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Nachlass in Lauterbach

30.03.2018

Das große Erbe eines schwäbischen Kleinbauern

Alois Sailer und seine verstorbene Frau Martha: Sie hinterlassen den Zusamtalern ein reiches Erbe. Dazu gehört auch ein Buch über Martha Sailers Klosterarbeiten, das jetzt in zweiter Auflage erschienen ist.

Martha (†) und Alois Sailer führten ein besonderes Leben. Was sie hinterlassen, soll den Zusamtalern erhalten bleiben.

Ihre Kaffeetasse steht auf dem Tisch, so als würde sie jederzeit hier Platz nehmen können. Daneben liebevoll in einer Vase drapiert ein Strauß Märzenbecher. Alois Sailer nimmt Platz, da wo seine Martha immer ihren Nachmittagskaffee getrunken hat. An seine geliebte Frau, gestorben 2008, erinnert das gerahmte Foto, das ihre Stelle jetzt einnehmen muss und Trost spendet. Auch nach zehn Jahren trauert der Kreisheimatpfleger noch um seine Frau, die ihm ein reiches Vermächtnis hinterlassen hat, das nun wieder an Aktualität gewinnt.

Martha Sailer und ihrer in seltener Vollendung praktizierten Kunst der Klosterarbeiten ist ein Buch gewidmet, das nun im Anton H. Konrad Verlag in zweiter Auflage erschienen ist. „So beten Hände – Ein Gedenkbuch“ hat Alois Sailer, von dem die Texte stammen, über hundert Seiten die Arbeiten seiner Frau dokumentiert und erklärt und die Fülle dieser Kunst somit wie in einem Lehrbuch weitergegeben an Jene, denen Martha Sailer sie nicht mehr erklären konnte. Zu ihren Lebzeiten hat die Künstlerin, die sich dieses unglaublich grazile Handwerk selbst erarbeitet hat, ihre Kenntnisse anderen in vielen Kursen vermittelt.

Martha Sailer betrieb Forschung, holte sich bei wenigen Klosterschwestern, die diese meditative Handarbeit noch betrieben, Rat und hielt die einzelnen Schritte der Arbeiten in Skizzen und schriftlichen Anleitungen fest. Damit schuf sie sich zu Lebzeiten wie nach ihrem Tod eine große Fangemeinde – die erste Auflage des Buches, das Alois Sailer nach ihren Tod verfasste, angereichert mit Fotografien von Joachim Feist, war rasch vergriffen.

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Was bleibt vom umfangreichen Schaffen einer in dieser Hinsicht außergewöhnlich begabten und beseelten Frau? Alois Sailer führt durch seine Stube im schwäbischen Anwesen in Lauterbach, in dem er geboren ist. Überall finden sich hier in reicher Fülle die Arbeiten von Martha Sailer. Klosterkunst – gefatschte Jesuskinder, kostbare Reliquienfassungen und Altartafeln, Wachsfiguren, Stickereien, Mariensträuße und Wettersegen. Arbeiten, die mit tiefer Frömmigkeit und handwerklichem Geschick entstanden sind, wie es Dr. Hans Frei, früherer Bezirksheimatpfleger, in seinem Vorwort für das Buch beschreibt. „Martha Sailer war eine Meisterin der religiösen Kleinkunst. Im Umgang mit den kostbaren Objekten hat sie ihr Können ständig verfeinert und verbessert, so dass man ihr hochwertige und seltene Objekte wie das Krönlein des Jesuskindes von Kloster Holzen, Andachtsbilder oder Mariensträuße anvertraut hat,“ würdigt Frei die Arbeiten von Martha Sailer.

Ihr Lebenswerk ist im Anwesen Sailer aufbewahrt, wie viele andere Relikte schwäbischer Vergangenheit auch. Alois Sailer lebt und arbeitet in den Räumen, die noch immer so sind, wie es schwäbischer Tradition entspricht. Im Leben wie im Arbeiten zeigt Sailer die Einfachheit und Beständigkeit der schwäbisch-bäuerlichen Kultur auf und vermittelt ihre Werte. Das große Anliegen des 82-Jährigen ist es, diese der Nachwelt aufzuzeigen, seinen enormen Wissensschatz und seine umfangreichen Sammlungen geordnet zu hinterlassen.

Deshalb nimmt das Anwesen Sailer, eine frühere Landwirtschaft, derzeit immer mehr die Züge eines Museums an. Bestens eignet sich hier der einstige Kuhstall, in dem Sailer die Utensilien der schwäbischen Volkskultur ordnet, die er in all den Jahren zusammengetragen hat. Mit Hilfe seines Nachbarn, der ihm Schaukästen gezimmert hat, ordnet Sailer seine Schätze und beschriftet sie, um sie künftig der Nachwelt zugänglich zu machen. In Zusammenarbeit mit den Fachbehörden plant Alois Sailer, dass sein Nachlass und der seiner Frau einmal in eine Alois und Martha Sailer-Stiftung übergeht. „Mein Erbe soll hier im Ort bleiben“, kündigt Sailer an, auch wenn schon große bayerische Staatssammlungen ein Auge darauf geworfen hätten. Sailer will, dass seine Schätze und vor allem sein damit zusammenhängendes enormes Wissen den Zusamtalern zugute kommt.

Nicht zuletzt auch sein umfangreiches literarisches Werk, das ebenso im Anton H. Konrad Verlag erschienen ist und den Charakter des Zusamtals und seiner Menschen beschreibt. Alois Sailer ist ein kleiner schwäbischer Bauer, aber auch ein kritischer Geist und großer schwäbischer Literat, der in Fachkreisen hoch angesehen ist. Davon zeugt eine besondere Auszeichnung, die dem Lauterbacher am 16. April übergeben wird. In der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz verleiht das Bayerische Kultusministerium dem Lauterbacher den Bayerischen Dialektpreis 2018. Alois Sailer fühlt sich geehrt, setzt aber gleich nach: „Auszeichnungen, wenn man die bekommt, das ist eine Alterserscheinung.“

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