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Ehrenamt

12.02.2018

Das passiert, wenn etwas passiert

Viel Betrieb beim Nachtumzug bedeutet auch viel Betrieb auf der Sanitätsstation. 
2 Bilder
Viel Betrieb beim Nachtumzug bedeutet auch viel Betrieb auf der Sanitätsstation. 
Bild: Jakob Stadler

Mit dem Roten Kreuz auf dem Dillinger Nachtumzug

Kratzer, Alkoholvergiftungen, Knochenbrüche: der Dillinger Nachtumzug aus der Sicht der Sanitäter

Vor der Tür wartet ein Mann, verkleidet als Hund. Mit besorgtem Blick hält er ein Straußenkostüm in den Armen. Der lange Vogelhals hängt nach unten. Der Mann wartet auf einen Freund, der behandelt wird. Währenddessen tragen Sanitäter einen Mönch in die Station. Seine Kutte ist verdreckt. Die Jeans, die unter dem Kostüm hervorblitzt, ist am Bein aufgeschnitten. Das waren Sanitäter, die sein Knie verbunden haben. Jetzt sieht sich ein Arzt die Wunde an, und entscheidet, wie es weitergeht.

Die Ehrenamtlichen in der Station des Roten Kreuzes wussten, was hier los sein würde, bei ihrem Einsatz während des Dillinger Nachtumzuges. „Das ist nichts Unnormales“, sagt Ulrich Dollinger, der die zwölf Helfer, darunter drei Ärzte, als Abschnittsleiter koordiniert. Ein Kollege hat ihn eben gebeten: „Gibst du mir mal die Protokolle zum Kiefer?“ Einige Patienten tauchen später im Polizeibericht auf (siehe Artikel unten). Gleich darauf kündigt Blaulicht den nächsten Krankenwagen an. Ein Sanitäter mit Bob-Marley-Perücke dirigiert ihn vor dem Gebäude, das eigentlich ein Stützpunkt der Wasserwacht ist.

Eine Tür weiter, im Aufenthaltsraum, kühlen drei Familienpizzen aus. Die haben die Freiwilligen gegen 8 Uhr bestellt, als es noch ruhig war. Eine Stunde später hat keiner Zeit, etwas zu essen. „Alles, was ein bisschen Liegedauer hat, kommt hierher“, erklärt Dollinger. Seine Station besteht aus zwei Räumen. Im ersten sind vier Liegen aufgebaut, hier werden die Patienten untersucht. Über dem Durchgang zum zweiten Raum steht „Betreutes Wohnen“.

Dort warten vier weitere Liegen. Es riecht leicht nach Erbrochenem. Der Bereich ist vor allem für Patienten, die sich ausschlafen müssen. Unter Beobachtung. Einem Jugendlichen haben die Ärzte eine Infusion gelegt. „Viele Fälle sind natürlich die Überdosierung von Alkohol“, sagt Dollinger. Tags darauf belegen das die Zahlen. Etwa die Hälfte der 65 Versorgungen haben mit Alkohol oder anderen Drogen zu tun. Zu den Versorgungen zählen sowohl die Fälle in der Sanitätsstation als auch ambulante Hilfen. Die Zahl ist höher als 2017. Da waren es 44 in der kompletten Nacht.

500 Meter entfernt steht Matthias Vogg, Abschnittsleiter am Festplatz. Seine Helfer bringen die Patienten, denen sie nicht vor Ort helfen können, zum Eichwaldbad. Vor ein paar Jahren wurden diese noch am Festplatz behandelt. Doch am Wasserwacht-Stützpunkt gibt es Licht und Ruhe. Als der nächste Umzugswagen mit aufgedrehten Boxen vor dem Zaun hält, hinter dem Vogg und die anderen Ehrenamtlichen warten, brüllt er: „Der ganz normale Faschingswahnsinn.“ Von allen Seiten wummern Bässe. Ein Scheinwerfer auf einem Einsatzfahrzeug erhellt den Bereich. Gerade standen vor Vogg noch drei Krankenwägen, jetzt ist es noch einer. „Das variiert“, ruft er. Mal sei eine Weile Ruhe, mal kommen viele Einsätze auf einmal. „Der Reiz des Unbekannten.“ Es ist Voggs 25. Jahr beim Nachtumzug. „Ich denke jedes Mal, jetzt habe ich alles gesehen.“ Seit 16 Jahren arbeitet er auch als Rettungssanitäter. „Aber es kommt jedes Jahr etwas hinzu.“

An der Sanitätsstation am Eichwaldbad taucht plötzlich wieder der Mönch auf. Er wurde eigentlich entlassen, Freunde sollten ihn abholen. Er torkelt, schwankt, und versucht, sein rechtes Bein nicht zu belasten. Schließlich lehnt er sich gegen die Wand.

Ein Helfer spricht ihn an, telefoniert mit den Freunden. Er überredet den Verkleideten, wieder nach innen zu kommen, um sich auf einer der Liegen auszuruhen.

Währenddessen sitzt Rainer Kammergruber im Einsatzfahrzeug vor dem Dänischen Bettenlager. Es riecht nach Diesel, der Motor läuft. Sonst würden die Heizung und die Technik im Wagen nicht funktionieren. Sechs Helfer haben die Monitore, Lagepläne und Funkgeräte im Blick. Von hier koordiniert Einsatzleiter Kammergruber sein Team. Mehr als 60 Freiwillige. „Wie zu erwarten war, ist es um halb 7 mit dem ersten Einsatz losgegangen“, sagt er. Kammergruber, seit 17 Jahren Bereitschaftsleiter, ist gut vorbereitet. Er hat sich dafür die komplette Woche freigenommen. Die Einsatzdokumentation herrichten, Pläne und Lagekarten auf den neuesten Stand bringen. Ein Wagen mit beheizbarem Notfallzelt steht bereit. Wenn auf einen Schlag mehrere Menschen verletzt werden – wie beim Unfall auf dem Donauwörther Umzug –, ist dort Platz für 25 Patienten zusätzlich. „Sollte es zu so einem Fall kommen, ist schon festgelegt, wo sich Rettungskräfte von außerhalb treffen.“

Der Hund an der Sanitätsstation lächelt wieder. Nach der Behandlung kommt der Besitzer des Straußenkostüms aus der Tür und begrüßt seinen Freund. Mit etwas Mühe steigt er in den Vogelanzug. Der Hals zeigt wieder nach oben. Die Nacht kann weitergehen.

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