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Jubiläumsfeier in Wertingen

21.05.2018

Die Gebietsreform auf dem roten Sofa

Die Zeitzeugen der Gebietsreform, die Ehrenbürger Alfred Sigg und Dietrich Riesebeck (von links) auf dem roten Sofa in der Wertinger Stadthalle. Sie standen Moderatorin Marion Buk-Kluger beim Interview Rede und Antwort.
Bild: Hertha Stauch

Vor 40 Jahren wurden die Verwaltungszonen in Bayern neu geordnet. Das Zusamtal kam zum Landkreis Dillingen und Wertingen wurde Sitz einer Verwaltungsgemeinschaft. Wie Zeitzeugen das heute sehen

40 Jahre sind an heutigen Maßstäben gemessen eine lange Zeit. Und so hört es sich an wie aus einem vergangenen Jahrhundert, was die beiden Ehrenbürger da auf dem roten Sofa zu sagen haben. Zuweilen stecken sie die Köpfe zusammen – alte Strategen, mit allen Wassern gewaschen: „In der Politik geht es nicht immer nur um Sachfragen, vieles ist Verhandlungssache“, werden die Zuhörer später erfahren. Es sind Altbürgermeister Dietrich Riesebeck und Alfred Sigg, seines Zeichens Stadtrat, Museumsreferent und Amtsgerichtsdirektor im Ruhestand, die in der Stadthalle der feschen Moderatorin Marion Buk-Kluger Rede und Antwort stehen. 40 Jahre Gemeindegebietsreform im Zusamtal und Gründung einer Verwaltungsgemeinschaft ist das Thema vor geladenem Publikum am Freitagabend – Vereine, Kommunalpolitiker, Honoratioren – eine Rückschau und gleichzeitig eine Darstellung dessen, was heute ist.

Das Zusamtal, ein blühender, florierender Landstreifen, dessen Entwicklung auch die Landkreis- und Gemeindegebietsreform in den Jahren 1971 bis 1978 nichts anhaben konnte. Im Gegenteil, das Selbstbewusstsein der Dörfer und Städtchen in neu gebildeten Verwaltungseinheiten hat sich mit steigendem Wohlstand weiterentwickelt. Denn – Landrat Leo Schrell und Wertingens Bürgermeister Willy Lehmeier werden nicht müde, dies zu betonen – Dörfer, Städte, Gemeinden sind eben nicht nur Verwaltungseinheiten, sondern es sind die Menschen, die sie prägen, es ist deren Identität, die das Leben bestimmt.

„Ich bin fast ein Wertinger geworden“, muss Dietrich Riesebeck auf dem roten Sofa bekennen – der Mann, der ursprünglich aus der Uckermark kam, „ein Preiß’ war, evangelisch war und auch noch zur falschen Partei gehörte“. Alfred Sigg schildert treffend die Situation, in der sich der erst 28 Jahre junge Riesebeck in tiefster schwäbisch-bayerischer Provinz zurechtfinden musste, als er angeheuert wurde, Wertingens Bürgermeister zu werden und dann kurz darauf auch noch mit der Gebietsreform konfrontiert wurde. Heute wissen es die Wertinger zu schätzen, dass dieser Mann oft einen Dickschädel hatte, mit dem er Farbe ins behäbige Zusamstädtle brachte. Und das als SPDler – „das rote Sofa passt“, bemerkt Marion Buk-Kluger, die im blauen Dirndl einen erfrischenden Punkt zu den dunklen Anzügen in der Stadthalle setzt. Der Altbürgermeister und sein Gegenpol Alfred Sigg –das Wertinger Original, gewitzter Schwabe, der sich kein X für ein U vormachen lässt und der schon gar nicht auf den Mund gefallen ist.

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Damals, zu Zeiten der Gebietsreform, haben sich diese beiden, so wie viele andere, zusammengerauft, wohl oder übel. Denn es ging um alles.

Die Zusamtaler – schmerzhaft genug war, dass sie ihren Landkreis Wertingen verloren geben mussten – wollten nicht über die Donau nach Dillingen, sondern zu einem Landkreis Augsburg Nord mit Sitz in Gersthofen, der nie gebildet wurde, wie Sigg erzählt. Erzfeind im Zusamtal war der damalige Innenminister Bruno Merk, auf dessen Konto die Reform ging. Höhepunkt der Feindschaft war ein anonymer Anschlag an der Martinskirche mit dem „Gebet zum Sonntag“: Ein flehentlicher Gottesanruf quasi, den Innenminister doch zum Teufel zu jagen. „Ich weiß noch heute, wer das war, aber ich verrate es nicht“, gibt Alfred Sigg den Täter auch 40 Jahre nach dem Ereignis nicht bekannt.

Schwamm drüber – Landrat Leo Schrell und auch Dietrich Riesebeck tragen zur Ehrenrettung des Innenministers bei. „Mammutgemeinden auf dem Reißbrett“, wie etwa in Hessen oder Niedersachsen, habe es bei der bayerischen Gebietsreform nicht gegeben, erklärt der Landrat. Vielmehr verringerten sich in Bayern die selbstständigen Gemeinden von rund 7000 auf 2050. Einzelfälle gab es, wo es nicht passte und später korrigiert wurde.

Dennoch überwiegen heute die Vorteile, meint der Landrat zur Gemeindereform. Kleine, schwache Gemeinden könnten von größeren Einheiten profitieren und seien dort gut aufgehoben.

Gemeinden einer Verwaltungsgemeinschaft könnten jederzeit auf voll ausgebildete Verwaltungen mit Bau- und Finanzfachleuten zurückgreifen. Und trotzdem seien Bürgermeister und Gemeinderäte in ihren Entscheidungen autark. 

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