiß-blauen Farbe rollt nicht durch die Straßen der Landeshauptstadt, sondern durch das Industriegebiet in Unterglauheim. Unweit des Bahnhaltes von Blindheim erstreckt sich etwas versteckt ein Paradies für Tram-Nostalgiker. 20 ausgemusterte Straßenbahnen des Vereins Münchner Trambahngesellschaft stehen hier, dazu historische Bahnen aus Dortmund und Duisburg. Die meisten stammen aus den 50er- und 60er-Jahren, die älteste sogar aus den 20ern. Sie stehen auf originalen Gleis- und Weichenanlagen. Selbst ein Schild „Vorsicht Tram“ sicherte sich der Verein aus dem Fundus der Münchner Verkehrsbetriebe.

Wäschle – zerzauste graue Haare, Blaumann, ruhige Stimme – wacht über das Gelände. Für den Münchner sind die Straßenbahnen eine Herzensangelegenheit. „Mit ihnen bin ich aufgewachsen“, sagt der 59-Jährige. Ende der 90er-Jahre entschieden er und sein Verein sich dafür, die Trams vor der Verschrottung oder dem Export nach Rumänien zu retten. Für jeweils 3000 Euro kauften die Straßenbahnfreunde die Wagen mit mehreren Millionen Kilometern Laufleistung – und brachten sie nach Unterglauheim. „Hier gab es ein Grundstück mit optimaler Lage“, sagt Wäschle. Der Bahnhof liegt direkt nebenan und in der Nachbarschaft wohnt niemand, der sich über den Lärm beschweren könnte. „Außerdem ist das Donautal ja auch landschaftlich schön.“

Wäschle kümmert sich um die Straßenbahnen, hält die historische Technik instand. Das Wissen dafür hat er sich selbst angeeignet. Von Beruf ist er eigentlich Klavierlehrer, unterrichtet an der Musikschule Hannover. Sobald er Ferien hat, nimmt er die Reise in den Süden auf sich. Urlaub? Braucht er nicht. „Die Straßenbahnen sind für mich Urlaub“, sagt er.

Deshalb hat er auch kein Problem, während seiner Zeit in Unterglauheim in einer Tram zu wohnen. In einen Wagen hat er Bett und Heizung eingebaut, dazu ein Campingkocher – fertig ist die Unterkunft. Werkelt er mal nicht, radelt und wandert er gerne durchs Donautal. Noch lebt das Projekt von privaten Mitteln. Das soll sich ändern. Wäschle, Vorsitzender des Tram-Vereins mit sechs Mitgliedern, wünscht sich, dass er sich „in absehbarer Zeit“ selbst trägt. Die ersten Schritte dafür sind getan. Mittlerweile kommt der Strom, mit dem die Straßenbahnen fahren, nicht mehr von einem Dieselgenerator, sondern durch eine Photovoltaikanlage auf dem Dach einer Straßenbahn. Im Inneren, also dort, wo sich einst Fahrgäste Sitz an Sitz drängten, steht jetzt ein Akku neben dem anderen, um die Solarenergie zu speichern. Und in Zukunft soll aus dem über 8000 Quadratmeter großen Gelände ein Museum werden. Derzeit kommen nur hin und wieder Besucher: Tramliebhaber oder etwa Fotografiekurse – die Szenerie mit den altehrwürdigen Fahrzeugen bietet außergewöhnliche Motive. Künftig sollen mehr Besucher nach Unterglauheim gelockt werden. Für den Museumsbetrieb braucht es erst die passenden Rahmenbedingungen. Kürzlich erhielt das Grundstück einen Frischwasseranschluss, ein befestigter Weg und eine Toilettenanlage sollen folgen.

Auch soll es einmal möglich sein, mit einer Straßenbahn im Rundkurs um das Gelände fahren zu können, und nicht wie bisher lediglich eine Kurve von 200 Meter. „In ein bis zwei Jahren kann ich hier vielleicht Besucher empfangen“, sagt Wäschle. Und sie dann mit der Linie 26 zum Harras mitnehmen.

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