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Wertingen

17.01.2020

Der gute Mensch von Wertingen

Alfred Sigg kann nicht ohne sein Fahrrad. Das Wertinger Original wird mit der Verfassungsmedaille des Bayerischen Landtags ausgezeichnet.
Foto: Hertha Stauch

Plus Alfred Sigg wird demnächst mit der Verfassungsmedaille des Bayerischen Landtags geehrt. Er weiß nicht, warum. Aber es gibt eine ganze Menge von Gründen, die dafür den Ausschlag geben könnten

Er gehört zu Wertingen wie die Türme der Martinskirche. Er und sein Fahrrad, mit dem er überall präsent ist, meist eine Tasche mit dicken Akten unter dem Arm und immer ein Lächeln im Gesicht. Jeder kennt ihn – Alfred Sigg – beliebt, belesen, spitzbübisch, leutselig, hilfsbereit. Er ist ein guter Mensch im wahrsten Sinne des Wortes, auch wenn er oft Streiche aus seiner Jugend erzählt, die darauf schließen lassen, dass es sich doch um einen Lausbub gehandelt haben muss, der im Nachkriegs-Wertingen aufgewachsen ist und dem als stillem Beobachter in all den Jahren nichts entgangen ist. Alfred Sigg trägt einen ungeheuren Wissensschatz mit sich, von dem das ganze Städtchen profitiert und den er jahrzehntelang in seiner Eigenschaft als Stadtrat, Kreisrat, Museumsreferent, in der Volkshochschule Zusamtal und als begeisterter Reserveoffizier der Bundeswehr eingebracht hat. Anfang Februar wird der 78-Jährige mit der Verfassungsmedaille des Bayerischen Landtags in Silber ausgezeichnet. Er fühlt sich einerseits geschmeichelt, weil auch die passable Schauspielerin Iris Berben diese Medaille in Gold erhält, rätselt aber andererseits, warum ausgerechnet er zu dieser Ehre kommt.

Rechtspfleger und Geschäftsleiter des Amtsgerichts Dillingen

Es ist seine Bescheidenheit, der zugrunde liegt, dass er sich selbst als gar nicht so wichtig einstuft. Doch mit seinem Wissensschatz und seiner scharfen Intelligenz behält Sigg immer den Durchblick, ist deshalb geschätzter Ratgeber in vielen Dingen in Wertingen. Seine beruflichen Kenntnisse als Rechtspfleger und Geschäftsleiter des Amtsgerichts Dillingen – inzwischen im Ruhestand – sind heute noch gefragt. Jahrelang unterstützte Sigg die Stadt in Grundstücksangelegenheiten, und noch heute berät er Vereine und Organisationen. Als Rechtspfleger war Sigg für das Grundbuchamt und Vereinsregister zuständig. Neben profundem Fachwissen kommt ihm sein menschliches Einfühlungsvermögen zugute und seine Eigenschaft, schwierige Sachverhältnisse auf eine laienhafte Verständnisebene herunterbrechen zu können. „Sigg fragen“ ist daher in Wertingen ein geflügeltes Wort. Von Siggs Verhandlungsgeschick profitierte die Stadt vor allem, als es galt, Grund und Boden von den Bauern für den Bau der südlichen Entlastungsstraße und die Ausweisung von Gewerbegebieten zu bekommen. „Da wurde viel getauscht und gehandelt“, lässt Sigg durchblicken, dass er es verstand, die Landwirte zu überzeugen. Kein Wunder – niemand versteht die Sprache der Bevölkerung besser als Alfred Sigg. Seine Liebe zum schwäbischen Dialekt, seine Kenntnisse über die altdeutschen Dialekte und Redewendungen sind Thema vieler Vortragsabende, die er bei der VHS Zusamtal hält. Dabei blickt Sigg mit Bedauern auf die immer mehr um sich greifende Vereinheitlichung der Sprache. „Das Schwäbische wird unvermeidlich aussterben,“ denkt der Wertinger und erklärt, dass das Hochdeutsche nur vermeintlich aus dem Norden kommt. Und die nördliche Sprache immer mehr im süddeutschen Raum gepflegt wird. Sigg selbst – das Original Sigg – ist der beste Beweis dafür, dass es noch eine geraume Zeit dauern dürfte, ehe der Schwabe ausgerottet ist – zumindest auf sprachlicher Ebene. Denn auch im Schnell-Sprechen kann keiner Alfred Sigg das Wasser reichen.

Sigg, der Historiker, nicht nur in sprachlichen Fragen: er kennt die Stadtgeschichte aus dem Effeff, betätigt sich seit Jahren als Stadtführer. Sigg war es, der das Heimatmuseum aufgebaut hat. Eine bunte Sammlung von schwäbischen Utensilien existierte einst in der alten Volksschule in Wertingen. Als diese abgerissen wurde und die Stadt das Schloss kaufte, richtete Sigg dort das Museum in Zusammenarbeit mit der Stelle für nicht-staatliche Museen in München ein. Inzwischen sind viele Sammlungen dazugekommen – Sigg ist klar, dass die Art der Museumstätigkeit, wie er sie pflegte, inzwischen überholt ist. Er weiß seine Nachfolge in guten Händen beim jetzigen Referenten Cornelius Brandelik, der das Museum auf einen neuen Stand bringen soll.

Reserveoffizier aus Leidenschaft

Und dann wäre da noch der Reserveoffizier Alfred Sigg, der in jungen Jahren nach der Rechtspflegerausbildung in Augsburg und bei München seinen Wehrdienst absolvierte und eine Schule für Reserveoffiziere in Neubiberg besuchte. Danach folgten mit den Jahren immer wieder Wehrübungen, darunter beim Jagdgeschwader 74 in Neuburg, Hammelburg und Koblenz und später beim Verteidigungskreiskommando in Donauwörth. Im Rahmen der zivil-militärischen Zusammenarbeit im Verteidigungs- und Katastrophenfall war Sigg auch Verbindungsoffizier des Verteidigungskreiskommandos zum Landkreis Dillingen. Sechs Jahre lang leitete er die Reservistenkameradschaft Wertingen, in der er heute noch tätig ist.

Alfred Sigg weist ein ganzes Bündel von Auszeichnungen vor, die er im Laufe seines Lebens bekommen hat. Dass jetzt eine weitere hinzukommt freut ihn. Er wird aber der bleiben, der er ist. Er wird weiter bei jedem Wetter mit dem Fahrrad fahren, zuhause zum Ärger seiner Frau Karin das Licht oder die Heizung abdrehen, solange es noch nicht unbedingt notwendig ist. „Ich bin ein überzeugter Grüner von meiner Haltung her“, bekennt er sich zu seinen Marotten. Als „Liberal-Konservativer, der grün lebt“ wird er weiter seinen Obstgarten im Aufbachtal pflegen, seinen Most pressen und diejenigen verfolgen, die dort seine Birnen stehlen. Übrigens: Vor einiger Zeit wandte sich Sigg per Zeitungsannonce an die Diebe. Er bedankte sich bei ihnen dafür, dass sie nur einen von dreien seiner „Welschnussbäume“ abgeräumt haben. Und er ärgerte sich darüber, dass die Zeitungsleute nicht wissen, was eine Welschnuss ist – denn sie machten aus seiner „Welschnuss“ eine „Walnuss“. Sprachwissenschaftler Sigg: „Welschnuss bedeutet, dass die Nüsse aus dem Gebiet der Welschen kommen.“

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