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Günzburg

29.05.2015

Das düsterste Kapitel des BKH: Auf die Patienten wartete der Tod

100 Jahre Bezirkskrankenhaus BKH Günzburg: Ein Anlass auch die dunkle Seite der Klinik zu betrachten.
Bild: Bernhard Weizenegger

Das Bezirkskrankenhaus in Günzburg wird 100 Jahre alt. Zu diesem Anlass arbeitet die Klinik das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte weiter auf.

Das Thema war ein Tabu. Und ein lange gut gehütetes Geheimnis. Die Antwort auf die Frage nämlich: Was ist während der Nazizeit hinter den Mauern der Heil- und Pflegeanstalt Günzburg, dem heutigen Bezirkskrankenhaus , geschehen? Jüngere Forschungen belegen: Auch von Günzburg aus wurden psychisch Kranke und geistig Behinderte in Tötungsanstalten deportiert, andere ließ man in der Anstalt verhungern, sie wurden zwangssterilisiert oder zu „Forschungszwecken“ missbraucht. Den Verantwortlichen, etwa dem seinerzeitigen Direktor und dem Verwaltungsleiter, hat das nicht geschadet. Sie waren auch nach dem Krieg noch in Amt und Würden.

Zum 100. Geburtstag des BKH denkt man auch an die düstere Seite

In diesem Jahr wird der 100. Geburtstag des Bezirkskrankenhauses (BKH) begangen. Eigentlich ein Grund zum Feiern. Was auch geschieht. Allerdings haben die Verantwortlichen beschlossen, auch die düstere Seite der Klinik öffentlich aufzuarbeiten – in einem jüngst erschienenen Buch und bei einem wissenschaftlichen Symposium mit namhaften Referenten am Donnerstagnachmittag.

Belegt sind die Namen von 394 Patienten, die von Günzburg aus in Tötungsanstalten deportiert und dort umgebracht wurden. Nachgewiesen sind auch die Namen von 366 Männern und Frauen, die schon ab 1934 zwangssterilisiert wurden. Doch vieles ist noch immer nicht erforscht. Wie viele Menschen wurden vor allem während des Krieges heimlich zu Tode gespritzt, wie viele ließ man verhungern, wie viele starben, indem ihnen eine Pflege vorenthalten wurde? Der Medizinhistoriker Prof. Florian Steger (Halle) hat in den Archiven des BKH geforscht. Widerstand gegen die Vernichtung „unwerten Lebens“ habe es in Günzburg offenbar nicht gegeben – weder bei Ärzten, Pflegepersonal noch der Bevölkerung.

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"Aktion T4": 70.000 Menschen wurden ermordet

Auch nach dem Krieg, so die Historikerin Dr. Felicitas Söhner (Ulm/Günzburg), wurde versucht, die Verbrechen unter Verschluss zu halten. Mit Erfolg. Der seinerzeitige Direktor Dr. Albert Sighart blieb bis 1952 im Amt, Verwaltungsleiter Ludwig Trieb kehrte 1947 an seine Wirkungsstätte zurück, bis zur Pensionierung 1967. Trieb war einer der Organisatoren des Euthanasieprogramms „Aktion T4“. Von Berlin aus wurde reichsweit die Vernichtung „unwerten Lebens“ ins Werk gesetzt. Zwischen 1939 und 1941 wurden etwa 70 000 Menschen im Rahmen von T4 ermordet.

Im Zuge weiterer Programme wurden 250 000 bis 300 000 psychisch Kranke, Behinderte oder Angehörige „sozialer Randgruppen“ umgebracht. Ludwig Trieb hat sich in hohem Maße schuldig gemacht. Gesühnt wurden seine Untaten nicht. In einem ersten Entnazifizierungsverfahren wurde er als „Mitläufer“ eingestuft, in einem Berufungsverfahren als „Entlasteter“. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen ihn wurden eingestellt. Wie war das möglich? „Trieb war gut vernetzt“, sagte Felicitas Söhner. Er kannte einflussreiche Politiker und Wirtschaftskapitäne.

Die Hälfte der Mediziner gehörten zur NSDAP, SS oder SA

Mit mehreren Legenden und Mythen räumte der Medizinhistoriker Prof. Volker Roelcke (Gießen) auf. Etwa die Zwangssterilisierung von „Erbkranken“ sei keine Erfindung von Hitler oder Himmler gewesen. Sie war von Ärzten, Psychiatern und anderen Rassehygienikern schon weit vor 1933 im Sinne eines „gesunden Volkskörpers“ propagiert worden. Umgesetzt wurden die Nazi-Programme auch nicht nur von einigen wenigen Ärzten und Psychiatern. „Es war ein ganzes System“. Mindestens die Hälfte der deutschen Mediziner habe der NSDAP, der SS oder der SA angehört, mehr als etwa bei Juristen oder Lehrern.

Dabei sei niemand gezwungen gewesen, sich an den Untaten zu beteiligen, wie nach dem Krieg oft behauptet. „Die Ärzte hatten Spielräume.“ Genutzt haben sie viele nicht. In der Regel folgenlos. Die meisten Zwangssterilisationen in Günzburg hatte der einheimische Arzt Dr. Wilhelm Schlaegel vorgenommen. Seinen Tod 1950 hatte das Bayerische Ärzteblatt in einem Nachruf „aufs Tiefste“ bedauert. Stand er doch „in höchstem Ansehen“.

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